Plötzlich ging nichts mehr: Mein Weg in die Psychiatrie

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Hope, 27

Psychiatrie, Klapse, Irrenanstalt, Ort der Verrückten… Alles keine hübschen Wörter. Doch sobald der Begriff „Psychiatrie“ fiel, waren das die ersten Assoziationen, die mir dazu einfielen. Generell löste dieses Wort in mir eine sofortige Beklemmung aus. Zwar hatte ich bis vor wenigen Jahren nie Leute kennengelernt, die einmal in einer waren, doch aus Nachrichten, Medien und Co. glaubte ich zu wissen, dass dies ein Ort war für eben nicht „ganz normale“ Menschen. Was würden denn die Leute in meinem Umfeld über mich denken? Galt ich dann als irre? Als verrückt?

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Hätte mir jemand vor ein paar Jahren gesagt, dass ich mich einmal selbst in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Niemals hätte ich geglaubt, an welche Grenzen mich diese Erkrankung bringen könnte.
Leider kam auch aus meinem Umfeld kein positiver Zuspruch. In meiner Familie herrschte der Grundsatz, dass psychische Erkrankungen nicht wirklich existierten. Falls das Thema doch mal aufkam, wurde freundlich und mitleidig genickt, doch ein wirkliches Verständnis gab es nicht. Das Motto war: arbeiten und funktionieren, krank sein war nicht erlaubt.

Ich habe nur noch Leere in mir gespürt

„Es geht mir gut.“ Ein Satz der schon so oft über meine Lippen gekommen ist, dass ich ihn selbst irgendwann geglaubt habe. Ich dachte, ich hätte mein Leben im Griff. Aber in mir drinnen fühlte ich meistens nur noch eine große Leere. Das Leben war immer mehr zu einem alltäglichen Kampf geworden. Selbst kleine Dinge, wie einkaufen gehen, kochen, den Haushalt führen, waren für mich in dieser Zeit zur Überforderung geworden. Alles strengte mich an, ich fühlte mich pausenlos erschöpft und am Rande meiner Kraft. Nach außen hin wahrte ich stets den Schein, lächelte und lebte eigentlich eine Art Doppelleben. Früher traf ich mich gerne nach der Uni mit Freunden, ging mit ihnen aus. Doch die Vorstellung zwischen glücklichen Menschen zu stehen, während mir zum Weinen zu Mute war, stresste mich. Also blieb ich nachmittags und am Wochenende allein zu Hause. Freizeit kam mir sinnlos vor.

Wenn ich morgens aufwachte, kreisten meine Gedanken sofort um den anstehenden Tag. Was stand heute alles auf meiner To-do-Liste? Allein der Gedanken an die Aufgaben, löste in mir Beklemmung und Druck aus. Aber aufgeben, wollte ich auf keinen Fall.

Meine Körpersignale ignorierte ich

Nach wenigen Monaten in diesem Zustand bekam ich Herzrhythmusstörungen, ich schlief nur noch wenige Stunden. Mein Puls hämmerte und ich fühlte mich ständig unter Strom. Es fühlte sich an wie eine Achterbahn, die nie zum Halten kam, immer wieder hoch und runter. Mir wurde schwindelig. Meine Ansprüche an mich selbst, der Alltag, die Kraft, die ich in meine Maske stecken musste, das ständige Lächeln. Das alles zehrte an mir. Alles in mir drinnen fühlte sich taub an, irgendwie nicht mehr lebendig. Ich fühlte mich verloren.

 

Mein Körper schrie „Stopp“, doch ich ignorierte ihn und machte immer weiter. Erst als ich im Laufe eines Praktikums zusammenbrach – ich wurde ohnmächtig, weinte unaufhörlich und konnte mich einfach nicht mehr beruhigen – überlegte ich mir, Hilfe zu suchen.

Auf Zureden einer Freundin machte ich einen Termin bei der psychosozialen Beratungsstelle meiner Universität. Wir erarbeiteten Techniken zur Entspannung und Stressbewältigung, trotzdem empfahl man mir dort den Besuch bei einem Psychiater. Ich wusste über Depressionen und Burnout Bescheid. Doch die Ahnung, dass ich davon betroffen sein könnte, kam mir erst, als fast jegliche Kraft und Farbe aus meinem Leben gewichen war.

Burnout: Wer bin ich eigentlich?

