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Essstörung: Wie du dir in der Klinik die richtigen Vorbilder suchst

Jenny, 22

Als ich zum ersten Mal stationär im Krankenhaus aufgenommen wurde, fiel ich aus allen Wolken. Am Tag davor bin ich noch normal zur Schule gegangen. In meiner Vorstellung war ich gesund. Rückblickend hatte meine Mutter die Anzeichen korrekt gedeutet und alle Hebel in Bewegung gesetzt. Denn ich hatte eine Essstörung, die ich selbst nicht erkennen wollte.
Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob die stationäre Behandlung für mich damals das Richtige war. Denn ich „lernte“ dort Dinge, auf die ich zuhause niemals von selbst gekommen wäre. Aber lest selbst.

Abteilung für Essstörungen

Angekommen auf der psychiatrischen Abteilung für Essstörungen hatte ich dein Eindruck: „Ich bin hier absolut fehl am Platz!“ Überall sah ich dünne – nein abgemagerte – Mädchen. Ich fühlte mich wie ein Außerirdischer auf dieser Station. Der Fakt, dass ich per Definition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) im Normalgewicht war, war für mich ein Beweis, dass ich keine Essstörung haben konnte.

Ich brauche keine Hilfe!

Jenny glaubte, nicht „richtig essgestört" zu sein.

Das Personal redete mir gut zu, dass ich nun endlich Hilfe bekäme. Aber das Einzige, was ich dachte, war: „Schaut mich an, ich bin nicht wie die anderen hier, ich brauche keine Hilfe!“ Wie konnte man nur auf die absurde Idee kommen mich mit diesen Essgestörten zu vergleichen. Ich stand völlig neben mir. Ich fühlte mich wie im falschen Film. Beim ersten Mittagessen verstand ich dann gar nichts mehr. Wir hatten 30 Minuten Zeit zu Essen und wurden vom Pflegepersonal überwacht. Ich saß am Tisch mit fünf weiteren Mädchen und ich dachte nur „Wow, die haben ja wirklich ein Problem!“. Es wurden mir Verhaltensweisen und Ängste offenbart, die mir in meinen verrücktesten Träumen nicht eingefallen wären. Hast du zum Beispiel schon mal daran gedacht, ein einzelnes Reiskorn zu halbieren, um es zu essen? Ich bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch nie.

 

Keine Tabus

Aber nicht nur bei Tisch habe ich Dinge beobachtet, die ich im „echten“ Leben nie gesehen hätte. Bereits nach wenigen Stunden war ich mit meinen drei Zimmergenossinnen gut vertraut. Es gab keine Tabus. Es wurde offen über alles geredet. Infos aller Art von jeder Person, die mit uns zu tun hat, aber auch Tricks wie man das Personal am besten hintergehen kann. Zum Beispiel war es nahezu normal, Essen bei einer unachtsamen Betreuung unter dem Teller oder in der Serviette zu verstecken. Zu Beginn konnte ich mit diesen Tricks nichts anfangen, aber innerhalb weniger Tage konnte ich sie alle und habe sie perfektioniert.

Ich war ein Teil der Gruppe

Kurz vor den täglichen Wiegekontrollen trank ich still und heimlich einen Liter Wasser – genau wie meine Zimmergenossen. Ich begann ebenfalls meine Reiskörner zu teilen und schaffte, wie alle anderen auch, meine Portionen nicht in den vorgegebenen Zeiten. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl dazuzugehören. Mir war es egal, dass ich in Wirklichkeit kein Problem mit dem Zeitlimit bei den Mahlzeiten hatte. Ich war ein Teil der Gruppe und das war das Einzige, das für mich zählte. Heute kann ich sagen, dass das die falsche Einstellung war!
Wenn ich so an die Zeit auf der Station zurückblicke, stelle ich mir schon die Frage: „Was wäre, wenn ich das getan hätte was ich wollte… wenn ich in den Therapien das angesprochen hätte, was für mir persönlich schwierig war … wenn ich mich meinen Ängsten gestellt hätte?“ Während meines gesamten stationären Aufenthaltes war ich so froh ein Teil von etwas Größeren zu sein, dass ich den eigentlichen Grund für meine Aufnahme vergaß. Die Konsequenz: Ich kam wieder…. und wieder, und immer wieder!

Verleugnung des Offensichtlichen

Ich war sehr oft stationär im Krankenhaus und in speziellen Kliniken für Essstörungen. Ich hatte viele Ärzte und Therapeuten mit verschiedensten Behandlungskonzepten und alles war umsonst. Ich habe jahrelang nicht begriffen, dass ich krank war. In dieser Einstellung, der Verleugnung des Offensichtlichen – das kann ich heute mit Sicherheit sagen – war der Hund begraben! Heute weiß ich, daran hätte ich zu aller erst mit professioneller Hilfe arbeiten müssen.

