Die männliche Dunkelziffer

Quelle: privat

Aron Boks ist Autor und Poetry Slammer aus Berlin. In seinem Buch „Luft nach Unten. Wie ich mit meiner Magersucht zusammenkam und mit ihr lebte.“ (Schwarzkopf&Schwarzkopf, 2019) schreibt er über die verzerrte Sicht eines männlichen Essgestörten. Warum Essstörungen bei Jungs und jungen Männern so wenig thematisiert werden? Dafür hat er eine Erklärung.

Sobald das Wort Essstörungen in Unterhaltungen oder in gesellschaftspolitischen Debatten fällt, wird ein psychologischer Kinofilm abgespielt. Schnell werden Geschichten erzählt. Es wird daran gedacht, wie Betroffene „herausgekommen sind“, wie sie sich überhaupt erst von den utopischen Schönheitsidealen haben leiten lassen und sich zum Fasten getrieben haben.

Dazu findet sich nicht selten eine bewegende Vorher-Nachher-Geschichte, die Magersucht (eigentlich Anorexia Nervosa) und nicht etwa bulimisches Verhalten oder Binge-Eating Störungen mit einschließt. Schnell werden die Modeindustrie, das Idealisieren von Stars, der Schönheitswahn verantwortlich gemacht. Unterhaltung beendet.

Diese Erklärung ist zu einfach

Doch gegen die Einfachheit dieser immer wieder abgespulten Erklärung spricht zu vieles. Laurie Penny bezeichnete eine Essstörung in ihrem Buch „Fleischmarkt“ als einen „privaten, gewalttätigen Ausdruck des kulturellen Traumas“ und listete auf, dass es sicherlich kein Zufall sei , dass die Anzahl von klinisch eingewiesenen jungen Männern und Frauen seit 1999 um 80 Prozent gestiegen ist und in Europa eine von 100 Frauen und einer von 1.000 Männern betroffenen ist. Ähnliches belegen Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Die Gründe für die Geschlechtsunterschiede sind unverkennbar. Patriarchalische Strukturen tragen dazu bei, dass betroffene Jungen und Männer sich meistens „melden“, also körperliche Schäden aufweisen oder von ihrem Umfeld zur Intervention gezwungen werden, wenn ihre Essstörung schon kognitive und/oder organische Schäden verursachen konnte.

Den sozialen Druck, den Jungen und Männer zu Beginn einer Erkrankung fühlen, fasst Jack Urwin in „Boy’s don’t cry“ treffend zusammen: „Da Essstörungen so eng mit Frauen assoziiert sind, kann es Männern, die darunter leiden, peinlich sein, Hilfe zu suchen, es könnte als entmannend gelten.“ Die Dunkelziffer ist also vermutlich sehr hoch.

Das Spiel mit der Angst

Die Ängste von jungen Frauen und Männern nicht gut genug, schön genug, nicht genug zu sein, werden von kapitalistischen Werbestrategien ignoriert, oder sogar ausgenutzt. Das Gefühl des Hunger-habens, das Essen selbst, werden als schwach dargestellt. So werden Schnell-Mahlzeit-Shakes beworben, die im Stehen getrunken werden können. Es bleibt schließlich mehr vom Tag, wenn man Zeit bei den Mahlzeiten spart. Schlankheit und Askese werden gleichgesetzt mit Stärke und Erfolg.

Frauen wird eine Anfälligkeit in diesem Kontext zugesprochen, öffentlich jedoch mit der Begründung der Selbstbestimmung abgewehrt – bei Männern, als potenzielle Risikoträger, stellt sich diese Frage nicht.

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass die überbordernde Beschäftigung und Instrumentalisierung mit und von Ernährung pathologische Züge entwickelt. Dies geschieht damit, dass von Außen suggeriert wird, eine nicht vollständig pedantisch selbst kontrollierte und utopisch ayuverdische Ernährung wäre mit Verfall verbunden und Askese mit der intellektuellen und nachhaltigen „Szene“.

Faszination für Askese

Nicht die Askese, die Enthaltsamkeit, ist krankhaft, aber die ihr entgegengebrachte Faszination. Denn Askese hat, genau wie Völlerei, eine berauschende Wirkung, steht also in direktem Zusammenhang mit Emotionen und Wahrnehmung.

