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Selbstverletzung - Wenn körperlicher Schmerz den seelischen erträglich macht

Lisa, 25

Kennst du das, wenn du so wütend oder traurig bist, dass du nicht mehr weißt was du tun sollst? Du willst schreien, aber es kommt kein Ton. Du willst weinen, aber es kommt keine Träne?
Und irgendwann haben sich so viele Gefühle in dir angestaut, dass du die Welt um dich herum wie durch einen Nebel wahrnimmst. Um dies alles irgendwie auszuhalten, verletzt du dich dann selbst und merkst, wie der Druck in dir abnimmt. Damit bist du nicht allein.
Zwischen 25 und 35 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland haben sich mindestens einmal in ihrem Leben absichtlich selbst verletzt – manche sogar regelmäßig.
Ich war eine von ihnen und das ist meine Geschichte.

Heute habe ich das Wort *Hass* in meinen Oberschenkel geritzt. Ich wollte, dass mein Körper genauso leidet wie ich es tue. (Tagebucheintrag, 2008)

Das erste Mal kam ich mit zwölf Jahren mit dem Thema Selbstverletzung in Berührung. Ich war mit zwei Mädchen in der Klasse, die damit prahlten, dass sie sich selbst Schnitte zugefügt hätten. Sie präsentierten in der Klasse ihre Wunden und gaben damit an, wie cool das sei. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir: „Wie blöd sind die beiden denn? Das tut doch weh!" Ich dachte, die beiden taten das nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen und um im Mittelpunkt zu stehen.
Nur ein paar Monate später fügte auch ich mir selbst Schmerzen zu, weil ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste .

SCHMERZEN ALS SELBSTBESTRAFUNG

Die Selbstverletzung diente mir zuerst als Selbstbestrafung für jegliche Nahrungsaufnahme, denn ich war zu Beginn der Pubertät magersüchtig geworden. Mir wurde mit Klinikaufenthalten und Zwangsernährung gedroht, wenn ich denn nicht endlich essen würde. Aus Angst, dass meine Eltern ihre Drohung wahr machen würden, aß ich wieder. Aber nicht einfach so: Ich hasste mich für meine „Undiszipliniertheit" und „Schwäche" und begann, mich für jeden Bissen zu bestrafen. Ich verletzte mich selbst, um den Druck, Essen zu müssen und „dick zu werden", aushalten zu können.

Gründe für selbstverletzendes Verhalten

Selbstverletzung tritt häufig als Begleitsymptom einer psychischen Erkrankung auf. Hierzu zählen: Depressionen; Ess-, Zwangs- oder Angststörungen; Borderline-Persönlichkeitsstörung, Posttraumatische Belastungsstörung.

Es kann aber auch sein, dass du dich selbst oder ein Freund/eine Freundin sich aufgrund mangelnden Selbstwertgefühls selbst verletzt.

Ohne es zu bemerken, weitete ich meine Bestrafungen aus. Immer wenn ich wütend auf mich selbst war, weil etwas nicht so funktionierte wie ich es mir vorgestellt hatte, musste ich mir Schmerzen zufügen, um den inneren Druck, aushalten zu können. In diesen Momenten fühlte ich mich wie berauscht. Ich konnte nicht mehr klar denken und war abwesend. Nur der Schmerz holte mich zurück ins Hier und Jetzt und ließ mich fühlen, dass ich noch am Leben war. Die Selbstverletzung war zu einem Ventil für sehr starke Emotionen geworden, die ich nicht ausdrücken, aber auch nicht für mich behalten konnte. Ich hatte das Gefühl, sie schnüren mir sonst die Luft ab.

Viel zu hohe Ansprüche setzten mich unter enormen Druck

Beispielsweise war ich wütend auf mich selbst, da ich in der Schule bei einer Stegreifaufgabe nur eine Zwei bekommen hatte, obwohl mein Anspruch an mich selbst war, eine Eins zu schreiben. Ich kam von der Schule nach Hause und schloss mich ins Badezimmer ein… Danach fühlte ich mich erleichtert. Die Wut auf mich selbst, war dem Schmerz gewichen und somit erträglich geworden. Irgendwann kompensierte ich alle möglichen Gefühle, mit denen ich nicht umzugehen wusste. Ich begann, mich in der Schule zu verletzen, weil ich Angst hatte den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Im Sportunterricht wurde zum Beispiel Seilspringen benotet. Aus lauter Angst keine Eins zu bekommen, schlich ich mich aus der Turnhalle in die Umkleide und reduzierte diese Angst, indem ich mir Schmerzen zufügte.

