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Quelle: Pexels: Anna Tarazevich

Hands off! Corona und der Verlust von Berührungen

Beitrag aus der Redaktion

@in_cogito.de

Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich in den letzten fünf Monaten, seit Beginn der Corona-Pandemie, einem anderen Menschen die Hand geschüttelt oder jemanden umarmt habe. Ich vermisse das! Erst seitdem körperlicher Kontakt zu anderen Menschen ungewollt, fast verpönt ist, wird mir bewusst, wie körperlich ich eigentlich im Umgang mit meinen Freunden bin. Jedes Mal wenn ich eine gute Freundin treffe, umarmen wir uns.

Ich vermisse das!

Meine beste Freundin, die elf Jahre jünger ist als ich und für mich wie die kleine Schwester, die ich nie hatte, küsse ich gern auch mal auf die Wange oder den Kopf und drücke sie, wenn wir uns länger nicht gesehen haben, ganz fest an mich.

Seit Corona ist das alles vorbei

Seit Corona ist das alles vorbei. Meine eigene Mutter kann, beziehungsweise  sollte ich nicht umarmen wenn wir uns mal treffen. Ich möchte mir keine Vorwürfe machen müssen, sollte sie krank werden.

Die Begegnung mit anderen Menschen bringt nun jedes Mal diesen Moment der Peinlichkeit mit sich, in dem man unsicher ist WIE man sich nun begegnet. Umarmung geht nicht, Hände schütteln ist tabu.

Meine Therapeutin und ich begrüßen und verabschieden uns inzwischen mit einem buddhistischen „Namaste“: die Handflächen auf Höhe der Brust zusammengelegt und mit einer kleinen Verbeugung dann Richtung Kopf geführt. Ich finde diese Geste sehr schön, sie hat so etwas respektvolles, auch wenn es sich noch ungewohnt anfühlt. Neue Gewohnheiten brauchen halt so ihre Zeit.

Corona hat, zumindest in der ersten Zeit während des „Lockdowns“ meine Depression und allgemeine Angst verstärkt.

Ich bin Single und wohne allein. Ohne meinen Hund wäre ich während der ersten, sehr strengen Wochen hier in Bayern, vermutlich gar nicht mehr rausgegangen.

Es ist nicht dasselbe

Ja, okay, da war noch das Telefon und Skype und die Menschen, mit denen ich mich regelmäßig online auf der Spielkonsole treffe und mich unterhalte – aber das ist eben doch alles nicht dasselbe, wie der direkte zwischenmenschliche Kontakt.

Die Hand, die einem gereicht wird oder die man selber reichen möchte, zur Hilfe, zum Trost; die Schulter zum Anlehnen – all das ist erstmal nicht mehr. Ob es wiederkommt, ist fraglich, da unser tägliches Umfeld, unser Umgehen miteinander sich bereits gewandelt haben.

Wir gehen alle immer mehr auf Distanz zueinander. Uns trennen „Spuckschutz“-Wände, Masken und „sozialer Mindestabstand“. Alle Formen des virtuellen Aufeinandertreffens gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Ich hoffe weiter.

Ich hoffe weiter. Auf die Rückkehr der Umarmung, auf die Wiedergeburt des Handschlags, darauf, dass der körperliche Austausch von Zuneigungs- und Respektsbekundungen wieder möglich sein wird. Nicht nur unter Gesundheitsrisiko und mit schlechtem Gewissen, sondern ganz öffentlich, ohne dass das strenges Stirnrunzeln und Kopfschütteln provoziert.

Wir werden sehen, was die Zukunft diesbezüglich für uns alle in ihren (desinfizierten) Händen halten wird.

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Quelle: Pexels/Cottonbro

Warum mein Bruder als Autist besser kommunizieren kann als andere

Beitrag aus der Redaktion

@in_cogito.de

Ich bin froh, dass mein Bruder nicht sprechen kann, denn sonst wäre er nicht der, der er ist. Mein Vater glaubt, dass sein Leben nicht lebenswert ist, weil er nicht mit dem Mund und der Zunge sprechen kann, aber ich glaube das nicht. Ich sehe, wie sein Gesicht zu einem strahlendem Lächeln aufblüht, und weiß, dass sein Leben, dass er selbst wunderbar und wertvoll ist.

Autisten tun sich schwer mit der Kommunikation mit neurotypischen Menschen. Das liegt aber nicht daran, dass sie nicht kommunizieren könnten, sondern dass wir neurotypischen Menschen ihnen nicht die richtige Umgebung, die richtigen Mittel zugestehen.

Es geht viel tiefer

Deswegen bin ich froh, dass mein Bruder nicht mit Mund und Zunge spricht. Denn sonst wäre er nicht er selbst und hätte nicht seine eigene Art der Kommunikation entwickelt. Eine Art der Kommunikation, die viel  tiefer ist, als Worte es jemals ausdrücken könnten. Er bildet Worte mit seinem Zeigefinger, und kommuniziert nonverbal, also ohne Worte, mit seinen Händen, seinen Armen, seinem ganzen Körper, seinen Augen, seiner Mimik und auch mit seinem Mund. Warum ist es so wichtig, ober er jetzt Worte mit seinem Mund formen kann oder nicht?

Klar, er hat es sehr schwer, in einer Welt, die rein auf verbale Sprache ausgelegt ist. Aber ich sehe die Lösung nicht darin, ihn um jeden Preis das Sprechen beizubringen oder sein Leben für nicht lebenswert zu erklären. Ich wünsche mir stattdessen, dass sich die Welt dahin verändert, dass nonverbale Kommunikation genauso einen Raum bekommt wie gesprochene Worte.

Setzt mich nicht unter Druck.

Mein Bruder kann ohne Worte „Ich liebe dich und bin glücklich, dass du bei mir bist“ sagen, oder „Darf ich von deinem Joghurt essen?“ oder auch „Jetzt nicht, ich brauche Raum für mich“. Welcher neurotypische Mensch kann das schon von sich behaupten? Ich finde, seine Art zu kommunizieren ist die weitaus ausgereiftere Art und benötigt mehr kommunikative Fähigkeiten. Als jemand, die ständig anderen Menschen zuhört, finde ich auch, es ist die angenehmere Art. Seine Kommunikation drängt sich nicht auf, zwingt mich nicht, setzt mich nicht unter Druck. Es ist ein Angebot und ich bin mehr als glücklich, dieses Angebot anzunehmen. Wir können so Nähe und Verbundenheit schaffen, ohne Druck, Bewertung oder Angst, nicht genug oder zu viel zu sein.

Deshalb glaube ich, dass bessere kommunikative Fähigkeiten hat, als die meisten neurotypischen Menschen.

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Bei Hitze nicht durchdrehen: Schweinehundstage

Beitrag aus der Redaktion

@in_cogito.de

Die Sonne scheint in München, Temperaturen über 30°C, alles blüht, alle Menschen suchen die Natur auf, gehen spazieren und sonnen sich im Englischen Garten. Sie essen Eis, baden im Eisbach. Alles scheint so sommerlich, angenehm, friedlich.

Quelle: Pexels/Anouar OlhQuelle: Pexels/Anouar Olh
Quelle: Pexels/Anouar Olh

Es ist Sommer – für viele eine wunderschöne Jahreszeit, Urlaub und Ferien, Hitzefrei in der Schule, Freibäder haben geöffnet, die Tage sind lang. Auch im empfinde den Sommer als einzigartig, als Geschenk von Mutter Erde – genau so wie auch die anderen drei Jahreszeiten. Gleichzeitig ist vor allem der Sommer für mich aber auch eine sehr schwierige und unangenehme Zeit, zumindest aktuell.

Die Tage kochen vor hohen Temperaturen und die Nächte kühlen sich gar nicht richtig ab, das Schlafen ist sehr schwierig. Ab mittags halte ich die Fenster komplett geschlossen, damit sich mein WG-Zimmer im vierten Stock nicht so sehr aufheizt.

In der Küche steht die Hitze

Auch in unserer Küche steht die Hitze und Kochen ist wirklich schweißtreibend. Es ist so warm, dass ich fürchte der Kühlschrank könnte abtauen, wenn ich die Tür öffne. Was mich außerdem davon abhält ihn zu öffnen, ist, die Tatsache, dass er wegen meines Kauf- und Hortzwangs sehr vollgestopft ist. Dass er deshalb außerdem an einigen Stellen vereist ist, erschwert das Öffnen zusätzlich.

Ich schäme mich

Ich schäme mich für meinen Kühlschrank – dafür, dass er so voll ist und ich es aktuell noch nicht auf die Reihe bekomme, die Vorräte aufzubrauchen und nicht ständig alles nachzukaufen. Schuld und Scham nähren meinen inneren Kritiker. Genauso groß ist mein innerer Schweinehund, der mir einredet, dass ich es eh nicht schaffe mich zu ändern. Ich arbeite daran und auch an meiner Einstellung zur Hitze, denn aufgeben kann jeder und wenn ich nichts tue und mich nur schlecht rede, kann es ja nicht besser werden.

Wie ein Hefekloß…

Aktuell fühle ich mich bei warmen Temperaturen nämlich so, als würde ich aufblähen wie ein Hefekloß. Für mich, als jemand, der von einer Essstörung und anderen psychischen Erkrankungen betroffen ist, ist das ein immens unangenehmes Gefühl. Körperekel und Selbsthass steigen stark an. Ich koche innerlich wie äußerlich vor Unwohlsein.

Meistens, wenn ich dann rausgehe, weil es in der WG einfach nicht mehr auszuhalten ist, bin ich nur noch mehr genervt. Ich laufe zum Beispiel durch die Münchner Innenstadt, den Englischen Garten, gehe einkaufen oder ähnliches und die Menschenmassen sind mir einfach zu viel. Nach diesen Ausflügen fühle ich mich dann meistens noch schlechter.

Aber ich arbeite daran. Etwa seit Frühjahr diesen Jahres sind meine Körpersignale endlich wieder da. Ich kann selbst empfinden, was, wie viel, wann, wo, ob ich dieses oder jenes esse und genau so wann und ob ich satt bin. Ich erlaube mir alles und kann auch aufhören, wenn ich keinen Hunger mehr habe.

Fühlst du dich unwohl in deinem Körper und du weißt nicht, wie du damit umgehen sollst? Hier kannst du unkompliziert per Messenger Beraterinnen und Berater anschreiben.