Essstörungen, auch Bulimia Nervosa und die Binge-Eating Störung, gehören den Emotionsregulationsstörungen an. Betroffene wollen sich, ähnlich wie Abhängige im Gebrauch von Drogen, mit den körperlichen Auswirkungen nach möglichst wenig beziehungsweise möglichst viel Nahrung von tief sitzenden psychischen Problemen entfernen, bewusst oder unbewusst.

Durch überholte Rollenbilder wird ein solches Verhalten bei einer Frau eher als abnormal und damit schnell als „magersüchtig“, bei einem Jungen zunächst als „Spinnerei“ oder „Abnormität“ gesehen. An Essstörung wird meist zu spät gedacht.

Doch die Debatte bezieht sich nicht auf eine Geschlechterungleichheit im Umgang mit Essstörung. Nein, dafür müsste es zunächst ein Fundament geben, dessen Grundstein nicht einmal gelegt worden ist. Die wirkliche Frage ist, wo gesellschaftspolitisch angesetzt werden muss, um den Kampf gegen Emotionsregulationsstörungen – speziell tödlichen psychischen Krankheiten, wie Essstörungen, konstruktiv beginnen zu können.

Kurz nach Veröffentlichung meines Buches „Luft nach Unten. Wie ich mit meiner Magersucht zusammenkam und mit ihr lebte.“ (Schwarzkopf&Schwarzkopf, 2019) fragte ein Großteil der interviewführenden Journalisten und Journalistinnen nach exakten Gewichtszahlen und dezimalzifferbestimmten Tiefpunkten meines Lebens. Eine größere deutsche Boulevardzeitung forderte ein Interview, das doch am besten mit einem Familienmitglied zu führen wäre. Das gewünschte Geschlecht dieses Familienmitglieds kann sich gedacht werden.

Die beschäftigt dieses Thema? Dann kannst du gleich hier deine Fragen loswerden.

Rolle der Medien

Klar, als erwachsener Mann frage ich lieber eine Familienangehörige, ob sie mich zu Interviews begleitet um nochmal genau zu erklären, wie das wirklich war. Als ich unter dieser Bedingung ablehnte, war das Interesse für einen themenspezifischen Artikel auf einmal verflogen. Der wahrscheinliche Grund dieses Anliegens stellt neben dem fast versessenen Interesse an konkreten Gewichtswerten und -maßen, auf entlarvende Weise die Mitschuld der Medienlandschaft (vor allem aber der Boulevard und Unterhaltungskultur) an der Ausbreitung von Essstörungen bei Frauen und Männern in der westlichen Welt dar.

Fernab von der Sinnlosigkeit der Idee,  die Schwere einer solchen Erkrankung von Zahlen abhängig zu machen. Ein bestimmtes Gewicht kann für eine bestimmte Körpergröße eines bestimmten Geschlechts mit einem bestimmten Ausmaß an Muskeln durchaus normalgewichtig sein, könnte für eine Person mit völlig anderen Körpereigenschaften wiederum anorektisch sein.

Außerdem stellt sich die Frage, was solche konkrete Zahlen bezwecken, außer Material für fett gedruckte Überschriften oder Zitatquellen zu liefern. Diese Form der Berichterstattung rückt den Fokus weg von einer Störung, die als solche weder Geschlecht noch Alter kennt und unerkannt bleibt und untergräbt damit alle wertvollen Reportagen, Interviews, Leitartikel, seriösen Filme, Dokumentationen und Zeitungsbeiträge über die psychische Krankheit.

Mechanismus ist nicht kompliziert

Essstörungen wirken gerade durch ihre Stigmatisierung für Nicht-Betroffene weit weg. Dabei ist der Mechanismus dahinter gar nicht so kompliziert. Im Fall von Anorexia Nervosa kann das Hungern wie eine, für Betroffene, scheinbar sichere Basis beschrieben werden. Als Fluchtpunkt, wenn das Negativdenken zu stark auf das Bewusstsein einschlägt, die Überforderung schon im vollen Gange ist. Natürlich ist das eine kurzfristige und schädliche Lösung. Aber das beschränkte Denken konzentriert sich lediglich auf den, durch den Körper signalisierten Notzustand – da bleibt keine Zeit für „andere Probleme“. Eben ganz ähnlich wie bei Drogenabhängigen: Das Suchtdenken ist lediglich darauf ausgerichtet, schnell den Rauschzustand herzustellen, alles andere scheint egal. Durch das Hungern (oder Drogennehmen) bewegen sich Betroffene auf der Stelle, geraten in einen Teufelskreis, um den herum sich die Probleme und negativen Gedanken tummeln, sich vermehren und immer stärker auftürmen, so dass es schließlich zum sogenannten Break-Down kommt.