Ohne bewusst wahrzunehmen, war ich in einem Teufelskreis gefangen: Immer häufiger benötigte ich den Schmerz, um meine Gefühle auszuhalten. Und irgendwann wurden meine Verletzungen trotz Armstulpen, langer Kleidung beim Sport oder im Sommer doch entdeckt. Meine Eltern brachten mich daraufhin zu einer ambulanten Psychotherapie. Mein langer Genesungsweg begann.

Ich die Verrückte

Meine Eltern setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um mir zu helfen. Nur leider wusste es dann bald das komplette Dorf. Und natürlich wurde über mich – „ die Verrückte, die sich selbst verletzt, die ständig traurig ist und hungert" – geredet. Beim Einkaufen wurde ich von der Kassiererin angestarrt wie eine Verbrecherin. Die Eltern einer Freundin verboten ihr den Kontakt zu mir, da ich ein schlechter Umgang für ihre Tochter sei. Es war sehr schlimm für mich, wie eine Aussätzige behandelt zu werden, was meine Genesung nicht gerade positiv beeinflusste.

DER WEG AUS DER SELBSTVERLETZUNG

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Langsam kam wieder Licht in mein Leben.

Durch die langen Klinikaufenthalte erreichte ich damals das Klassenziel nicht und musste die neunte Klasse wiederholen. Zuerst war ich wütend: ein Jahr später Abschluss machen, meine Klassenkameraden verlieren und in meinen Augen das Ziel, eine gute Schülerin zu sein, nicht geschafft zu haben. Aber hinterher kann ich sagen, dass mich dies auf meinem Heilungsweg unterstützt hat.

Ich wurde sofort in die neue Klassengemeinschaft integriert und fand wunderbare neue Freundinnen, mit denen ich über alles reden konnte und mich verstanden fühlte. Es war wie ein Neustart. Ich verkroch mich nicht mehr länger in meinem Zimmer, sondern traf mich fast täglich mit meinen neuen Freundinnen. Wir veranstalteten Pyjama-Partys, machten gemeinsam Sport, kochten zusammen und konnten einander alles anvertrauen. Auch das Verstecken der Narben, konnte ich damit ablegen, da ich gemerkt habe, dass mich die Menschen um mich herum so akzeptierten und liebten wie ich war. Ich zog also im Sommer T-Shirts an und stand zu meinen Narben und meiner Geschichte. Die Momente, in denen es mir schlecht ging, wurden immer weniger und somit auch das Selbstverletzen.

Im Alter von 18 Jahren verletzte ich mich das letzte Mal. Ich hatte erst kurz meinen Führerschein und konnte das Berganfahren noch nicht so gut. Die Folge war, dass ich zurückrollte und dabei das hinter mir wartende Auto beschädigte. Ich fühlte mich dumm, unfähig ein Auto zu fahren, schlecht weil meine Eltern meinetwegen mehr Versicherung bezahlen mussten. Es waren so viele Gefühle in mir und die innere Anspannung war so groß, dass ich keinen anderen Ausweg mehr wusste, als mir weh zu tun.
Seitdem habe ich natürlich immer wieder Situationen erlebt, die mich gefühlt innerlich fast zerrissen haben, doch ich hatte Alternativen gefunden, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, ohne mir Schmerzen zuzufügen.