Körperekel hinter mir lassen

Ich versuche, nicht zu verzagen bei der Hitze. Versuche auch den inneren Kritiker, den Körperekel, den inneren Schweinehund und all das, was mich sonst noch so belastet, hinter mir zu lassen. Oder wenigstens neben mir, wo sie weiter meckern und ich mich trotzdem auf mich fokussiere. Auf das, was GUT läuft, was es SCHÖNES und BEZAUBERNDES gibt.

Der Sommer ist einfach ein Geschenk, genau wie Wasser oder was auch immer. Wenn wir immer nur das in Vordergrund stellen, was schlecht ist und was wir nicht können und uns davon runterziehen lassen und uns immer nur schlecht reden, dann kann es auch nicht besser werden.

Genießt den Sommer und all das, was er und ihr selbst zu bieten habt!

Hefeklöße sind  auch ganz lecker…

Schreib uns

Kämpfst du auch mit deinem inneren Schweinehund?

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Mein Weg aus der Essstörung: Jetzt will ich anderen Mut schenken

Quelle: privat

Jenny, 26

Ihre vier Klinikaufenthalte hat Jenny nicht in der besten Erinnerung – rückblickend hat jeder einzelne davon ihr jedoch geholfen, ihre Essstörung loszulassen. Ihren Weg möchte sie teilen, um anderen Mut zu machen.

Heute

Ich sitze an dem Arbeitsplatz in meinem Zimmer, den Laptop aufgeklappt und tippe die ersten Worte ein. Letztes Semester, Abschlussarbeit. Mein grobes Thema: Die Bedeutung einer guten Nachsorge bei essgestörten Patientinnen und Patienten. Während ich schreibe, bemerke ich den Kloß in meinem Hals. Nicht ohne Grund habe ich speziell Essstörungen in den Fokus meiner Arbeit gestellt. Ich bin keine, die viel recherchieren muss. Die vor lauter Fachbegriffen nicht weiß, worauf sie Bezug nimmt. Oh doch, das weiß ich – nur zu gut. An meinen Füßen hockt der kleine Mischling einer Freundin, neben mir steht eine Tasse Tee und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich weit draußen die einmalig schöne Silhouette meiner Heimatstadt. Dass ich heute, jetzt hier so sitze, war nicht immer klar. Ich schließe die Augen und denke zurück an eine Zeit, die mir immer so vorkommt, als hätte ich sie nicht selbst erlebt.

Irgendwas ist mit dir

„Irgendwas ist mit dir.“ So ging es los und so nahm es seinen Lauf. Ich startete gerade in die Sekundarstufe II (die Jahre vor dem Abitur), als meine Mutter mich ansprach. Ich sei so verändert, zurückgezogen. Einige Monate später kam zum ersten Mal das Wort „Essstörung“ durch eine Therapeutin ins Spiel. Ich bemerkte, dass ich launischer war und selbstverständlich wusste ich auch, dass es mit dem Essen zusammenhing. Als ich mitten in den Vorbereitungen für die Abschlussprüfungen steckte, lernte ich einen tollen Mann kennen und versprach mir durch ihn und seine Liebe wieder mehr zu mir und meinem alten fröhlichen „Ich“ zurückzufinden. Er gab mir Kraft, Vertrauen und ein warmes Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Dennoch schaffte auch er es nicht, alle anderen Gedanken in meinem Kopf wegzupusten. Nach dem Abitur wollte ich durchstarten und bemerkte, wie ich an meinem Berufswunsch scheiterte. Für mich war es sehr schwer, mit Verlusten und großen Entscheidungen umzugehen. Durch diese für mich sehr bedeutende Niederlage fühlte ich mich zurückgeworfen. Die große Frage „Was möchte ich eigentlich im Leben machen?“ stand im Raum, und ich konnte sie nicht beantworten. Zweifel und Unsicherheiten bezüglich der Zukunft machten sich in mir breit. Zudem wurde mein Verhältnis zu Essen wieder schlechter und ich zog mich zurück. Nicht nur meine Stimmung, sondern auch die Beziehung litt darunter. Einen Plan, wie ich die Kurve bekomme, hatte ich nicht. Ich ließ mich hängen und wollte ausbrechen. Es war einfach zu viel. Und zum ersten Mal begann ich, meiner Essstörung einen größeren Raum als je zuvor zu geben.

Das Thema Klinik kommt auf

Mich beschäftigte der Gedanke, fort zu wollen. Ich fühlte mich unverstanden. Ständig wurden die Essstörung und meine Wesensveränderung thematisiert, doch das brachte mich nur mehr gegen meine Familie und meinen Freund auf. Mit Sicherheit war es auch für sie nicht einfach. Aber das sah ich damals nicht. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, in der Beziehung zu funktionieren, meine Eltern nicht durch mein Essverhalten zu verletzen und allen gut gemeinten Ratschlägen Folge zu leisten. Als mir all das zu viel wurde, wäre ich gerne einige Wochen nur für mich gewesen. So entstand der Gedanke, nach Kliniken zu suchen. Im ersten Moment erhoffte ich mir davon einfach nur eine Auszeit. Wie sehr ich durch die Essstörung gezeichnet war, wie schlecht es mir tatsächlich mental und physisch ging, das sah ich nicht. Meine Krankheitseinsicht war gleich Null. Meine Werte beim Arzt waren alle im gesunden Rahmen. Ich verdrückte auch mal eine Pizza und erbrach mich nicht danach. Ich zerstückelte mein Essen nicht. War ich überhaupt „krank genug“ für eine Klinik? Der Gedanke nagte sehr an mir und ich hungerte, um mir meinen Aufenthalt auch verdienen zu dürfen. Was zunächst wie eine Flucht, eine Befreiung erschien, schnürte mir letztlich nur noch mehr die Kehle zu. So bescheuert, so dumm, aber das waren die verdammten Tücken meiner Essstörung. Eine gute Freundin unterstützte und bestärkte mich schließlich, den Weg zu gehen. Ich bekam die Chance auf eine recht schnelle Aufnahme und ehe ich es mir anders überlegen konnte, stimmte ich dem Termin zu.

Als es soweit war und ich in die Klinik kam, erschien mir die Entscheidung wie ein Rettungsanker. Es gab Menschen, die mich verstanden und ich konnte mich fallen lassen. Sechs Wochen später revidierte ich meinen anfänglichen Eindruck. Nach dieser Erfahrung wollte ich nie wieder in solch eine Einrichtung. Warum auch, ich schaffe es bestimmt gut zuhause! Davon war ich jedenfalls überzeugt. Schlussendlich folgten nach dem ersten Klinikaufenthalt noch drei weitere.

Meine Erfahrungen – schmerzlich, erschütternd, ein Aufrütteln?

Diese Zeit war und ist immer noch prägend für mich. Mit Schmerz, Wut im Bauch und einem Kloß im Hals denke ich teilweise an Schlüsselmomente zurück. Momente, die mich verändert und meinem kranken Handeln Raum gegeben haben.

Es begann so harmonisch und hätte der Grundstein für unbeschwerte Jahre werden können – mein erster Aufenthalt. Ich war vorzeigefähig durch mein gutes Essverhalten, wurde gemocht und war die Starke. Was, die ist so dünn, kommt hier her und vertilgt aber ihr Essen bis auf den letzten Krümel?! Respekt! Respekt, ja, den bekam ich – anfangs. Nach und nach manövrierte ich mich jedoch in das kranke Denken hinein. Sah zu viel, hörte zu viel, passte mich an und machte ihre Gedanken zu meinen. Oder aber mir wurde einfach nur schmerzlich bewusst, dass ich doch essgestörter war als ich zu glauben vermochte.

Kurze Zeit später ließ ich Essen liegen und redete ich mich raus – genau wie ich das bei allen anderen auch beobachtet hatte. Sachen vertuschen war aber keine gute Eigenschaft in der Gruppe. Von der vorbildlichen Person war ich dadurch zur Zielscheibe geworden. Ich wurde gemieden und ausgegrenzt. Also mit dem Kopf durch die Wand, ich gegen alle – das kannte ich bereits sehr gut. Mit meiner Motivation ging es stetig bergab, die Zurückweisungen schmerzten.

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Die Geschichte mit dem Zwang

Ich sollte weg  und wollte schließlich auch weg. Diese erste Erfahrung mit Kliniken verfolgte mich von da an als abschreckendes Beispiel. Leider funktionierte es zuhause überhaupt nicht mehr. Ich hatte meine eigenen Regeln und ließ mir von niemandem etwas sagen. Dadurch reduzierte sich die von mir aufgenommene Nahrungsmenge auf ein Minimum, was letztlich zum Tiefpunkt meines Gewichts führte. Ich sah selber ein, dass ein Weiterkommen ohne Hilfe aussichtlos war. Auch die ärztliche Seite sprach dringend die Empfehlung eines weiteren stationären Aufenthalts aus. Also auf ein Neues.

Bei der zweiten Klinik wurde es dann so unmenschlich, dass mir noch heute das Herz schmerzt. Mit genügend Abstand kann ich beschreiben, was ich dort erlebt habe. Es gab zum Beispiel einen Vertrag, der mit Strafen arbeitete, wenn das Gewicht nicht geschafft wird. Als dieser Fall zweimal bei mir eintrat, bekam ich die Konsequenzen schmerzhaft zu spüren: eingesperrt auf meinem Zimmer, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt, kein Briefverkehr, kein Telefon, keine Therapien und kein gemeinsames Essen.  Die Mahlzeiten wurden auf dem Zimmer serviert, dort war ich ihnen alleine ausgesetzt. Kein Lächeln, keine aufmunternden Worte oder Gehör von Mitpatienten oder Therapeuten. Mein Highlight am Tag war beschränkt auf das „aus-dem-Fenster-schauen.“ Mein größter Wunsch war so klein: einmal wieder die Sommersonne auf der blassen Haut spüren. Mein Herz hegte keine großen Ansprüche – es wollte nur Menschlichkeit erfahren.