Über den Hausarzt ließ ich mich zu einem Psychiater überweisen. Nach dem Gespräch und mehreren Fragebögen stand es fest. Die Diagnose: Erschöpfungsdepression, oder auch Burnout. Der Psychiater riet mir sehr zu einem Klinikaufenthalt, als ich ihm schilderte, wie überfordernd mein Alltag im Moment sei und wie wenig Kraft ich noch hatte. Zusätzlich bekam ich ein Antidepressivum verschrieben. Als ich an diesem Tag nach Hause kam, war ich froh diesen Gang zum Psychiater geschafft zu haben. Ich musste mir jetzt eingestehen, dass ich wirklich krank war und Hilfe brauchte.

Bis zum Anruf in einer Psychiatrischen Klinik haderte ich tagelang mit mir selbst. Einerseits wusste ich tief in mir drinnen, dass ich diese Hilfe unbedingt brauchte, doch andererseits war in mir eine riesige Angst diesen Schritt wirklich zu wagen.

In der sechswöchigen Wartezeit war ich krankgeschrieben. An guten Tagen machte ich kurze Spaziergänge, las ein Buch, dachte nach. Die meiste Zeit war ich aber so erschöpft, dass ich viel schlief und nur noch wenig von der Außenwelt mitbekam. Doch diese Zeit brachte mich auch zum Nachdenken. Was hatte ich in den letzten Monaten mir und meinem Körper angetan? Es drängte sich mir die Frage auf, was ich eigentlich im Leben erreichen wollte. Die Frage, wer und was ich bin, ohne „die Leistung“?

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In der Psychiatrie: Klinikalltag

Endlich in der Klinik aufgenommen, fühlte ich mich von Tag zu Tag wohler. Geschützt wie unter einer Glocke, hatte ich Zeit über mich und mein Leben nachzudenken. Der durchstrukturierte Alltag in der psychiatrischen Klinik tat mir gut. 7:30 – Vorstellung beim Pflegepersonal, danach Frühstück, anschließend morgendlicher Spaziergang. Am Vormittag Gruppentherapie, Ergotherapie, nachmittags sportliche Aktivitäten. Dazwischen Mittag- und Abendessen. Jeder Patient bekommt einen auf sich zugeschnittenen Plan. Die meisten Patienten unterziehen sich dieser intensiven Therapie für mindestens sechs Wochen, oft eher acht.

Heute habe ich Zeit

BurnoutQuelle: Photo by Vu Thu Giang on Unsplash.comQuelle: Photo by Vu Thu Giang on Unsplash.com
Nach ihrem Burnout lässt Hope es langsamer angehen.

Fernab von jeglichen Leistungsansprüchen vergingen die Tage und ich spürte wie ich wieder zu Kräften kam. Anfangs war es wirklich schwierig für mich, so etwas wie Entspannung zuzulassen. Schließlich hatte ich monatelang jegliche Entspannung vermieden. Aber ich lernte, dass die Welt nicht nur aus Arbeit und perfektionistischen Ansprüchen besteht. Dies war wohl eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich. In der Therapie lernte ich, das Leben anders zu bewerten und mir vor allem weniger Druck zu machen. Alles war durchgeplant. Falls etwas nicht nach Plan verlief – zum Beispiel wenn jemand unpünktlich war – sah ich nur wie mein Zeitplan nicht mehr aufging und regte mich furchtbar auf.

Heute kann ich darüber hinwegsehen. Strikte Zeitpläne ohne Freizeit habe ich getrost in den Mülleimer geworfen. Ich habe Zeit und kann auch mal auf jemanden warten. Heute achte ich mehr auf meinen Körper und ziehe früher die Notbremse, auch wenn das heißt, nicht alle Aufgaben an einem Tag erledigen zu können. Der tiefe Fall in mein leeres Loch, aus dem ich nicht alleine wieder rauskam, hat mir gezeigt, dass Gesundheit das Wichtigste ist. Nicht das „perfekte Leben“. Nicht der Erfolg um jeden Preis.

Wie teile ich psychische Erkrankungen meinem Umfeld mit?

• Sage ganz offen und ehrlich: „Mir geht es nicht gut.“ oder „Ich habe das Gefühl, dass ich Hilfe brauchen könnte.“
• Mache dir Notizen. Schreibe auf, was dich im Moment belastet und versuche, deine Gefühle in Worte zu fassen.
• Hole dir Unterstützung durch eine/n gute/n Freund/in.
• Sprich mit deinen Eltern und/oder mache einen Termin beim Hausarzt zur genaueren Abklärung.
• Auch wenn es sehr viel Kraft und Mut kostet – nimm dir selbst den Druck und verschwende keine Energie mehr in die Aufrechterhaltung deiner Maske.
• Mache dir deutlich, dass Hilfe holen keinerlei Schwäche bedeutet.

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