
Hochsensibilität und Anorexie: Wie das Persönlichkeitsmerkmal die Essstörung beeinflussen kann
Jahrelang war die Anorexie meine treue Begleiterin. Sie gab mir Sicherheit, Bestätigung, Anerkennung und das Gefühl etwas zu leisten, einen Wert zu haben. Viele Versuche zu genesen waren gescheitert, da ich meine treue Begleiterin nicht gehen lassen konnte, sie war mein Schutzraum. Doch der Schutz vor was?
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Kannst du dich in der Hochsensibilität wiederfinden?
- Verbringst du viel Zeit damit, dich und dein Umfeld zu reflektieren?
- Verbringst du viel Zeit damit, deine und die Gefühle der anderen zu hinterfragen?
- Bist du sehr gewissenhaft?
- Hast Schwierigkeiten Entscheidungen zu treffen?
- Bist in der Arbeit und Ausführung sehr perfektionistisch?
- Denkst zu viel über vergangene Situationen nach?
- Bist du bemüht, die Harmonie in Beziehungen aufrecht zu halten und vermeidest Konflikte?
- Spürst du schnell eine Reizüberflutung und bist dadurch erschöpft?
- Hast du das Gefühl „anders“ zu sein und dich dafür rechtfertigen zu müssen?
Wenn du die Mehrheit dieser Fragen mit Ja beantworten kannst, gehörst du mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den 15-20 Prozent der Gesellschaft, welche das Persönlichkeitsmerkmal der Hochsensibilität aufweisen.
TEST: HOCHSENSIBEL?
Was bedeutet Hochsensibilität, wie viele sind davon betroffen und wie kann der Alltag bei Hochsensiblen aussehen? Mache hier das Quiz.
Mein persönlicher Bezug zur Hochsensibilität
Ja, auch ich kann mich in den obigen Fragen widerfinden. Bevor ich all diese Eigenschaften der Hochsensibilität zuordnen konnte, dachte ich viele Jahre lang, dass ich falsch bin, dass ich nicht genug bin, nicht mithalten kann und keinen Wert habe. Um all diese Gefühle zu kompensieren, habe ich Sicherheit, Kontrolle und Anerkennung in der Anorexie gefunden. Lange Zeit konnte ich sie trotz vielen Interventionen nicht loslassen, bin immer wieder rückfällig geworden. Doch nun, durch die Integration der Hochsensibilität, kann ich einen anderen Blick auf die Anorexie und Genesung einnehmen, welchen ich gerne mit euch teilen möchte.
Was Expert:innen dazu sagen
Expert:innen verweisen darauf, dass hochsensible Menschen ein höheres Risiko für psychische Störungen haben und es demnach wichtig ist, dass sie über eine gute Emotionsregulation verfügen, damit ihre Psyche in Balance bleibt und die Entstehung möglicher psychischer Störungen geringgehalten wird. Diesen Aspekt möchte ich in dem Beitrag aufgreifen und die möglichen Einflüsse des Persönlichkeitsmerkmals Hochsensibilität auf das Krankheitsbild Anorexie darstellen.
Macht Hochsensibilität anfälliger für Anorexie?
Neben genetischen und gesellschaftlichen Faktoren zählen individuelle Merkmale zu den Faktoren, welche eine Essstörung bedingen. Die Hochsensibilität stellt ein solches Merkmal dar und kann demnach als ein Einflussfaktor für die Entstehung einer Anorexie gelten.
Hochsensible Personen nehmen die Welt und ihre unterschiedlichen Reize in einer höheren Intensität wahr. All diese Eindrücke können die betroffenen Personen teilweise überfluten und dadurch überfordern. Sie fühlen sich oft für die Gefühle der anderen verantwortlich und sind stets bemüht, dass es ihrem Umfeld gut geht. Dabei stecken sie ihre eigenen Bedürfnisse zurück und verdrängen diese, um Konflikte zu vermeiden und Harmonie zu bewahren.
Kinder werden durch wertende oder leistungsbezogene Aussagen wie „Wenn du das erfüllst, bekommst du das“ oder „Reiß dich mal am Riemen“ oft in ihrer Selbstwahrnehmung beeinflusst. Während solche Botschaften grundsätzlich herausfordernd sein können, treffen sie hochsensible Kinder oft besonders tief – sie nehmen subtile Zwischentöne intensiver wahr, hinterfragen sich stärker und entwickeln schneller das Gefühl, nicht richtig oder nicht genug zu sein.
So war es auch bei mir: Sätze wie „Als Frau macht man das nicht“ oder „Du bist das schwarze Schaf“ ließen mich glauben, ich müsse mich verändern, mehr leisten und mich anpassen, um akzeptiert zu werden.