Als ob das nicht bereits genug für meine Seele war, kam irgendwann das Thema Zwangsernährung auf. Ich war wie vor den Kopf gestoßen – ich, zwangsernährt? Es riss mir den Boden unter den Füßen weg. In seltenen Fällen kann über Zwangsmaßnahmen wie beispielsweise die Zwangsernährung bei Anorexie bestimmt werden. Dies geschieht meist dann, wenn Krankheitsfolgen und die bestehende lebensbedrohliche Situation nicht realitätsnah von Patientinnen und Patienten eingeschätzt werden oder sie sich weigern, überhaupt (stationäre) Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine Wahl hatte ich nicht. Ein weiterer Tiefpunkt, der mich zum Nachdenken anregte. Ich hatte mich doch freiwillig in die Klinik begeben. Ich war motiviert, etwas zu ändern – es klappte nur nicht wie gewollt. Und dennoch musste ich diese Maßnahme über mich ergehen lassen. Die Sonde wurde zunächst für zwei Wochen gelegt und sollte kurzfristigen Erfolg für mein Gewicht bedeuten, im Kopf jedoch sorgte sie für Aufbäumen und Sträuben gegen diese Klinik. Mir wurde schmerzlich bewusst, dass die Essstörung mir Freiheiten und jegliche Kontrolle nahm.

Umdenken und Schritte nach vorn

Die letzte von vier Kliniken besuchte ich zweimal hintereinander. Sie gab mir ein Stück Normalität und Hoffnung zurück. In den Therapien war ich mit einer Gruppe aus hauptsächlich Gleichaltrigen zusammen. Wir hatten ähnliche Gedanken und Probleme – Loslösung von zuhause, eigenständig leben, etwas verändern wollen und herausfinden, was uns tatsächlich auszeichnet. Das Essen war wichtig – natürlich. Aber es nahm uns nicht komplett ein. Auch anderen Themen wurde Raum geschenkt.

Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich die Nase voll hatte. Ständig kamen neue Patientinnen und Patienten. Immer die gleichen Geschichten, oftmals das gleiche Versteckspiel am Esstisch. Ich konnte und wollte es nicht mehr sehen. Zum ersten Mal wollte ich nach Hause. Davor beherrschte mich immer die Angst, dass es in der Klinik funktionierte und daheim nicht. Doch diesmal war es anders. Ich fühlte mich stark genug für ein Leben in der Heimat. Ich wollte es wagen, die Essstörung loszulassen.

Wer bin ich ohne die Essstörung?

In meiner Therapie erstellte ich eine Mindmap zum Thema „Wer bin ich ohne die Essstörung?“ Zunächst tat es mir weh, dass ich keine Antwort darauf fand. Doch damit wollte ich mich nicht abfinden. In den Kliniken hatte ich wieder meine Liebe zur Musik gefunden und beschäftigte mich außerdem mit der Hochzeit meiner Schwester. Tag für Tag arbeitete ich noch in der Klinik an einem Buch für sie und ihren zukünftigen Mann und stellte eine knapp einstündige Show auf die Beine. Ich fühlte mich dabei in frühere Zeiten zurückversetzt, wo ich gewitzt, selbstbewusst und voller Ideen war. Dieses Leben wieder in mir zu spüren war einmalig. Dieses unbeschreibliche Gefühl – ich wünsche es jedem.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass jede und jeder der Betroffenen einen eigenen Krankheitsverlauf hat und auch möglicherweise andere Beweggründe für einen klinischen Aufenthalt. Ich möchte niemandem den Mut nehmen, sich für diesen Schritt zu entscheiden, auch wenn ich teilweise negative Erfahrungen gemacht habe. Er kann unheimlich bedeutend für das Vorankommen sein! Jede Klinik verfolgt ein individuelles Konzept und dem einen Menschen wird es helfen, dem anderen nicht. Auch ich selbst habe Fehler gemacht und Mist gebaut, mich runterziehen lassen, anstatt die Gegebenheiten als Kampfansage für mein Leben zu nehmen. Macht ihr es besser – und solltet ihr Rückschläge erfahren, dann denkt dran: Das macht euch auf dem langen Weg nur stärker!

Von mir – für Euch

Aufgrund meiner Erfahrungen möchte ich euch gerne noch zwei Tipps an die Hand geben, falls auch ihr euch in einer ähnlichen Situation befindet.

  • Eine Klinik finden: Es gibt zahlreiche Kliniken mit verschiedenen Schwerpunkten. Holt euch Informationen darüber ein und versucht euch ehrlich zu betrachten: Ist mehr Verantwortung nötig oder nicht? Würdet ihr euch selbst belügen, wenn die Klinik Freiheiten bietet? Ich hätte es damals nicht zugegeben, aber für mich wusste ich immer, wieviel ich alleine „kann“ und wo noch die Essstörung spricht. Lasst euch drauf ein und redet lieber über die Dinge, die euch schwerfallen, anstatt sie zu vertuschen. Verheimlichen ist oft der einfache Weg, aber leider auch der kranke. Und stellt euch die Frage nach der Motivation. Wärt ihr bereit, die Essstörung ziehen zu lassen? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch nur dann der Weg für eine Therapie tatsächlich frei ist.
  • Kommunikation: Wie bereits erwähnt, ist Reden Gold wert. Seien es die Mitpatient*innen, die Klinikleitung, die Betreuerinnen und Betreuer. Ihr müsst nichts herunterschlucken und nicht alles über euch ergehen lassen. Die Krankheit ist tückisch und lässt euch zeitweise auch „dumme Sachen“ machen. Deshalb seid ihr als Mensch dennoch wichtig! Ihr dürft zugeben, wenn ihr gerade zwei Schritte rückwärts macht. Ihr dürft sagen, was euch belastet oder wenn ihr euch ungerecht behandelt fühlt. Bestenfalls werdet nicht nur ihr euch befreiter fühlen, sondern auch die anderen schätzen euch für eure Ehrlichkeit und können Unterstützung bieten.

Wie ich meinen Herzenswunsch verfolge

Zusammenfassend kann ich sagen: Es ist eine schmale Gratwanderung zwischen der medizinischen Verantwortung, dem Klinikkonzept und den Bedürfnissen des Kranken – bzw. des Menschen, der dahintersteckt. Damals empfand ich nur Unverständnis für die Verantwortlichen. Wie konnte man mich so behandeln? Heute sehe ich es in großen Teilen noch immer so, bin aber wesentlich reflektierter und versuche auch die andere Seite zu verstehen. Genau an diesem Punkt setzte ich vor knapp drei Jahren an, als ich mich entschloss, ein Studium im Bereich Gesundheitsmanagement aufzunehmen. Ich wollte danach bereit sein, Veränderungen loszutreten und auf all die Missstände, die ich persönlich erlebt habe, hinzuweisen. Ich wollte beruflich mit den Essgestörten in Kontakt kommen, ihnen zur Seite stehen und das alles in großem Rahmen: ich wollte eine Klinik für Essstörungen leiten und den Hut aufhaben. Die Zügel in der Hand halten. Ein Konzept etablieren, das es erlaubt, noch den Menschen zu betrachten, Zeit zu schenken und Zuversicht.

Meine Erfahrungen haben mich geprägt und geformt, aber vor allem haben sie mir eines vermittelt: die Schmerzen und die Umstände, die „verlorenen Jahre“ müssen nicht umsonst gewesen sein. Wenn es mir gelingt, auch nur einen Menschen zu erreichen und ihm Mut zu schenken – dann sitzt auch er vielleicht bald am Fenster, lächelt gedankenverloren und spürt wieder, was Glückseligkeit bedeutet. Das wäre es mir wert.

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Missbrauch als Punchline - Wie Kinofilme Vergewaltigungen und Stalking verherrlichen

Quelle: privat

Nora, 23

@thenoralie

Ein Stalker hier, eine Vergewaltigung dort – Nora ist entrüstet, wie beiläufig sexuelle und psychische Gewalt in Filmen zu Unterhaltungszwecken verharmlost wird. Ihre Gedanken dazu – und ein Schlüsselerlebnis, in dem ihr bester Freund und ihr Ex-Freund eine Rolle spielen, teilt sie in diesem Beitrag mit euch.

Vor ein paar Jahren kam der Film Lommbock (2017) in die Kinos. Mein Exfreund und mein bester Freund wollten diesen Film unbedingt sehen und waren förmlich geschockt, als sie hörten, dass ich den ersten Teil Lammbock – Alles in Handarbeit (2001) nicht kannte. Also wurde ich kurzerhand auf die Couch gesetzt, mit Popcorn ausgestattet, damit wir direkt nachdem wir den ersten Teil auf der Couch gesehen haben, perfekt eingestimmt ins Kino gehen konnten. „Bereite dich auf den lustigsten Film überhaupt vor!", wurde mir gesagt. Soweit, so gut. Der Film begann und ich langweilte mich etwas. Mein Humor ist das nicht, aber über Humor lässt sich streiten! Lammbock erschien mir wie ein ziemlich primitiver Stoner-Film, der vermutlich nur mit beeinträchtigter Sinneswahrnehmung zu ertragen ist.Es geht darin um zwei Jungs, die unter dem Deckmantel eines Pizza-Service heimlich Marihuana ausliefern – und selbst ihre besten Kunden sind. Der Film erscheint recht harmlos, bis zu einer Szene: Hauptdarsteller Stefan, ein sympathischer aber leicht verpeilter Jura-Student, legt sich nach einer Party zu seiner Exfreundin ins Bett und schläft der regungslosen Frau neben sich bei. Am nächsten Morgen läuft jedoch genau diese Exfreundin ins Zimmer und zwitschert fröhlich „Guten Morgen". Stefan schaut auf die Frau, mit der er in der vergangenen Nacht geschlafen hat und bemerkt, dass es seine kleine Schwester ist. Die beiden Männer neben mir auf der Couch kringelten sich vor Lachen und ich war geschockt. Ich fragte sie, was an dieser Vergewaltigung denn so lustig sei. Die beiden hörten verdutzt auf. „Ach, Vergewaltigung. Das klingt so hart."

Vergewaltigung, das klingt so hart.

„Der wusste halt nicht, dass es seine Schwester ist", versuchte mir einer von beiden den vermeintlichen Witz zu erklären. Und genau das schockierte mich, denn das grob fahrlässige Vorgehen des Regisseurs und Drehbuchautors Christian Zübert, eine Vergewaltigung als Punchline auszuschlachten, hat einen gefährlich verharmlosenden Effekt auf die Zuschauerinnen und Zuschauer. Liebe Leute, eine Vergewaltigung ist nicht nur dann eine Vergewaltigung, wenn das Opfer brutal überfallen wird, sondern jedes nicht-einvernehmliche orale, vaginale oder anale Eindringen in eine andere Person oder von einer anderen Person. Eine schlafende oder bewusstlose Person kann gar keine Einwilligung zu einem Sexualakt geben, somit werden wir in dieser Szene in jedem Fall Zeugen einer Nötigung bis hin zur Vergewaltigung.