MEINE PERSÖNLICHEN ALTERNATIVEN ZUR SELBSTVERLETZUNG

In Akutsituationen half es mir, einen Igelball über die Unterarme zu rollen, ein Gummiband am Handgelenk schnalzen zu lassen oder einen Eisbeutel auf die nackten Unterarme zu legen. Langfristig gesehen haben mir in dieser schweren Zeit die Gespräche mit Jugendlichen, denen es genauso ging wie mir, geholfen. Ich fühlte mich verstanden und nicht mehr allein mit dem Chaos in meinem Kopf und den Gefühlen. Auch entdeckte ich das Schreiben für mich. Ich schrieb Tagebuch, düstere Geschichten und Gedichte um meinen Gefühlen Raum zu geben. Die Musikrichtung Heavy Metal drückte mit dem Screaming und Shouting das aus, was ich eigentlich gerne rausschreien wollte, aber nicht konnte. Und beim Sport brachte ich mich an meine körperlichen Grenzen, um meinen Körper zu spüren.

WAS IM NOTFALL HELFEN KANN

In den Kliniken bekam ich sogenannte Skills an die Hand, um meine Emotionen zu regulieren. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass Skills bei jedem Menschen unterschiedlich wirken und auch je nach Situation ist die Wirkung der Methoden eine andere, da auch die innere Anspannung eine andere ist.

Wenn es dir auch so geht, kannst du einfach einmal ein paar der nun folgenden Methoden in einer neutralen Situation ausprobieren. Du kannst dir anschließend auch eine sogenannte Skill-Kette erstellen. Das heißt, du unterteilst deine Skills in ihrer Wirkungsweise. Bei leichter Anspannung wählst du einen leichten Reiz und wenn dieser nicht ausreicht, probierst du eine neue Methode.

Handlungsbezogene Skills: Was kann ich tun?
• laut schreien
• singen
• Gummiband am Handgelenk schnalzen
• Musik hören
• jemanden besuchen, anrufen
• Hausarbeit (Putzen, Bügeln etc.)
• Igelball auf den Unterarmen rollen
• Eiswürfel lutschen
• Kühlbeutel auf die Unterarme legen
• wenn du kannst – weinen

Gedankenbezogene Skills: Wie kann ich meine Gedanken ändern?
• Kreuzworträtsel / Sudoku
• Zauberwürfel lösen
• Film anschauen
• Buch lesen
Sinnesbezogene Skills: Welcher Sinnesreiz hilft?

• Zitronensaft pur trinken
• Chili kauen
• Brausetablette im Mund zergehen lassen

HEUTE - BIN ICH GEHEILT?

Heute brauche ich das Selbstverletzen nicht mehr, um mit starken Emotionen umzugehen. Es war ein fünf Jahre langer Weg, um herauszufinden, wie ich meine Gefühle ausdrücken kann, ohne mir dabei selbst zu schaden. Auch heute höre ich gerne noch Heavy Metal oder powere mich beim High Intensity Intervall Training aus. Ich habe ein Ventil für starke Gefühle gefunden.
Es gibt kein Patentrezept gegen selbstverletzendes Verhalten. Mir haben ein Zusammenspiel aus vielen Gesprächen mit Betroffenen und Freunden, Psychotherapie, Lesen, Schreiben, Musik, Sport und Zeit geholfen.

Ich hoffe du konntest dir für dich selbst oder jemanden den du kennst aus meiner Geschichte etwas mitnehmen. Und denke daran, du bist mit deinen Gefühlen nicht alleine und dir kann geholfen werden. Sich Hilfe zu suchen ist auch kein Zeichen von Schwäche. Denn du bringst den Mut und die Kraft auf, an der jetzigen Situation etwas zu ändern – das ist wahre Stärke!

WO FINDE ICH HILFE - ANLAUFSTELLEN FÜR BETROFFENE

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• Nummer gegen Kummer 116111
• Schulpsychologe, Schulsozialarbeiter
• Hier findest du weitere Anlaufstellen zu Hilfsangeboten, Erfahrungsberichte

Meine Buchempfehlungen
• Rote Linien. Ritzen bis aufs Blut, Brigitte Blobel
• Schmerzverliebt, Kristina Dunker
• Dann bin ich seelenruhig: Mein Leben als Ritzerin, Angela S. und Kerstin Dombrowski
• Cut: Bericht einer Selbstverletzung, Patricia McCormick
• Schnittstellen: Warum ich mich immer wieder selbst verletzen musste, Anja Abens, Meike Abens

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