Sie geraten in einen Teufelskreis.

Das ist immer noch schockend. Aber gerade dieser Vergleich, das tiefere Eingehen auf das, was wirklich hinter dem Suchtcharakter einer Essstörung steckt verdeutlicht, dass eine Essstörung ein unbedingt geschlechterübergreifendes Problem ist und vor allem keine exklusive „Abnormalität“, sondern eine Form der schädlichen Emotionsbewältigung darstellt.

Die Darstellung der Hintergrundmotive, eine Skizze des „Warum“ schafft eine Brücke, die den distanzierenden Schock zur Seite kehrt. Sonst wird das menschliche Gefühl der Betroffenheit und Ratlosigkeit kommerzialisiert und mit Effekthascherei stigmatisiert. Deswegen werden Erkrankte, die nicht perfekt in dieses Raster passen möglicherweise überhaupt nicht gesehen und Betroffenen werden von der breiten Masse nicht gefragt, da ja alles schon erzählt – und für sehr traurig befunden wurde.

Brauchen keine Mitleidskultur

Wir brauchen aber keine Mitleidskultur. Was wir wirklich brauchen, ist eine gesellschaftlich umfassende Sensibilisierung für eine psychische Erkrankung, die sich (während wir noch über das eventuelle Gewicht und die dünnen Beinchen einer/eines Betroffenen spekulieren) weiter getarnt ausbreiten kann. Dabei vergessen wir die sinnvollste, wenn auch nicht ganz so abgefahrene, Maßnahme – nämlich Prävention, die schon bei einer geschärfteren emphatischen Wahrnehmung anfangen kann. Ohne Therapieausbildung oder schlimmer noch: Aufwand.

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Quelle: Bild von Myriam Zilles auf Pixabay

Psychische Erkrankungen: „Du bist doch selbst schuld!“

Lilith, 19

Donnerstag 12:15. Ich habe mich gerade aus einem Stapel von Büchern und offenen Vorlesungsfolien auf Bildschirmen in der Bibliothek hervorgekramt, um mich mit einer Kommilitonin zum Mittagessen zu treffen. Schon als wir in der Schlange der Essensausgabe warten, fällt das Thema wieder auf die Prüfungen – kein Wunder bei all den Klausuren, die den Februar hindurch anstehen. „Wusstest du eigentlich, dass man bei ärztlichen Attesten zur Freistellung von Prüfungsleistungen bei uns eine Auflistung an Symptomen durch den Arzt benötigt? Ich meine, wenn das nun ein gebrochenes Bein ist, ist das ja kein Problem, aber zum Beispiel bei einer Depression, oder Essstörung – das geht ja niemanden etwas an!“, erzählt eine von ihnen.

Symptome auf Attesten anzugeben ist tatsächlich ein schwieriges Thema, aber ich bin in dieser Situation bei etwas ganz anderem stutzig geworden: Warum muss es mir peinlich sein, wenn ich an einer psychischen Krankheit leide und wenn ich physische Symptome aufweise, ist es in Ordnung, es in der Welt herumzuposaunen? Ich habe genau darüber mit einigen Betroffenen gesprochen. Denn es ist nicht das erste Mal, dass ich mich bei einer solchen schwarz-weiß-Gegenüberstellung auf die Zunge beiße, um nicht eine Diskussion loszutreten. Ich denke, in Zukunft werde ich in solchen Momenten einfach den Link zu diesem Artikel weiterleiten. Aber beginnen wir von vorne: Warum ist die Betrachtungsweise von psychischen und physischen Krankheiten in unserer Gesellschaft so unterschiedlich?