Sie fanden das Thema eher lästig

Die beiden Männer hörten sich meine Erklärung an und stimmten auch zu, jedoch merkte ich, dass sie die tiefgehende Thematik eher lästig fanden – für sie hatte dieser Film eine recht primitiv-amüsante Handlung; dass dieser jetzt auf einmal so viel Gewicht zugetragen wurde, passte nicht zu ihrer Wahrnehmung. Und genau das ist so höchst problematisch. Über Vergewaltigung und Nötigung muss berichtet werden, es muss gezeigt werden, weil viele Menschen  die Häufigkeit dessen nicht vor Augen haben. Eine Vergewaltigung als stupide Pointe zu missbrauchen ist jedoch nicht nur respektlos und triggernd den Opfern gegenüber, sondern verharmlost die Tat.

Bei dir werden gerade Erinnerungen wach, über die du dich gerne mit jemandem austauschen möchtest? Hier kannst du ganz unkompliziert per Messenger Beraterinnen und Berater anschreiben.

Da Lammbock ja nun bereits 2001 erschienen ist, konnten die beiden Männer mich überzeugen, mit ihnen den zweiten Teil anzuschauen.  2017 würde sowas ja nicht mehr passieren und Zübert hätte vermutlich auch in der Zwischenzeit einiges gelernt, was er als so junger Regisseur von knapp 30 Jahren 2001 noch nicht gewusst hat. Leider nein. Leider gar nicht. Hauptdarsteller Stefan, inzwischen erwachsen, relativ erfolgreich und etwas weniger vertrottelt, pendelt beruflich und privat zwischen Deutschland und Dubai und träumt seinen Tagen als Stoner nach.

Auch der zweite Teil verherrlicht Gewalt

Erneut, und dieses Mal noch überflüssiger und beiläufiger als bereits im ersten Teil, wird die damalige Vergewaltigung seiner kleinen Schwester thematisiert. Stefan ruft seinen Vater an und dieser beschwert sich, Stefan würde sich nie bei ihm melden. Selbst seine kleine Schwester würde häufiger anrufen, und „die wohnt immerhin in Australien und hat ein behindertes Kind."

Ein recht beiläufiger Satz mit jedoch so viel Interpretationsspielraum. Dass Kinder, die aus inzestuösen Beziehungen, also Beziehungen zwischen Blutsverwandten entstehen, ein extrem erhöhtes Risikopotential für körperliche und geistige Behinderungen haben, ist medizinisch vielfach belegt. Christian Zübert schießt sich somit leider wieder komplett ins Aus – die Chance, den unmöglichen Umgang mit sexuellem Missbrauch aus dem ersten Teil aufzuarbeiten, wird bewusst verpasst. Stattdessen tritt der Film die Gewaltverherrlichung weiter breit. Und das wirklich Problematische daran ist, dass viele Zuschauerinnen und Zuschauer unbewusst eine sehr gefährliche Message verinnerlichen: sich an jemandem zu vergreifen, der schläft, ist nur dann falsch, wenn es die kleine Schwester ist.

Genau davon handelte auch unsere Diskussion nach dem Film – für mich ist der Film durch diese verherrlichte Vergewaltigung und dessen fahrlässigen Umgang unerträglich. Dies zu thematisieren, trifft jedoch auf viel Kritik – man will sich ja amüsieren! Und das Gesehene zu hinterfragen, wenn es doch so hübsch komödiant verpackt ist, ist auch einfach lästig. Leider ist genau diese Glorifizierung von Gewalt gegen Frauen ein sehr gängiges Phänomen in Popkultur. Diese Gewalt muss sich nicht zwangsläufig durch körperlichen Missbrauch abzeichnen. Auch Stalking und Belästigung werden in der Filmindustrie höchst idealisiert.

  • In Fifty Shades of Grey (2015) stalked der männliche Protagonist sein Objekt der Begierde so lange, bis sie sich ihm willentlich hingibt.
  • In Tatsächlich… Liebe (2003) verliebt sich ein Mann hoffnungslos in die Frau seines besten Freundes. Der Mann beschließt, ihr seine Liebe in dem Video von ihrer Hochzeit zu gestehen, und taucht sogar unangekündigt vor ihrer Tür auf, obwohl sie nie ihr Interesse an ihm bekundet hat.
  • In Twilight (2008) schleicht sich der männliche Hauptcharakter regelmäßig in das Zimmer der Protagonistin und schaut ihr beim Schlafen zu.
  • In Passenger (2016) erwacht ein Passagier eines Raumschiffs, das auf eine „neue Erde" zusteuert, 90 Jahre zu früh. Er ist die einzige Person, die wach ist, und es ist unvermeidlich, dass er sterben wird, bevor das Schiff landet und alle anderen aufwachen. Aus chronischer Vereinsamung gerät der Protagonist in die Besessenheit einer Frau, die er nie kennen gelernt hat, befreit sie aus ihrem Kälteschlaf und verurteilt sie dadurch zum Tod. Die Frau spricht es sogar aus, als sie herausfindet, dass er sie absichtlich aufgeweckt hat. „Das ist Mord!", ruft sie. Doch am Ende kommen die beiden zusammen,…

… wie auch in allen anderen hier genannten Beispielen, mit Ausnahme von Tatsächlich… Liebe, wo die Frau ihren Stalker lediglich zum Abschied küsst.

Immer wieder vermittelt diese Darstellung von romantisiertem Missbrauch, dass der Zweck die Mittel heiligt. Selbst wenn die Mittel missbräuchlich und illegal sind, so geschieht dies der Argumentation nach aus Liebe und für die Liebe. Und diese Argumente übertrumpfen scheinbar jegliches Recht und Gesetz. Der ehemalige Football-Spieler O.J. Simpson sagte in einem Interview bezüglich des Mordes an seiner Frau: „Selbst wenn ich es getan hätte, dann doch wohl, weil ich sie so sehr geliebt habe, oder?"

Auch in Game of Thrones (2014) bemitleiden Zuschauer*innen Tyrion für den Mord an seiner Geliebten, Shae. Immerhin hat diese ihn ja auch verraten und er erscheint einem auf absurde Art wie ein grotesker Erlöser, wenn er sie stranguliert. Es geschieht ja aus Liebe, und Liebe ist etwas durch und durch Gutes. Leider ist genau dieser Fehlschluss folgenschwer. Denn durch die Behauptung, dass etwas aufgrund extremer Emotionen wie Liebe geschieht, entlässt man den Täter in gewisser Weise aus seiner Verantwortung

Tyrion tötet seine Geliebte Shae in Game of Thrones (2015).

Selbstbestimmtes, bedachtes Handeln wird ersetzt durch eine unbewusste Affekthandlung. Das bedeutet gleichzeitig, dass der Täter nicht mehr angemessen zur Rechenschaft gezogen werden kann. Folglich verhält man sich, als ob bei diesen, von Affekt bestimmten Taten eine gewisse Teilschuld dem Opfer anzulasten wäre, da dieses den Täter zu seiner Tat getrieben hat. Dieses Victim Blaming hat eine ähnlich gravierende Bilanz, wie die Verherrlichung der Taten an sich. Durch Beschönigung von Stalking und Gewalt wird genau das in unserer Gesellschaft gefördert und verstetigt.

Es gibt eine Reihe von Studien, die darlegen, wie schädigend der Einfluss solcher Filme auf unsere Gesellschaft sein kann. Einfach gesagt lernen Männer durch diese Filme, kein „Nein" zu akzeptieren, sondern stattdessen die Frau durch Verführung und Überredungskunst zu einem Ja zu bewegen. Wenn eine Frau einen zurückweist, bedeutet das nicht etwa, dass diese selbstständige, eigenverantwortliche Frau ihre autonome Meinung kundtut und man dies respektieren sollte. Vielmehr wird das als Ansporn angesehen, es noch vehementer zu versuchen und wenn dabei ein oder zwei Gesetze gebrochen werden, ist das ja nur halb so schlimm, denn am Ende werden sie für ihre Mühen ja belohnt.

Auf Frauen haben diese Film den Effekt, dass sie häufiger toxisches Fehlverhalten entschuldigen und den Fehler bei sich selbst zu suchen. War ich es, die dies in ihm ausgelöst hat? Sollte ich dem Nachgeben, da er viel für mich empfindet? Aber er meint es ja sicherlich nicht böse, also sollte ich ihm einfach vergeben, richtig? Und er steht jeden Tag aus Liebe bei mir vor der Tür und bringt mir Blumen, die ich nicht möchte. Da sollte ich doch dankbar sein, richtig? Die Antwort auf all diese Fragen ist recht simpel: Nein. Eine Beziehung sollte nicht auf der Grundlage aufgebaut sein, dass man dazu weichgeklopft wurde oder man kapituliert. Es ist auch nichts Schlimmes oder gar Beleidigendes, wenn die eigenen Gefühle, sowie die Gefühle eines anderen nicht erwidert werden. Und Filme, die sich Millionen Menschen ansehen, sollte genau das auch zeigen, und nicht Straftaten und Missbrauch verherrlichen. Vielleicht könnten diese dann auch einen positiven Effekt auf unsere Gesellschaft auslösen, wer weiß?

Was wir daraus mitnehmen sollten ist jedoch, das, was wir in Filmen zu sehen bekommen, auch zu hinterfragen. Ist das wirklich so romantisch, wie ich glauben soll? Bricht er grade bei ihr ein? und Warum verliebt die sich denn jetzt in den? sind schon mal ein guter Anfang. Und wenn sich bei euch jemand nachts ins Zimmer schleicht, um euch beim Schlafen zuzuschauen, ruft ihr bitte sofort die Polizei.

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Die männliche Dunkelziffer

Quelle: privat

Aron Boks ist Autor und Poetry Slammer aus Berlin. In seinem Buch „Luft nach Unten. Wie ich mit meiner Magersucht zusammenkam und mit ihr lebte.“ (Schwarzkopf&Schwarzkopf, 2019) schreibt er über die verzerrte Sicht eines männlichen Essgestörten. Warum Essstörungen bei Jungs und jungen Männern so wenig thematisiert werden? Dafür hat er eine Erklärung.

