Verletzende Komplimente
Eigentlich sollen Komplimente doch guttun. Wir sagen etwas zu einer Person, weil uns etwas Schönes, Gutes, Neues an ihr auffällt. Wir wollen bei dieser Person angenehme Gefühle hervorrufen. Doch was, wenn genau das Gegenteil geschieht? Was, wenn unsere Worte nicht berühren, sondern verletzen?
Ich möchte darüber schreiben wie es für mich war, ein Kompliment zu erhalten, das sich auf mein Aussehen und konkreter auf meinen Körper bezogen hat. Ich möchte auch gerne darüber sprechen, warum es uns schwerfallen kann, Komplimente anzunehmen – und was diese bewirken können. Und dir mit an die Hand geben, was mir dabei geholfen hat, mit den Komplimenten, die für mich keine waren, umzugehen.
Ich möchte dir daher ein ehrliches Kompliment machen: „Ich sehe dich – und du bist genug.“
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Wenn Komplimente weh tun
Vor einigen Jahren erhielt ich ein Kompliment, das mich lange beschäftigt hat. Nicht, weil es mir guttat oder ich es schön fand. Das genaue Gegenteil war der Fall. Das Kompliment hatte mich verunsichert und mich unbewusst geprägt.
Kennst du das, wenn Menschen etwas zu dir sagen, was vermeintlich lieb gemeint ist, aber doch ganz anders bei dir ankommt? Egal, ob von deinem Onkel oder deiner besten Freundin – Worte können uns berühren oder belasten. So war es auch bei mir.
Das Kompliment, das mich erschütterte
„Du hast abgenommen, sieht gut aus.“, sagte ein Klassenkamerad zu mir.
Objektiv betrachtet mag dies wie ein schönes Kompliment wirken – vielleicht sogar wie ein Lob für mein Durchhaltevermögen oder mein Aussehen.
Doch wie mag sich so eine Aussage für jemanden anfühlen, der eine beginnende Essstörung hat – ohne es selbst zu bemerken? Genau in dieser Situation befand ich mich damals. Ich hatte Gewicht verloren, so deutlich, dass es auch anderen auffiel. Für mich und mein Umfeld schien das zunächst unbedenklich. Ich war „einfach“ eine Teenagerin, die etwas abgenommen hatte.
Aber dieses Kompliment wirkte auf mich anders, als es vermutlich auf eine Klassenkameradin ohne Essstörung gewirkt hätte.
Ich fühlte mich merkwürdig: Angst, Überforderung, Druck – genau das Gegenteil von dem, was ein Kompliment bewirken sollte.
- Angst, immer so aussehen zu müssen, um als schön zu gelten.
- Überforderung, weil ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte.
- Druck, weil ich mich fragte, ob ich noch dünner werden müsse, um „schöner“ zu sein.
Dieser Satz spukte in mir wie ein ungebetener Gast.
Und ohne, dass ich es ahnte, manifestierte sich dieser Satz in mir zu einem
Und ohne, dass ich es ahnte, manifestierte sich dieser Satz in mir zu einem Glaubenssatz. Aus „Du hast abgenommen, sieht gut aus.“ wurde Stück für Stück „Wenn ich dünn bin, bin ich schön.“
Ständig verspürte ich den Drang, diesem Glaubenssatz gerecht zu werden – er wurde schnell zu meinem Hauptfokus.
Mir ist bewusst, dass dieses Kompliment nicht der alleinige Auslöser meiner Essstörung oder meines verzerrten Körperbildes war. Ich gebe meinem ehemaligen Klassenkameraden keinerlei Schuld. Mir geht es nur darum zu zeigen, welche Wirkung Kommentare über Aussehen und Körper haben können.
Vielleicht hätte dasselbe Kompliment bei einer anderen Person das Selbstbewusstsein gestärkt, Gleichgültigkeit ausgelöst oder gar keine Wirkung gezeigt. Das wissen wir nicht – und es ist auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, wie du selbst dich dabei fühlst.
Doch woran kann das liegen? Warum lösen Komplimente manchmal unangenehme Gefühle aus?
Wenn Komplimente auf alte Wunden treffen
Komplimente sind selten nur Worte. Sie treffen auf unsere Geschichten, auf all die Sätze, die wir über uns selbst schon gehört, gedacht und verinnerlicht haben:
„Du hast ein hübsches Gesicht. Wenn du jetzt noch ein bisschen abnehmen würdest.“
„Du bist schön, wenn du dich mehr schminkst.“
„Du siehst müde aus, alles okay?“
Solche Kommentare, oft beiläufig und unbedacht, fügen sich nach und nach zu einem schweren Bündel zusammen – eine unübersichtliche Liste von „besseren“ und „schlechteren“ Versionen unseres Aussehens und Körpers.