VON TEUFELSAUSTREIBUNGEN HIN ZUR MASSENERMORDUNG

Von Dämonen besessen, vom Teufel bestraft – psychische Krankheiten sind keine moderne Erscheinung. Früher wurden sie häufig mit übernatürlichen Kräften in Verbindung gebracht. Im Mittelalter waren Tollhaus und Narrentum noch die sanften Umgangsweisen mit psychisch Erkrankten. Gefängnis, Folter, Verurteilungen waren nicht selten. Erst im Laufe des 19. Jahrhundert wurden die Forderungen nach einem humaneren Umgang mit psychisch Erkrankten laut. Nun begannen die Diskussionen zwischen den Medizinern danach, welche Behandlung für die Patienten am geeignetsten sei. Die einen forderten eine Behandlung abgeschottet und fern ab von Zivilisation und sozialem Umfeld, die anderen waren der Meinung, dass eine Behandlung von psychischen Krankheiten im gewohnten Umfeld stattfinden soll, direkt vor Ort, im Idealfall eingebunden in den Alltag. Allgemein verbesserten sich in den Heil- und Pflegeanstalten die Bedingungen und die Akzeptanz wissenschaftlich fundierter psychischer Heilmethoden stieg.

Die zunehmende Einflussnahme der Nationalsozialisten führte zu einem Einbruch dieser Fortschritte. Euthanasie an psychisch Erkrankten wurde in der gesamten Bundesrepublik durchgeführt und gipfelte in der systematischen Ermordung von Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung.

Auch nach dem Krieg war die Welt für psychisch Erkrankte nicht schlagartig rosig. So war in beiden Teilen Deutschlands immer wieder von einer Psychiatriereform die Rede und es wurden einige Forderungen laut, die die Abschaffung der Verwahrpsychiatrie, die soziale Integration der Kranken in die Gesellschaft und den Aufbau ambulanter und teilstationärer Dienste zum Ziel hatten. Und auch heute liegt noch ein nicht unerhebliches Stück des Weges hin zu einer gesellschaftlichen Akzeptanz vor uns.

WARUM WOLLEN WIR NICHTS MIT PSYCHISCH ERKRANKTEN ZU TUN HABEN?

Doch warum spricht man vom „Irrenhaus“? Warum geht die Ablehnung psychisch Erkrankter so weit, dass es an einigen Standorten bis vor wenigen Jahren noch getrennte Krankenhauseingänge genutzt wurden?

Negative, verwirrte und mitunter überforderte Reaktionen erhalten psychisch Erkrankte häufig aus ihrem eigenen Umfeld. Das rührt von der Tatsache her, dass psychische Erkrankungen in erster Linie nicht sichtbar sind und mit keiner unmittelbaren Ursache verbunden werden können. Sich bei anderen Glauben zu verschaffen, dass man gerade Hilfe benötigt, ist im Falle einer Depression oder einer Essstörung deutlich schwieriger, als bei einem blutverschmierten Arm. Symptome wie das Hören von Stimmen erscheinen dem Menschen irrrational und unerklärlich, sodass darauf mit einer allgemein ablehnenden Haltung und auch Angst reagiert wird.

Hilfsangebote

MEDIEN ZEIGEN EIN UNVOLLSTÄNDIGES BILD

Entscheidend ist auch die häufig fälschliche Darstellung in Serien, Filmen und Büchern. Durch die oberflächliche Wiedergabe von Krankheitsbildern haben viele Menschen einen verfälschten Eindruck von psychischen Krankheiten und bei Diagnosen assoziieren viele schlichtweg ein weites Feld an Halbwissen. Auch werden häufig alle Symptome einer Krankheit dem Patienten zugeschrieben. Aber ist es nicht so, dass bei einigen Menschen in der Grippephase eher die Nase läuft und andere eine Packung Hustenbonbons pro Tag konsumieren? Es muss also auch nicht jeder Depressive „faul“ zu Hause im Bett liegen und nicht jeder Schizophrenieerkrankte hört seltsame Stimmen.

WAS BETROFFENE HEUTE DAZU SAGEN

Quelle: Bild von Dean Moriarty auf PixabayQuelle: Bild von Dean Moriarty auf Pixabay
Quelle: Bild von Dean Moriarty auf Pixabay
Lilith hat Betroffene gefragt, wie es ihnen damit ergangen ist.