Sobald das Wort Essstörungen in Unterhaltungen oder in gesellschaftspolitischen Debatten fällt, wird ein psychologischer Kinofilm abgespielt. Schnell werden Geschichten erzählt. Es wird daran gedacht, wie Betroffene „herausgekommen sind“, wie sie sich überhaupt erst von den utopischen Schönheitsidealen haben leiten lassen und sich zum Fasten getrieben haben.

Dazu findet sich nicht selten eine bewegende Vorher-Nachher-Geschichte, die Magersucht (eigentlich Anorexia Nervosa) und nicht etwa bulimisches Verhalten oder Binge-Eating Störungen mit einschließt. Schnell werden die Modeindustrie, das Idealisieren von Stars, der Schönheitswahn verantwortlich gemacht. Unterhaltung beendet.

Diese Erklärung ist zu einfach

Doch gegen die Einfachheit dieser immer wieder abgespulten Erklärung spricht zu vieles. Laurie Penny bezeichnete eine Essstörung in ihrem Buch „Fleischmarkt“ als einen „privaten, gewalttätigen Ausdruck des kulturellen Traumas“ und listete auf, dass es sicherlich kein Zufall sei , dass die Anzahl von klinisch eingewiesenen jungen Männern und Frauen seit 1999 um 80 Prozent gestiegen ist und in Europa eine von 100 Frauen und einer von 1.000 Männern betroffenen ist. Ähnliches belegen Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Die Gründe für die Geschlechtsunterschiede sind unverkennbar. Patriarchalische Strukturen tragen dazu bei, dass betroffene Jungen und Männer sich meistens „melden“, also körperliche Schäden aufweisen oder von ihrem Umfeld zur Intervention gezwungen werden, wenn ihre Essstörung schon kognitive und/oder organische Schäden verursachen konnte.

Den sozialen Druck, den Jungen und Männer zu Beginn einer Erkrankung fühlen, fasst Jack Urwin in „Boy’s don’t cry“ treffend zusammen: „Da Essstörungen so eng mit Frauen assoziiert sind, kann es Männern, die darunter leiden, peinlich sein, Hilfe zu suchen, es könnte als entmannend gelten.“ Die Dunkelziffer ist also vermutlich sehr hoch.

Das Spiel mit der Angst

Die Ängste von jungen Frauen und Männern nicht gut genug, schön genug, nicht genug zu sein, werden von kapitalistischen Werbestrategien ignoriert, oder sogar ausgenutzt. Das Gefühl des Hunger-habens, das Essen selbst, werden als schwach dargestellt. So werden Schnell-Mahlzeit-Shakes beworben, die im Stehen getrunken werden können. Es bleibt schließlich mehr vom Tag, wenn man Zeit bei den Mahlzeiten spart. Schlankheit und Askese werden gleichgesetzt mit Stärke und Erfolg.

Frauen wird eine Anfälligkeit in diesem Kontext zugesprochen, öffentlich jedoch mit der Begründung der Selbstbestimmung abgewehrt – bei Männern, als potenzielle Risikoträger, stellt sich diese Frage nicht.

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass die überbordernde Beschäftigung und Instrumentalisierung mit und von Ernährung pathologische Züge entwickelt. Dies geschieht damit, dass von Außen suggeriert wird, eine nicht vollständig pedantisch selbst kontrollierte und utopisch ayuverdische Ernährung wäre mit Verfall verbunden und Askese mit der intellektuellen und nachhaltigen „Szene“.

Faszination für Askese

Nicht die Askese, die Enthaltsamkeit, ist krankhaft, aber die ihr entgegengebrachte Faszination. Denn Askese hat, genau wie Völlerei, eine berauschende Wirkung, steht also in direktem Zusammenhang mit Emotionen und Wahrnehmung.

Essstörungen, auch Bulimia Nervosa und die Binge-Eating Störung, gehören den Emotionsregulationsstörungen an. Betroffene wollen sich, ähnlich wie Abhängige im Gebrauch von Drogen, mit den körperlichen Auswirkungen nach möglichst wenig beziehungsweise möglichst viel Nahrung von tief sitzenden psychischen Problemen entfernen, bewusst oder unbewusst.

Durch überholte Rollenbilder wird ein solches Verhalten bei einer Frau eher als abnormal und damit schnell als „magersüchtig“, bei einem Jungen zunächst als „Spinnerei“ oder „Abnormität“ gesehen. An Essstörung wird meist zu spät gedacht.

Doch die Debatte bezieht sich nicht auf eine Geschlechterungleichheit im Umgang mit Essstörung. Nein, dafür müsste es zunächst ein Fundament geben, dessen Grundstein nicht einmal gelegt worden ist. Die wirkliche Frage ist, wo gesellschaftspolitisch angesetzt werden muss, um den Kampf gegen Emotionsregulationsstörungen – speziell tödlichen psychischen Krankheiten, wie Essstörungen, konstruktiv beginnen zu können.

Kurz nach Veröffentlichung meines Buches „Luft nach Unten. Wie ich mit meiner Magersucht zusammenkam und mit ihr lebte.“ (Schwarzkopf&Schwarzkopf, 2019) fragte ein Großteil der interviewführenden Journalisten und Journalistinnen nach exakten Gewichtszahlen und dezimalzifferbestimmten Tiefpunkten meines Lebens. Eine größere deutsche Boulevardzeitung forderte ein Interview, das doch am besten mit einem Familienmitglied zu führen wäre. Das gewünschte Geschlecht dieses Familienmitglieds kann sich gedacht werden.

Die beschäftigt dieses Thema? Dann kannst du gleich hier deine Fragen loswerden.

Rolle der Medien

Klar, als erwachsener Mann frage ich lieber eine Familienangehörige, ob sie mich zu Interviews begleitet um nochmal genau zu erklären, wie das wirklich war. Als ich unter dieser Bedingung ablehnte, war das Interesse für einen themenspezifischen Artikel auf einmal verflogen. Der wahrscheinliche Grund dieses Anliegens stellt neben dem fast versessenen Interesse an konkreten Gewichtswerten und -maßen, auf entlarvende Weise die Mitschuld der Medienlandschaft (vor allem aber der Boulevard und Unterhaltungskultur) an der Ausbreitung von Essstörungen bei Frauen und Männern in der westlichen Welt dar.

Fernab von der Sinnlosigkeit der Idee,  die Schwere einer solchen Erkrankung von Zahlen abhängig zu machen. Ein bestimmtes Gewicht kann für eine bestimmte Körpergröße eines bestimmten Geschlechts mit einem bestimmten Ausmaß an Muskeln durchaus normalgewichtig sein, könnte für eine Person mit völlig anderen Körpereigenschaften wiederum anorektisch sein.

Außerdem stellt sich die Frage, was solche konkrete Zahlen bezwecken, außer Material für fett gedruckte Überschriften oder Zitatquellen zu liefern. Diese Form der Berichterstattung rückt den Fokus weg von einer Störung, die als solche weder Geschlecht noch Alter kennt und unerkannt bleibt und untergräbt damit alle wertvollen Reportagen, Interviews, Leitartikel, seriösen Filme, Dokumentationen und Zeitungsbeiträge über die psychische Krankheit.

Mechanismus ist nicht kompliziert

Essstörungen wirken gerade durch ihre Stigmatisierung für Nicht-Betroffene weit weg. Dabei ist der Mechanismus dahinter gar nicht so kompliziert. Im Fall von Anorexia Nervosa kann das Hungern wie eine, für Betroffene, scheinbar sichere Basis beschrieben werden. Als Fluchtpunkt, wenn das Negativdenken zu stark auf das Bewusstsein einschlägt, die Überforderung schon im vollen Gange ist. Natürlich ist das eine kurzfristige und schädliche Lösung. Aber das beschränkte Denken konzentriert sich lediglich auf den, durch den Körper signalisierten Notzustand – da bleibt keine Zeit für „andere Probleme“. Eben ganz ähnlich wie bei Drogenabhängigen: Das Suchtdenken ist lediglich darauf ausgerichtet, schnell den Rauschzustand herzustellen, alles andere scheint egal. Durch das Hungern (oder Drogennehmen) bewegen sich Betroffene auf der Stelle, geraten in einen Teufelskreis, um den herum sich die Probleme und negativen Gedanken tummeln, sich vermehren und immer stärker auftürmen, so dass es schließlich zum sogenannten Break-Down kommt.

Sie geraten in einen Teufelskreis.

Das ist immer noch schockend. Aber gerade dieser Vergleich, das tiefere Eingehen auf das, was wirklich hinter dem Suchtcharakter einer Essstörung steckt verdeutlicht, dass eine Essstörung ein unbedingt geschlechterübergreifendes Problem ist und vor allem keine exklusive „Abnormalität“, sondern eine Form der schädlichen Emotionsbewältigung darstellt.

Die Darstellung der Hintergrundmotive, eine Skizze des „Warum“ schafft eine Brücke, die den distanzierenden Schock zur Seite kehrt. Sonst wird das menschliche Gefühl der Betroffenheit und Ratlosigkeit kommerzialisiert und mit Effekthascherei stigmatisiert. Deswegen werden Erkrankte, die nicht perfekt in dieses Raster passen möglicherweise überhaupt nicht gesehen und Betroffenen werden von der breiten Masse nicht gefragt, da ja alles schon erzählt – und für sehr traurig befunden wurde.

Brauchen keine Mitleidskultur

Wir brauchen aber keine Mitleidskultur. Was wir wirklich brauchen, ist eine gesellschaftlich umfassende Sensibilisierung für eine psychische Erkrankung, die sich (während wir noch über das eventuelle Gewicht und die dünnen Beinchen einer/eines Betroffenen spekulieren) weiter getarnt ausbreiten kann. Dabei vergessen wir die sinnvollste, wenn auch nicht ganz so abgefahrene, Maßnahme – nämlich Prävention, die schon bei einer geschärfteren emphatischen Wahrnehmung anfangen kann. Ohne Therapieausbildung oder schlimmer noch: Aufwand.