Dadurch setzen sich die hochsensiblen Personen unter Druck, immer mehr zu leisten, um so ihren Wert sicher zu stellen. Oft fühlen sie sich schwächer, da sie angreifbarer und weicher als die Personen in ihrem Umfeld sind. Diese Selbstoptimierungsversuche spiegeln sich auch häufig im Essverhalten wider. Hierbei verlieren sich die Betroffenen oft in ihren eigenen hohen Ansprüchen und verfallen in eine Essstörung.
So verweisen auch Expert:innen von Fachkliniken für Essstörungen darauf hin, dass ein Leistungsbestreben und Perfektionismus Persönlichkeitsmerkmale vieler essgestörter Patient:innen sind. Zudem steht die Anorexie mit einem Kontrollbedürfnis, welcher sich in der Nahrungsaufnahme und des Gewichts widerspiegelt, in Verbindung.
Wie kann Hochsensibilität den Heilungsprozess unterstützen?
Viele hochsensible Personen, welche eine Anorexie entwickeln, hungern nach der Anerkennung ihrer Wahrnehmungsfähigkeit, Hungern für das Recht der Ruhe und Abgrenzung. Demnach spiegelt das Hungern auf der körperlichen Ebene das Hungern der Seele wider. „Weil sie sich klein, traurig, einsam oder ratlos fühlen, weil sie ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden oder weil sie sich reizüberflutet und dauergestresst fühlen und ihre stimmige Form der Abgrenzung noch nicht gefunden haben.“ (vgl. Dalhoff 2019, o.S.)
An dieser Stelle ist es mir wichtig zu verweisen, dass die von mir aufgelisteten Zusammenhänge der Hochsensibilität und Anorexie aktuell noch nicht wissenschaftlich belegt sind. Gleichzeitig würde ich aus eigener Erfahrung und der bislang vorhandenen Literatur gerne festhalten, dass das Persönlichkeitsmerkmal der Hochsensibilität mitunter ein Auslöser und aufrechterhaltender Faktor für die Anorexie darstellen kann. Gleichzeitig dient, die Integration und der achtsame Umgang mit diesem Merkmal auch als ein bedeutungstragender Baustein einer gelingenden Genesung.
Die Hochsensibilität – Hilfreiche Tipps gegen den (scheinbaren?) Fluch
Um mit den Schwierigkeiten, welche hochsensible Personen ausgesetzt sind besser zurecht zu kommen, möchte ich im Folgenden einige Tipps auflisten:
- „Falschen“ Vergleiche unterbinden- reale Einschätzung der Stärken und Schwächen
- Das Gedankenkarussell bewusst stoppen und hinterfragen
- Achtsamkeitsübungen wie Yoga, Meditationen in den Alltag integrieren
- Liebevoller Umgang mit sich selbst
- Selbstverantwortung übernehmen und sein Leben eigenständig gestalten
- Bewusste Erholungsphasen für die Auflösung der Denkblockaden
„Hochsensible können eine nach außen offene hochsensible Gewissenhaftigkeit leben, mit der sie ihren Alltag effektiv, verantwortungsbewusst und zielstrebig gestalten – ein echter Booster für das eigene Selbstwertgefühl.“ (vgl. Trissot o.J.)
Vom Fluch zum Segen – Hochsensibilität als Ressource nutzen
Die genannten Tipps wirken sich, meiner Erfahrung nach, auch positiv auf das Ziehen lassen der anorektischen Verhaltensweisen aus. Durch die Gedankenstopps und die achtsame Planung des Alltags haben wir Hochsensiblen eine andere Form von Sicherheit welches zur Reduzierung des Kontrollbedürfnisses führt. Durch die Grenzsetzung lernen die Betroffenen für sich einzustehen und müssen das Gefühl der Erniedrigung und das Gefühl der Demütigung, das Gefühl des Nicht-Genug-Sein nicht mehr ausgleichen.
Des Weiteren stellt die Kreativität vieler hochsensibler Personen eine Hilfe dar, um Ereignisse auf unterschiedliche Art und Weise zu verarbeiten. Ich habe viele Emotionen und Gefühle durch das kreative Schreiben und anschließende Gestaltung von Bildern verarbeitet. So wurden meine Emotionen für mich greifbar und verständlich. Die verhängnisvolle Perfektion kann in eine enorme Willenskraft und Durchhaltevermögen umgewandelt werden, welche es im Heilungsprozess der Anorexie bedarf, da das Loslassen von festgefahrenen Verhaltensmustern sowie das Aufbauen von Neuem sehr mühsam und anstrengend ist.
Auch wenn es manchmal aussichtslos erscheint, bin ich davon überzeugt, dass jede:r lernen kann, mit Hochsensibilität umzugehen und sie als persönliche Stärke einzusetzen.
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Holly
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