Hinzu kommt der alles andere als offene Umgang mit diesen Krankheiten. Laut der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) erfüllt in Deutschland mehr als jeder vierte Erwachsene im Laufe eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Bildlich vorgestellt, sitzt also in jedem Viererzugabteil ein Betroffener. Aber wisst ihr von einem Viertel eurer Bekannten, Verwandten, Kommilitonen, Klassenkameraden oder Arbeitskollegen über ihre psychischen Beschwerden? Während ohne Bedenken erzählt wird, dass man Kopfweh hat, fällt der Satz „Ich habe heute einen Termin bei meinem Psychotherapeuten“ sehr selten. Je weniger in der Gesellschaft über dieses Thema geredet wird, umso mehr haben die Stereotype die Chance, sich durchzusetzen. Niemand nimmt wahr, dass es sich bei psychisch Erkrankten um „ganz normale“ Personen handelt, mit denen man tagtäglich in Kontakt steht. So werden psychisch Erkrankte heutzutage vielleicht nicht mehr in die Verbannung, aber doch noch in Schubladen gesteckt. So erlebte das auch Christina, die an einer Essstörung litt:

„Die Menschen sind meistens ziemlich überrascht, wenn ich ihnen von meiner Erkrankung aus meiner Vergangenheit erzähle. Ich glaube, das erwartet man nicht bei einem so unbedarft fröhlichen, verspielten Menschen wie mir.“

Besonders schwierig wird es dadurch für die Patienten, ihre Krankheit zu akzeptieren. Viele wünschen sich eine physische Diagnose:

„Zu dem Zeitpunkt habe ich gedacht, dass das alles Ursache von Verdauungsschwierigkeiten ist.“ (Christina)

Ohne die eigene Akzeptanz ist es wiederum schwierig, rechtzeitig Hilfe zu erfragen und zu erhalten. Nach diesem Muster ging es auch Veronika, die eine Angststörung hat:

„Ich hätte mir damals gewünscht, es hätte rein physische Ursachen gehabt, weil mir dann viel früher aufgefallen wäre, dass ich Hilfe brauche und es nicht von alleine weggeht.“

Und auch bei Christina hat es lange gedauert:

„Ich habe erst ärztlichen Rat gesucht, als ich so kraftlos war, dass selbst einfach nur daliegen und atmen oft schon zu viel war.“

Erschwerend ist zudem die Tatsache, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung häufig selbst verantwortlich gemacht werden. Sie versuchten lediglich Aufmerksamkeit zu erlangen oder hätten keine ausreichende Selbstdisziplin. Schließlich könne es doch nicht so schwer sein, einfach etwas mehr zu essen. Dabei ist es in vielen Fällen ein schwieriger langjähriger Prozess, mit der Krankheit zu leben und die Symptome zu mildern:

„Sehr oft habe ich mir gewünscht, dass man die Essstörung wie eine physische Krankheit behandeln kann. Es erscheint mir leichter als eine psychische Krankheit zu behandeln, da es zum Beispiel für Husten einen Hustensaft gibt, für ein gebrochenes Bein einen Gips. Aber bei einer Essstörung ist es oft ein jahrelanger Weg, auf welchem man sein komplettes bisheriges Leben sozusagen umstellen muss.“ (Veronika)

Wichtig festzuhalten hierbei ist, dass sich zwischen psychischer und physischer Gesundheit keine eindeutige Grenze ziehen lässt. Beides beeinflusst sich gegenseitig und das eine funktioniert nicht ohne das andere. Jeder, der einen Tag lang unter anhaltenden Kopfschmerzen gelitten hat, kann dies nachvollziehen, und auch während einer Magen-Darm-Erkrankung wird niemand davon ausgehen, noch vollkommen psychisch belastbar zu sein.

Interessant empfinde ich zudem das Phänomen der „Trendkrankheiten“ das in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt auftrat. Auf einmal war es niemandem mehr peinlich, aufgrund eines diagnostizierten „Burn-Out“ aus dem Beruf auszusteigen. Mit diesem anglizistischen Euphemismus war es plötzlich in Ordnung depressive Symptome zu haben, und man musste sich nicht mehr als Weichei degradieren lassen. ADHS wollten auf einmal alle haben und auch die positiven Eigenschaften von Autismus werden heutzutage ab und an hervorgeholt. Ach wäre ich doch nur ein Autist, dann könnte ich jetzt sicher diese Matheaufgabe im Kopf lösen – oder das Klima retten.

Zum einen führen derartige „Hypephasen“ von Krankheiten dazu, dass sich viele Personen intensiver damit auseinandersetzen und auch einen Blick hinter die Fassade der pauschalisierten Aussagen werfen. Andererseits hingegen, diagnostizieren sich einige Menschen dadurch zu schnell selbst und weichen somit die Begrifflichkeiten auf.