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Quelle: Bild von Myriam Zilles auf Pixabay

Psychische Erkrankungen: „Du bist doch selbst schuld!“

Lilith, 19

Donnerstag 12:15. Ich habe mich gerade aus einem Stapel von Büchern und offenen Vorlesungsfolien auf Bildschirmen in der Bibliothek hervorgekramt, um mich mit einer Kommilitonin zum Mittagessen zu treffen. Schon als wir in der Schlange der Essensausgabe warten, fällt das Thema wieder auf die Prüfungen – kein Wunder bei all den Klausuren, die den Februar hindurch anstehen. „Wusstest du eigentlich, dass man bei ärztlichen Attesten zur Freistellung von Prüfungsleistungen bei uns eine Auflistung an Symptomen durch den Arzt benötigt? Ich meine, wenn das nun ein gebrochenes Bein ist, ist das ja kein Problem, aber zum Beispiel bei einer Depression, oder Essstörung – das geht ja niemanden etwas an!“, erzählt eine von ihnen.

Symptome auf Attesten anzugeben ist tatsächlich ein schwieriges Thema, aber ich bin in dieser Situation bei etwas ganz anderem stutzig geworden: Warum muss es mir peinlich sein, wenn ich an einer psychischen Krankheit leide und wenn ich physische Symptome aufweise, ist es in Ordnung, es in der Welt herumzuposaunen? Ich habe genau darüber mit einigen Betroffenen gesprochen. Denn es ist nicht das erste Mal, dass ich mich bei einer solchen schwarz-weiß-Gegenüberstellung auf die Zunge beiße, um nicht eine Diskussion loszutreten. Ich denke, in Zukunft werde ich in solchen Momenten einfach den Link zu diesem Artikel weiterleiten. Aber beginnen wir von vorne: Warum ist die Betrachtungsweise von psychischen und physischen Krankheiten in unserer Gesellschaft so unterschiedlich?

VON TEUFELSAUSTREIBUNGEN HIN ZUR MASSENERMORDUNG

Von Dämonen besessen, vom Teufel bestraft – psychische Krankheiten sind keine moderne Erscheinung. Früher wurden sie häufig mit übernatürlichen Kräften in Verbindung gebracht. Im Mittelalter waren Tollhaus und Narrentum noch die sanften Umgangsweisen mit psychisch Erkrankten. Gefängnis, Folter, Verurteilungen waren nicht selten. Erst im Laufe des 19. Jahrhundert wurden die Forderungen nach einem humaneren Umgang mit psychisch Erkrankten laut. Nun begannen die Diskussionen zwischen den Medizinern danach, welche Behandlung für die Patienten am geeignetsten sei. Die einen forderten eine Behandlung abgeschottet und fern ab von Zivilisation und sozialem Umfeld, die anderen waren der Meinung, dass eine Behandlung von psychischen Krankheiten im gewohnten Umfeld stattfinden soll, direkt vor Ort, im Idealfall eingebunden in den Alltag. Allgemein verbesserten sich in den Heil- und Pflegeanstalten die Bedingungen und die Akzeptanz wissenschaftlich fundierter psychischer Heilmethoden stieg.

Die zunehmende Einflussnahme der Nationalsozialisten führte zu einem Einbruch dieser Fortschritte. Euthanasie an psychisch Erkrankten wurde in der gesamten Bundesrepublik durchgeführt und gipfelte in der systematischen Ermordung von Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung.

Auch nach dem Krieg war die Welt für psychisch Erkrankte nicht schlagartig rosig. So war in beiden Teilen Deutschlands immer wieder von einer Psychiatriereform die Rede und es wurden einige Forderungen laut, die die Abschaffung der Verwahrpsychiatrie, die soziale Integration der Kranken in die Gesellschaft und den Aufbau ambulanter und teilstationärer Dienste zum Ziel hatten. Und auch heute liegt noch ein nicht unerhebliches Stück des Weges hin zu einer gesellschaftlichen Akzeptanz vor uns.

WARUM WOLLEN WIR NICHTS MIT PSYCHISCH ERKRANKTEN ZU TUN HABEN?

Doch warum spricht man vom „Irrenhaus“? Warum geht die Ablehnung psychisch Erkrankter so weit, dass es an einigen Standorten bis vor wenigen Jahren noch getrennte Krankenhauseingänge genutzt wurden?

Negative, verwirrte und mitunter überforderte Reaktionen erhalten psychisch Erkrankte häufig aus ihrem eigenen Umfeld. Das rührt von der Tatsache her, dass psychische Erkrankungen in erster Linie nicht sichtbar sind und mit keiner unmittelbaren Ursache verbunden werden können. Sich bei anderen Glauben zu verschaffen, dass man gerade Hilfe benötigt, ist im Falle einer Depression oder einer Essstörung deutlich schwieriger, als bei einem blutverschmierten Arm. Symptome wie das Hören von Stimmen erscheinen dem Menschen irrrational und unerklärlich, sodass darauf mit einer allgemein ablehnenden Haltung und auch Angst reagiert wird.

Hilfsangebote

MEDIEN ZEIGEN EIN UNVOLLSTÄNDIGES BILD

Entscheidend ist auch die häufig fälschliche Darstellung in Serien, Filmen und Büchern. Durch die oberflächliche Wiedergabe von Krankheitsbildern haben viele Menschen einen verfälschten Eindruck von psychischen Krankheiten und bei Diagnosen assoziieren viele schlichtweg ein weites Feld an Halbwissen. Auch werden häufig alle Symptome einer Krankheit dem Patienten zugeschrieben. Aber ist es nicht so, dass bei einigen Menschen in der Grippephase eher die Nase läuft und andere eine Packung Hustenbonbons pro Tag konsumieren? Es muss also auch nicht jeder Depressive „faul“ zu Hause im Bett liegen und nicht jeder Schizophrenieerkrankte hört seltsame Stimmen.

WAS BETROFFENE HEUTE DAZU SAGEN

Quelle: Bild von Dean Moriarty auf PixabayQuelle: Bild von Dean Moriarty auf Pixabay
Quelle: Bild von Dean Moriarty auf Pixabay
Lilith hat Betroffene gefragt, wie es ihnen damit ergangen ist.

Hinzu kommt der alles andere als offene Umgang mit diesen Krankheiten. Laut der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) erfüllt in Deutschland mehr als jeder vierte Erwachsene im Laufe eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Bildlich vorgestellt, sitzt also in jedem Viererzugabteil ein Betroffener. Aber wisst ihr von einem Viertel eurer Bekannten, Verwandten, Kommilitonen, Klassenkameraden oder Arbeitskollegen über ihre psychischen Beschwerden? Während ohne Bedenken erzählt wird, dass man Kopfweh hat, fällt der Satz „Ich habe heute einen Termin bei meinem Psychotherapeuten“ sehr selten. Je weniger in der Gesellschaft über dieses Thema geredet wird, umso mehr haben die Stereotype die Chance, sich durchzusetzen. Niemand nimmt wahr, dass es sich bei psychisch Erkrankten um „ganz normale“ Personen handelt, mit denen man tagtäglich in Kontakt steht. So werden psychisch Erkrankte heutzutage vielleicht nicht mehr in die Verbannung, aber doch noch in Schubladen gesteckt. So erlebte das auch Christina, die an einer Essstörung litt:

„Die Menschen sind meistens ziemlich überrascht, wenn ich ihnen von meiner Erkrankung aus meiner Vergangenheit erzähle. Ich glaube, das erwartet man nicht bei einem so unbedarft fröhlichen, verspielten Menschen wie mir.“

Besonders schwierig wird es dadurch für die Patienten, ihre Krankheit zu akzeptieren. Viele wünschen sich eine physische Diagnose:

„Zu dem Zeitpunkt habe ich gedacht, dass das alles Ursache von Verdauungsschwierigkeiten ist.“ (Christina)

Ohne die eigene Akzeptanz ist es wiederum schwierig, rechtzeitig Hilfe zu erfragen und zu erhalten. Nach diesem Muster ging es auch Veronika, die eine Angststörung hat:

„Ich hätte mir damals gewünscht, es hätte rein physische Ursachen gehabt, weil mir dann viel früher aufgefallen wäre, dass ich Hilfe brauche und es nicht von alleine weggeht.“

Und auch bei Christina hat es lange gedauert:

„Ich habe erst ärztlichen Rat gesucht, als ich so kraftlos war, dass selbst einfach nur daliegen und atmen oft schon zu viel war.“

Erschwerend ist zudem die Tatsache, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung häufig selbst verantwortlich gemacht werden. Sie versuchten lediglich Aufmerksamkeit zu erlangen oder hätten keine ausreichende Selbstdisziplin. Schließlich könne es doch nicht so schwer sein, einfach etwas mehr zu essen. Dabei ist es in vielen Fällen ein schwieriger langjähriger Prozess, mit der Krankheit zu leben und die Symptome zu mildern:

„Sehr oft habe ich mir gewünscht, dass man die Essstörung wie eine physische Krankheit behandeln kann. Es erscheint mir leichter als eine psychische Krankheit zu behandeln, da es zum Beispiel für Husten einen Hustensaft gibt, für ein gebrochenes Bein einen Gips. Aber bei einer Essstörung ist es oft ein jahrelanger Weg, auf welchem man sein komplettes bisheriges Leben sozusagen umstellen muss.“ (Veronika)

Wichtig festzuhalten hierbei ist, dass sich zwischen psychischer und physischer Gesundheit keine eindeutige Grenze ziehen lässt. Beides beeinflusst sich gegenseitig und das eine funktioniert nicht ohne das andere. Jeder, der einen Tag lang unter anhaltenden Kopfschmerzen gelitten hat, kann dies nachvollziehen, und auch während einer Magen-Darm-Erkrankung wird niemand davon ausgehen, noch vollkommen psychisch belastbar zu sein.

Interessant empfinde ich zudem das Phänomen der „Trendkrankheiten“ das in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt auftrat. Auf einmal war es niemandem mehr peinlich, aufgrund eines diagnostizierten „Burn-Out“ aus dem Beruf auszusteigen. Mit diesem anglizistischen Euphemismus war es plötzlich in Ordnung depressive Symptome zu haben, und man musste sich nicht mehr als Weichei degradieren lassen. ADHS wollten auf einmal alle haben und auch die positiven Eigenschaften von Autismus werden heutzutage ab und an hervorgeholt. Ach wäre ich doch nur ein Autist, dann könnte ich jetzt sicher diese Matheaufgabe im Kopf lösen – oder das Klima retten.

Zum einen führen derartige „Hypephasen“ von Krankheiten dazu, dass sich viele Personen intensiver damit auseinandersetzen und auch einen Blick hinter die Fassade der pauschalisierten Aussagen werfen. Andererseits hingegen, diagnostizieren sich einige Menschen dadurch zu schnell selbst und weichen somit die Begrifflichkeiten auf.