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Will ich wirklich so weiter machen?

Erst nach mehreren Jahren und einer Vielzahl an stationären Aufenthalten begann ich mein Leben zu hinterfragen. Will ich wirklich so weiter machen? Jedes Jahr Klink-Aufenthalte, zugedröhnt mit Medikamenten das Leben an mir vorbeiziehen lassen und zu 100 Prozent abhängig von meinen Eltern sein? Als Antwort gab ich mir eine klares „NEIN“.
Ich wollte selbst bestimmen und meinen eigenen Weg gehen. Ich setzte mir klare Ziele und plante meine eigene Zukunft. Schon beim ersten Ziel, die Matura zu schaffen (Abitur in Deutschland), wurde mir klar, dass das mit der Essstörung nicht möglich war. Daher begann ich an mir zu arbeiten. Ich setzte mich mit meinen Ängsten auseinander und erkannte das Offensichtliche: meine Essstörung. So viel verschwendete Zeit und das alles nur, weil ich mir nicht eher eingestehen wollte, dass ich ein Problem hatte. Diese Erkenntnis tat weh, aber nun wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich musste etwas ändern.

Was bedeutet Genesung?

Meine Entwicklung zu einem selbstständig überlebensfähigen Menschen ging nur langsam voran. Besonders der Umgang mit Gleichaltrigen ist heute noch eine besondere Herausforderung für mich. Meine gesamte Jugend verbrachte ich zum großen Teil mit Ärzten, Therapeuten und der engsten Familie. Ich ging nie auf Partys und machte keinerlei Unternehmungen mit Freunden.
Heute kann ich sagen: Ich bin ein Mitglied der Gesellschaft. Absolut gesund bin ich noch nicht, aber ich bewältige meinen Alltag ohne Hilfe. Ich brauche weder Medikamente, noch wöchentliche Therapiegespräche. Ich studiere, arbeite nebenbei und habe am Ende des Tages noch genug Energie um Freunde zu treffen. Es gibt gute Tage, an denen ich keinerlei Einschränkung im Alltag verspüre und es gibt schlechte Tage, an denen ich wieder in meinen Ängsten gefangen bin. Aber ich weiß, dass die schlechten Tage vergehen und weniger werden. Es liegt noch ein langer Weg vor mir, aber ich genese mit jedem Tag mehr. Mit jedem weiteren Tag lerne ich dazu und genieße das Leben als Studentin mit allem was dazugehört!

Hier ist mein kleiner persönlicher Guide:

Wie du dir die richtigen Vorbilder suchst

1.Befasse dich mit dir selbst
Was sind deine Ziele, deine Träume und was willst du für dich persönlich? Richte dich nach dir selbst und hör auf, dich ausschließlich nach den anderen zu richten. Verliere den Kontakt nicht zu dir und deinen Bedürfnissen.

2. Warte nicht auf die eine Person, die dich rettet
Oftmals gibt es in Geschichten von ehemals Betroffenen eine spezielle Person oder ein prägendes Schlüsselerlebnis, was der Wendepunkt war, der sie aus den Fängen der Essstörung befreit hat. Warte nicht darauf! Sei selbst dein Held in schillernder Rüstung.

3. Achte darauf, ob dir die Gespräche mit deinen Mitpatienten guttun oder nicht
Es ist gut, wenn dich Gespräche auch außerhalb der Therapie zum Nachdenken anregen, aber sobald du dich anschließend schuldig fühlst, solltest du vorsichtig werden.

4. Es gibt mehr Gesprächsthemen als Essen
Neben den Themen wie Essen, Gewicht, Kalorien gibt es eine Vielzahl an anderen Themen, worüber man sich unterhalten kann. Wenn du merkst, dass in deinem Umfeld immer nur das Gewicht oder die nächste Mahlzeit Thema ist, distanziere dich davon. Das Leben hat viel mehr zu bieten als das!

Bonus-Tipp: Wenn du in einer Klinik bist, wo verschiedenste Krankheitsbilder behandelt werden, dann tausche dich mit denen aus. Oftmals gibt es ähnliche Probleme, aber unterschiedliche Bewältigungsmechanismen. Lernt gegenseitig voneinander.

5.Keine Macht dem Gruppenzwang
Ein Mitglied in einer Gruppe zu sein, ist etwas Schönes, doch nicht um jeden Preis. Sobald du beginnst dein Essverhalten nur wegen deinen Mitpatientinnen zu ändern – damit meine ich Reiskörner halbieren oder Mahlzeiten verweigern – ist der Preis zu hoch. Gefährde nicht deine Genesung, nur um weiterhin gemocht zu werden. Es ist ein Zeichen von Stärke, sich über die Erwartungen der anderen hinweg setzten zu können.

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