WAS UNS ALLEN HELFEN KANN

„Ich habe gemerkt, dass es sehr vielen anderen Menschen auch so geht und dass es nicht nur mir, sondern auch anderen hilft, wenn ich offen darüber rede. Es ist viel leichter zu wissen, dass man mit seinen Problemen nicht alleine ist. Deswegen kann ich nur empfehlen sich anderen Menschen anzuvertrauen. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Menschen in einer ähnlichen Situation waren oder sind.“ (Veronika).

Auch Christina hat der Austausch mit Betroffenen geholfen:

„Der anonyme Rahmen in vielen online Selbsthilfegruppen/-foren erleichtert das Ansprechen der Essstörung meiner Meinung nach sehr, da man keine Angst vor Stigmatisierung haben muss.“

Aber auch sich selbst samt der psychischen Erkrankung zu akzeptieren und damit gegenüber Freunden und Verwandten, die weniger Ahnung davon haben, offen umzugehen, ist für viele ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Besserung:

„Es wissen nach wie vor nur wenige Leute von meiner Essstörung. Das offene Ansprechen der Bulimie erleichtert meine Partnerschaft, denn die Heimlichtuerei ist pures Gift für eine Beziehung. Die Angst meinen Partner zu verlieren war irgendwann größer als die Scham und hat mir insofern den Mut gegeben, mich zu öffnen.“ (Ramona)

„Es hat mir sehr dabei geholfen, diesen Teil meiner Vergangenheit als einen Teil von mir zu akzeptieren. Meine Persönlichkeit weist Wesenszüge auf, die mich dahin geführt haben. Ich muss auf mich achtgeben, sorgsam mit mir und meinen Bedürfnissen umgehen. Mein Rat: Akzeptiert diesen Teil von euch. Ihr seid nicht die Krankheit, aber irgendwie gehört sie doch dazu, wenn ihr ein vollständiges Bild von euch haben wollt. Aber das ist nichts Schlechtes, sondern kann euch vielleicht zeigen, welche Bedürfnisse ihr habt und wie ihr mit dem Leben umgeht.“ (Ramona)

Nicht nur die Betroffenen selbst können mit einem veränderten Umgang mit ihrer Diagnose etwas am Krankheitsverlauf verändern. Auch gibt es heutzutage einige Initiativen, die Hoffnung aufkommen lassen:

An meiner Universität werden uns Studierenden zahlreiche Veranstaltungen, Diskussionsformate und Informationsmessen angeboten. Angefangen bei der Frage wie individuell mit Stress umgegangen werden kann über Unterstützung bei Lerndruck bis hin zu Schwierigkeiten im privaten Umfeld. Quantität sowie Qualität sind in jedem Fall ausbaubar – aber es ist schon einmal ein begrüßenswerter Ansatz.

UND DU?

„Verstehen kann meine Essstörung keine der Personen die davon wissen. Aber jede der Personen bot mir ihre Hilfe an.“ (Christina)

Was jeder von uns in jedem Fall beisteuern kann:

  • Wenn du von einem Betroffenen erfährst, dass er eine psychische Erkrankung hat: stecke ihn in keine Schublade. Informiere dich über die Krankheit und sei dir bewusst, dass die Person nicht alle möglichen Symptome erfüllen muss.
  • Trage zu einem offenen Umgang in Bezug auf dieses Thema bei, indem du es nicht verschweigst, sondern bewusst thematisierst.
  • Schäme dich nicht, wenn du selbst die Vermutung hast, Symptome einer psychischen Erkrankung aufzuweisen, sondern wende dich schnellstmöglich an die entsprechenden Beratungsstellen und Ärzte.
  • Achte darauf, welche Medien du konsumierst und von was dein Bild von psychischen Erkrankungen geprägt ist.

 

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Quelle: Free Photos

Wer bin ich eigentlich? Sich selbst wiederfinden nach einer Essstörung

Katharina

„Wie viele Kalorien habe ich heute schon zu mir genommen? Und wie viele verbraucht? Nachrechnen, wieder und wieder, alle paar Minuten. Jeden Tag, jahrelang.“ So ging es Katharina in ihrer Essstörung. Freunde treffen, Lesen, Filme schauen, bedenkenlos auf dem Sofa liegen, war für sie unmöglich. Immer wieder funkte das „Kaloriengrübeln“ dazwischen. Wer sie eigentlich war, spürte sie nicht mehr. Hier erzählt sie, wie sie wieder lernen will, Katharina zu sein.