WAS UNS ALLEN HELFEN KANN

„Ich habe gemerkt, dass es sehr vielen anderen Menschen auch so geht und dass es nicht nur mir, sondern auch anderen hilft, wenn ich offen darüber rede. Es ist viel leichter zu wissen, dass man mit seinen Problemen nicht alleine ist. Deswegen kann ich nur empfehlen sich anderen Menschen anzuvertrauen. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Menschen in einer ähnlichen Situation waren oder sind.“ (Veronika).

Auch Christina hat der Austausch mit Betroffenen geholfen:

„Der anonyme Rahmen in vielen online Selbsthilfegruppen/-foren erleichtert das Ansprechen der Essstörung meiner Meinung nach sehr, da man keine Angst vor Stigmatisierung haben muss.“

Aber auch sich selbst samt der psychischen Erkrankung zu akzeptieren und damit gegenüber Freunden und Verwandten, die weniger Ahnung davon haben, offen umzugehen, ist für viele ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Besserung:

„Es wissen nach wie vor nur wenige Leute von meiner Essstörung. Das offene Ansprechen der Bulimie erleichtert meine Partnerschaft, denn die Heimlichtuerei ist pures Gift für eine Beziehung. Die Angst meinen Partner zu verlieren war irgendwann größer als die Scham und hat mir insofern den Mut gegeben, mich zu öffnen.“ (Ramona)

„Es hat mir sehr dabei geholfen, diesen Teil meiner Vergangenheit als einen Teil von mir zu akzeptieren. Meine Persönlichkeit weist Wesenszüge auf, die mich dahin geführt haben. Ich muss auf mich achtgeben, sorgsam mit mir und meinen Bedürfnissen umgehen. Mein Rat: Akzeptiert diesen Teil von euch. Ihr seid nicht die Krankheit, aber irgendwie gehört sie doch dazu, wenn ihr ein vollständiges Bild von euch haben wollt. Aber das ist nichts Schlechtes, sondern kann euch vielleicht zeigen, welche Bedürfnisse ihr habt und wie ihr mit dem Leben umgeht.“ (Ramona)

Nicht nur die Betroffenen selbst können mit einem veränderten Umgang mit ihrer Diagnose etwas am Krankheitsverlauf verändern. Auch gibt es heutzutage einige Initiativen, die Hoffnung aufkommen lassen:

An meiner Universität werden uns Studierenden zahlreiche Veranstaltungen, Diskussionsformate und Informationsmessen angeboten. Angefangen bei der Frage wie individuell mit Stress umgegangen werden kann über Unterstützung bei Lerndruck bis hin zu Schwierigkeiten im privaten Umfeld. Quantität sowie Qualität sind in jedem Fall ausbaubar – aber es ist schon einmal ein begrüßenswerter Ansatz.

UND DU?

„Verstehen kann meine Essstörung keine der Personen die davon wissen. Aber jede der Personen bot mir ihre Hilfe an.“ (Christina)

Was jeder von uns in jedem Fall beisteuern kann:

  • Wenn du von einem Betroffenen erfährst, dass er eine psychische Erkrankung hat: stecke ihn in keine Schublade. Informiere dich über die Krankheit und sei dir bewusst, dass die Person nicht alle möglichen Symptome erfüllen muss.
  • Trage zu einem offenen Umgang in Bezug auf dieses Thema bei, indem du es nicht verschweigst, sondern bewusst thematisierst.
  • Schäme dich nicht, wenn du selbst die Vermutung hast, Symptome einer psychischen Erkrankung aufzuweisen, sondern wende dich schnellstmöglich an die entsprechenden Beratungsstellen und Ärzte.
  • Achte darauf, welche Medien du konsumierst und von was dein Bild von psychischen Erkrankungen geprägt ist.

 

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Essstörung: Bin ich krank genug?

Krank genug? Wenn wir mal ganz ehrlich sind, ist diese Frage eigentlich totaler Quatsch. Wieso muss man „krank genug“ sein, um Hilfe zu bekommen? Wo soll krank genug denn anfangen? Mich hat dieses „nicht krank genug“ sehr lange vom Gesundwerden abgehalten. Erst als ich verstanden habe, dass es „krank genug“ nicht gibt, konnte ich mich wirklich auf die Reise machen. Aber fangen wir vorne an …

Du siehst gar nicht essgestört aus

Ich habe mich immerzu mit anderen verglichen, die auch eine Essstörung haben. Für mich waren alle anderen aus irgendeinem Grund immer kränker als ich selbst. Für mich sahen sie dünner, blasser, bemitleidenswerter aus. Daraus schloss ich, dass ich selbst gar nicht essgestört bin. Gleichzeitig bin ich auch sehr oft mit Vorurteilen in Kontakt gekommen. Besonders der Satz: „Du siehst aber gar nicht essgestört aus“, ist ein ganz typisches Beispiel. Denn das, was Menschen, die überhaupt keine Erfahrung mit Essstörungen denken, ist: Essgestörte sind abgemagert bis auf die Knochen. Dass sie damit bei allen ein Riesendilemma auslösen können, wissen sie meist nicht. Aber das ist etwas anderes… Ich könnte hier vermutlich eine ewig lange Liste aus solchen Vorurteilen machen. Aber viel wichtiger ist das hier: Dein Gewicht ist KEIN Indikator dafür, wie krank du ist!

Nicht immer hilfreich: Diagnosekriterien für Essstörungen

Anorexie, Bulimie, Binge Eating usw. sind alles Essstörungen, die zu den psychischen Erkrankungen zählen. Nun ist es so, dass allen Essstörungen sogenannte Diagnosekriterien zugeordnet werden. Oft aber erfüllen Betroffene nicht den gesamten Katalog und fühlen sich deshalb nicht „krank genug“. Denn viele Menschen mit Essstörungen setzten sich mit diesen Kriterien sehr genau auseinander und streben dann sogar danach, alle zu erfüllen. Das kann den Zustand dann sogar verschlechtern. Aber Diagnosen sind nicht dazu da, euch einen Stempel auf die Stirn zu drücken, euch in einen inner circle zu holen oder euch „krank genug“ zu attestieren. Sie sollen lediglich die Kommunikation unter Ärzten und Krankenkassen erleichtern, damit ihr die richtige Behandlung bekommt!

Kann eine Essstörung wirklich atypisch sein?

Atypische Essstörungen sind eigentlich nichts anderes als Anorexie, Bulimie oder Binge Eating. Der einzige Unterschied ist der, dass einzelne der eben erwähnten Diagnosekriterien nicht erfüllt werden.

Wenn du also Essanfälle hast und dich danach erbrichst, das aber nicht so häufig tust, wie in den Diagnosekriterien beschrieben, dann würdest du die Diagnose „atypische Bulimie“ erhalten. Bei Magersucht wäre es der beispielsweise der Fall, wenn dein BMI höher wäre, als der Grenzwert.

Ihr seht, es sind Abweichungen von einem standardisierten Katalog, der niemals auf jeden zutreffen kann, denn Essstörungen sind so individuell wie wir Menschen eben. Dennoch hat mir das lange das Gefühl gegeben haben, nicht krank genug zu sein. Und das ist gefährlich. Denn so habe ich selbst den Genesungsprozess verzögert und viele Folgekrankheiten riskiert. Aber dazu später mehr.

Hast du das Gefühl, dringend mit jemandem reden zu müssen? Dann mach das doch gleich hier!

Die Risiken werden oft unterschätzt!

Abgesehen von der Anorexia nervosa ist eigentlich keine Essstörung nach außen sichtbar. Natürlich gibt es den ein oder anderen Aspekt, der auch nach außen auffallen kann, wie Haarausfall oder schlechte Zähne. Aber viele Schäden entstehen unter der Oberfläche – egal wie hoch oder niedrig der BMI ist, wie häufig jemand erbricht oder wie häufig die Essanfälle sind. Kein Mensch kann sehen, wie sehr dein Körper wirklich unter der schlechten Nahrungsversorgung leidet. Jeder von uns ist individuell und genauso sind es unsere Körper. Was ich damit sagen möchte: Nicht jeder Körper hält das Gleiche aus. Manch ein Körper ist belastbarer, andere weniger. Weder du, noch deine Eltern, noch deine Ärzte, geschweige denn irgendwelche Diagnosekriterien können voraussagen, wie dein Körper in zwei, fünf oder zehn Jahren auf eine zurückliegende Krankheit reagiert.

Mir passiert das ja eh nicht!

„Mir passiert das ja eh nicht!“, – das habe ich auch lange gedacht und ich glaube es gibt kaum jemanden, der nicht auch so denkt (oder zumindest schon mal so gedacht hat). Im letzten Jahr wurde ich dann allerdings ein wenig überrascht, als mein Arzt mir mitteilte, dass meine Knochendichte zu niedrig sei. Eine typische Folge von Magersucht. Und das ausgerechnet bei mir. „So krank“ war ich doch nie – oder vielleicht doch?

Ich kenne einige Betroffene, die unter körperlichen Folgen der Essstörung leiden, auch wenn sie nur kurz erkrankt waren und in vielen Fällen nicht die vollständigen Diagnosekriterien erfüllt haben.

Hilfe holen, aber wann, wie und bei wem?

Quelle: Bild von Gerd Altmann auf PixabayQuelle: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Quelle: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Das richtige Hilfsangebot für sich zu finden, ist nicht immer einfach.

Ich kann dir nur raten: Wenn du auch nur im Ansatz das Gefühl hast, dass du kein „normales“ Verhältnis mehr zum Essen hast oder du bei einer Freundin oder einem Freund so etwas bemerkst, dann sprich darüber! Es spielt keine Rolle wie lange du schon darunter leidest. In dem Moment, in dem du das Gefühl hast, dass etwas nicht mehr stimmt, wird dir geholfen. So etwas wie krank genug GIBT ES NICHT! Wir alle haben ein Recht darauf, uns Unterstützung zu holen. Du musst nicht gleich den großen Schritt gehen und mit deinen Eltern oder einem Arzt darüber sprechen. Du kannst auch kleiner anfangen und mit einer Freundin oder einem Vertrauenslehrer an deiner Schule sprechen.

Darüber hinaus gibt es auch online Möglichkeiten, anonym mit Menschen zu schreiben oder zu sprechen. Für mich war es damals eine riesige Unterstützung, dass ich jemanden hatte, mit dem ich ganz unverbindlich schreiben konnte, der für mich da war und vor dem ich nichts verstecken musste.