Und wenn uns dann jemand ein wirklich gut gemeintes Kompliment macht, werden diese alten Stimmen wieder laut:
„Bin ich nur dann schön, wenn ich dünner bin?“
„Erwarten sie, dass ich immer so aussehe?“
„Wird mein Aussehen gesehen oder nur bewertet?“
Manchmal macht ein Kompliment also nicht glücklich, sondern unsicher. Es kann Druck auslösen, weil es uns an eine Rolle erinnert, in die wir gar nicht passen wollen – die der „Schönen“, „Attraktiven“, „Disziplinierten“.
Und wenn wir uns selbst noch nicht wirklich angenommen haben, kann Anerkennung sich anfühlen, als würden unsere gesamten Unsicherheiten beleuchtet werden.
Doch wie kannst du damit umgehen?
Tipps: So kannst du mit schwierigen Komplimenten umgehen
Zunächst konnte ich mit dem Kompliment nur wenig anfangen und verstand nicht genau, warum. Ich spürte lediglich die unangenehmen Gefühle, die in mir aufstiegen. Nach etwas Reflexion kann ich es heute besser einordnen: Ich empfand es als unangemessen, dass mein Körper bewertet wurde – einerseits, weil ich ihn selbst noch nicht als schön wahrnahm, andererseits, weil der Kommentar Druck erzeugte. Wie ich schon erwähnt habe, tauchte sofort die Frage in meinem Kopf auf: „Muss ich noch mehr abnehmen?“ – und genau das löste ein Engegefühl in meiner Brust aus.
Wenn ähnliches in dir nach einem Kompliment aufkommt, kannst du Folgendes tun:
Nicht jedes Lob fühlt sich gut an – und das ist okay. Spüre, welche Worte dich berühren, und welche dich verunsichern. Dieses Bewusstsein ist der erste Schritt zu Selbstschutz und Selbstverständnis.
Wenn ein Kompliment bei dir unangenehme Gefühle auslöst oder du es unangebracht findest, darfst du dies ruhig deinem Gegenüber sagen oder nachfragen, was genau gemeint ist. Beispiele: „Dein Kompliment überrascht mich. Meinst du das ehrlich?“ oder „Ich verstehe das Kompliment nicht ganz. Was genau möchtest du damit sagen?“
Du darfst freundlich sagen: „Ich mag keine Kommentare über meinen Körper.“ Das ist kein Mangel an Höflichkeit, sondern Selbstfürsorge.
Wenn dich jemand lobt, versuche nicht, dich zu rechtfertigen oder es sofort abzutun, mit beispielsweise „Ach, das ist doch nicht der Rede wert“. Ein einfaches „Danke“ reicht – und darf stehen bleiben.
Statt „Du bist viel hübscher geworden.“: „Ich finde es toll, wie selbstbewusst du bist.“
Statt „Du siehst gut aus für dein Alter“: „Ich finde, du hast eine tolle Ausstrahlung.“
Statt „Für jemanden wie dich ist das echt gut.“: „Ich sehe, wie viel Einsatz und Engagement du zeigst, das ist beeindruckend.“
Sprache kann Verbindung schaffen – oder Distanz.
Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Zärtlichkeit. Du kannst dir morgens beispielsweise sagen: „Ich bin genug, so wie ich heute bin.“
Diese kleinen Sätze können langfristig verändern, wie du Lob hörst – und wie du dich selbst siehst.
Fazit
Komplimente sind nicht automatisch positiv. Sie können berühren, aber auch verunsichern – gerade, wenn sie sich auf unser Aussehen oder unseren Körper beziehen. Für mich war es eine Erfahrung, die gezeigt hat, wie stark Worte wirken können.
Was mir geholfen hat, war, mir bewusst zu machen: Nicht jedes Komplimente, das ich erhalte, muss ich auch annehmen und nicht alles, was andere über mich sagen, definiert meinen Wert.
Wichtig ist, dass wir selbst bestimmen, wie wir uns sehen – und uns nicht von „gut gemeinten“ Worten verunsichern lassen. Es geht darum, Worte wahrzunehmen, zu reflektieren – und loszulassen, was uns nicht guttut.
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Bianca
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