Frag dich am besten immer, was du deiner besten Freundin oder deinem besten Freund raten würdest, wenn es ihr/ihm nicht gut gehen würde. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass der erste Schritt meistens der schwerste ist, aber auch der, der dich auf den richtigen Weg führt!

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Schön, dass du da bist. Dieser Text könnte dich sehr berühren. Wenn du eine Essstörung, eine Depression oder Suizidgedanken hast, könnte dieser Text dir gerade nicht guttun. Bitte überlege dir, ob du ihn wirklich lesen möchtest. Hast du Redebedarf? Dann hilft dir vielleicht unser Angebot hier weiter.

Alles Liebe, Deine Incogito-Redaktion.

Quelle: Bild von Kranich 17 auf Pixabay

Essstörung: Wie du dir in der Klinik die richtigen Vorbilder suchst

Jenny, 22

Als ich zum ersten Mal stationär im Krankenhaus aufgenommen wurde, fiel ich aus allen Wolken. Am Tag davor bin ich noch normal zur Schule gegangen. In meiner Vorstellung war ich gesund. Rückblickend hatte meine Mutter die Anzeichen korrekt gedeutet und alle Hebel in Bewegung gesetzt. Denn ich hatte eine Essstörung, die ich selbst nicht erkennen wollte.
Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob die stationäre Behandlung für mich damals das Richtige war. Denn ich „lernte“ dort Dinge, auf die ich zuhause niemals von selbst gekommen wäre. Aber lest selbst.

Abteilung für Essstörungen

Angekommen auf der psychiatrischen Abteilung für Essstörungen hatte ich dein Eindruck: „Ich bin hier absolut fehl am Platz!“ Überall sah ich dünne – nein abgemagerte – Mädchen. Ich fühlte mich wie ein Außerirdischer auf dieser Station. Der Fakt, dass ich per Definition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) im Normalgewicht war, war für mich ein Beweis, dass ich keine Essstörung haben konnte.

Ich brauche keine Hilfe!

Jenny glaubte, nicht „richtig essgestört" zu sein.

Das Personal redete mir gut zu, dass ich nun endlich Hilfe bekäme. Aber das Einzige, was ich dachte, war: „Schaut mich an, ich bin nicht wie die anderen hier, ich brauche keine Hilfe!“ Wie konnte man nur auf die absurde Idee kommen mich mit diesen Essgestörten zu vergleichen. Ich stand völlig neben mir. Ich fühlte mich wie im falschen Film. Beim ersten Mittagessen verstand ich dann gar nichts mehr. Wir hatten 30 Minuten Zeit zu Essen und wurden vom Pflegepersonal überwacht. Ich saß am Tisch mit fünf weiteren Mädchen und ich dachte nur „Wow, die haben ja wirklich ein Problem!“. Es wurden mir Verhaltensweisen und Ängste offenbart, die mir in meinen verrücktesten Träumen nicht eingefallen wären. Hast du zum Beispiel schon mal daran gedacht, ein einzelnes Reiskorn zu halbieren, um es zu essen? Ich bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch nie.

 

Keine Tabus

Aber nicht nur bei Tisch habe ich Dinge beobachtet, die ich im „echten“ Leben nie gesehen hätte. Bereits nach wenigen Stunden war ich mit meinen drei Zimmergenossinnen gut vertraut. Es gab keine Tabus. Es wurde offen über alles geredet. Infos aller Art von jeder Person, die mit uns zu tun hat, aber auch Tricks wie man das Personal am besten hintergehen kann. Zum Beispiel war es nahezu normal, Essen bei einer unachtsamen Betreuung unter dem Teller oder in der Serviette zu verstecken. Zu Beginn konnte ich mit diesen Tricks nichts anfangen, aber innerhalb weniger Tage konnte ich sie alle und habe sie perfektioniert.

Ich war ein Teil der Gruppe

Kurz vor den täglichen Wiegekontrollen trank ich still und heimlich einen Liter Wasser – genau wie meine Zimmergenossen. Ich begann ebenfalls meine Reiskörner zu teilen und schaffte, wie alle anderen auch, meine Portionen nicht in den vorgegebenen Zeiten. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl dazuzugehören. Mir war es egal, dass ich in Wirklichkeit kein Problem mit dem Zeitlimit bei den Mahlzeiten hatte. Ich war ein Teil der Gruppe und das war das Einzige, das für mich zählte. Heute kann ich sagen, dass das die falsche Einstellung war!
Wenn ich so an die Zeit auf der Station zurückblicke, stelle ich mir schon die Frage: „Was wäre, wenn ich das getan hätte was ich wollte… wenn ich in den Therapien das angesprochen hätte, was für mir persönlich schwierig war … wenn ich mich meinen Ängsten gestellt hätte?“ Während meines gesamten stationären Aufenthaltes war ich so froh ein Teil von etwas Größeren zu sein, dass ich den eigentlichen Grund für meine Aufnahme vergaß. Die Konsequenz: Ich kam wieder…. und wieder, und immer wieder!

Verleugnung des Offensichtlichen

Ich war sehr oft stationär im Krankenhaus und in speziellen Kliniken für Essstörungen. Ich hatte viele Ärzte und Therapeuten mit verschiedensten Behandlungskonzepten und alles war umsonst. Ich habe jahrelang nicht begriffen, dass ich krank war. In dieser Einstellung, der Verleugnung des Offensichtlichen – das kann ich heute mit Sicherheit sagen – war der Hund begraben! Heute weiß ich, daran hätte ich zu aller erst mit professioneller Hilfe arbeiten müssen.

Geht es dir vielleicht ähnlich? Und du möchtest mit jemandem reden? Dann komm hier entlang.

Will ich wirklich so weiter machen?

Erst nach mehreren Jahren und einer Vielzahl an stationären Aufenthalten begann ich mein Leben zu hinterfragen. Will ich wirklich so weiter machen? Jedes Jahr Klink-Aufenthalte, zugedröhnt mit Medikamenten das Leben an mir vorbeiziehen lassen und zu 100 Prozent abhängig von meinen Eltern sein? Als Antwort gab ich mir eine klares „NEIN“.
Ich wollte selbst bestimmen und meinen eigenen Weg gehen. Ich setzte mir klare Ziele und plante meine eigene Zukunft. Schon beim ersten Ziel, die Matura zu schaffen (Abitur in Deutschland), wurde mir klar, dass das mit der Essstörung nicht möglich war. Daher begann ich an mir zu arbeiten. Ich setzte mich mit meinen Ängsten auseinander und erkannte das Offensichtliche: meine Essstörung. So viel verschwendete Zeit und das alles nur, weil ich mir nicht eher eingestehen wollte, dass ich ein Problem hatte. Diese Erkenntnis tat weh, aber nun wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich musste etwas ändern.

Was bedeutet Genesung?

Meine Entwicklung zu einem selbstständig überlebensfähigen Menschen ging nur langsam voran. Besonders der Umgang mit Gleichaltrigen ist heute noch eine besondere Herausforderung für mich. Meine gesamte Jugend verbrachte ich zum großen Teil mit Ärzten, Therapeuten und der engsten Familie. Ich ging nie auf Partys und machte keinerlei Unternehmungen mit Freunden.
Heute kann ich sagen: Ich bin ein Mitglied der Gesellschaft. Absolut gesund bin ich noch nicht, aber ich bewältige meinen Alltag ohne Hilfe. Ich brauche weder Medikamente, noch wöchentliche Therapiegespräche. Ich studiere, arbeite nebenbei und habe am Ende des Tages noch genug Energie um Freunde zu treffen. Es gibt gute Tage, an denen ich keinerlei Einschränkung im Alltag verspüre und es gibt schlechte Tage, an denen ich wieder in meinen Ängsten gefangen bin. Aber ich weiß, dass die schlechten Tage vergehen und weniger werden. Es liegt noch ein langer Weg vor mir, aber ich genese mit jedem Tag mehr. Mit jedem weiteren Tag lerne ich dazu und genieße das Leben als Studentin mit allem was dazugehört!

Hier ist mein kleiner persönlicher Guide:

Wie du dir die richtigen Vorbilder suchst

1.Befasse dich mit dir selbst
Was sind deine Ziele, deine Träume und was willst du für dich persönlich? Richte dich nach dir selbst und hör auf, dich ausschließlich nach den anderen zu richten. Verliere den Kontakt nicht zu dir und deinen Bedürfnissen.

2. Warte nicht auf die eine Person, die dich rettet
Oftmals gibt es in Geschichten von ehemals Betroffenen eine spezielle Person oder ein prägendes Schlüsselerlebnis, was der Wendepunkt war, der sie aus den Fängen der Essstörung befreit hat. Warte nicht darauf! Sei selbst dein Held in schillernder Rüstung.

3. Achte darauf, ob dir die Gespräche mit deinen Mitpatienten guttun oder nicht
Es ist gut, wenn dich Gespräche auch außerhalb der Therapie zum Nachdenken anregen, aber sobald du dich anschließend schuldig fühlst, solltest du vorsichtig werden.

4. Es gibt mehr Gesprächsthemen als Essen
Neben den Themen wie Essen, Gewicht, Kalorien gibt es eine Vielzahl an anderen Themen, worüber man sich unterhalten kann. Wenn du merkst, dass in deinem Umfeld immer nur das Gewicht oder die nächste Mahlzeit Thema ist, distanziere dich davon. Das Leben hat viel mehr zu bieten als das!

Bonus-Tipp: Wenn du in einer Klinik bist, wo verschiedenste Krankheitsbilder behandelt werden, dann tausche dich mit denen aus. Oftmals gibt es ähnliche Probleme, aber unterschiedliche Bewältigungsmechanismen. Lernt gegenseitig voneinander.

5.Keine Macht dem Gruppenzwang
Ein Mitglied in einer Gruppe zu sein, ist etwas Schönes, doch nicht um jeden Preis. Sobald du beginnst dein Essverhalten nur wegen deinen Mitpatientinnen zu ändern – damit meine ich Reiskörner halbieren oder Mahlzeiten verweigern – ist der Preis zu hoch. Gefährde nicht deine Genesung, nur um weiterhin gemocht zu werden. Es ist ein Zeichen von Stärke, sich über die Erwartungen der anderen hinweg setzten zu können.

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