Mit meiner Essstörung verlor ich nach und nach die Freude an allem. Ich konnte nur noch zufrieden mit mir sein, wenn ich ausreichend Sport gemacht und gehungert hatte. Die Tagesbilanz musste stimmen. Und wenn mein Gehirn mal kurz nicht daran dachte, war da nur noch Leere.

So wollte ich nicht weiterleben!

Irgendwann war ich an dem Punkt angelangt, an dem mir klar wurde, dass ich so nicht weiterleben wollte. Auf der einen Seite war ich körperlich komplett kraftlos – manchmal fühlte sich sogar einfach nur daliegen und atmen zu anstrengend an. Auf der anderen Seite hatte ich auch den Kontakt zu mir, meinem eigentlichen Ich komplett verloren.

Mir wurde nach und nach klar, dass es an meinem Essverhalten lag, dass ich so wenig Kraft hatte. Außerdem erkannte ich, dass ich aufgrund meiner Essstörung oft Entscheidungen traf, die mich eigentlich unglücklich machten und quälten. Ich entschied für die Essstörung, nicht für mich. Doch diese beiden Erkenntnisse waren der erste wichtige Schritt in ein Leben ohne Essstörung. Ich wollte lernen, wieder frei zu sein und mein Leben selbst zu gestalten.

Ich bin nicht meine Essstörung

Mit dieser Erkenntnis machte ich mich auf die Suche zurück zu mir selbst. Da ich kein Gefühl mehr dafür hatte, was ich eigentlich mochte, habe ich angefangen, mir selbst Fragen zu stellen. Sie haben mir geholfen, mich selbst wieder kennenzulernen – bis heute.

„Was habe ich früher gerne gemacht?“

Quelle: Bild von Free-Photos auf PixabayQuelle: Bild von Free-Photos auf Pixabay
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Listen zu schreiben hat Katharina sehr geholfen

Die eigenen Gedanken unter Kontrolle zu bekommen, nicht ständig wieder ans Essen zu denken, fiel mir sehr schwer, weshalb ich mich erst einmal auf Aktivitäten konzentriert habe. So habe ich mir eine Liste mit den Dingen geschrieben, die ich früher gerne gemacht habe. Darauf stand dann unter anderem: Am Wochenende einen ganzen Tag im Bett verbringen und ein Buch lesen. Die Nachmittage bei Freundinnen verbringen, ins Bett gekuschelt quatschen und Musik hören oder Kekse backen.  Kreuzworträtsel lösen. Spazieren gehen, einfach so. Filmabende mit Freunden. Schreiben.

Ich habe versucht, mich daran zu erinnern, warum ich diese Dinge mochte und wie ich mich dabei gefühlt habe. Auch das habe ich mir aufgeschrieben, um den Kontakt zu meinen Empfindungen wiederzufinden. Da steht dann zum Beispiel:

  • Einen Nachmittag bei einer Freundin verbringen. → Ausgelassenheit, Wärme, Intimität, Spaß.
  • Spazieren gehen. → Freiheit, eine angenehme Distanz zur Welt und meinen Pflichten, Ruhe.

Ins Tun kommen: Schritt für Schritt

Anschließend habe ich versucht, diesen Aktivitäten, bei denen ich mich früher sehr wohlfühlte, wieder Raum in meinem Leben zu geben. Dabei bin ich in kleinen Schritten vorgegangen und habe Abmachungen mit mir selbst getroffen. Ich habe mir zum Beispiel ein Buch genommen und versucht, eine halbe Stunde zu lesen. Eine halbe Stunde, ohne dabei ans Essen zu denken. Danach durfte ich wieder.

Oder ich habe mit mir vereinbart, spazieren statt joggen zu gehen, und versucht, die Eindrücke der Natur ganz bewusst wahrzunehmen und zu genießen. Ohne dabei an die Kalorien zu denken, die ich dabei verbrauchte.

„Was waren früher meine Themen?“

Worüber habe ich früher eigentlich gerne gesprochen, nachgedacht, herumphilosophiert? Auch diese Frage musste ich mir stellen. Und da stellte ich fest, dass das mal ganz schön tolle Sachen waren: meine Lieblingsbücher, Geschichten, die ich selbst geschrieben habe, Tiere, das Alte Ägypten, Mythologie.

Auch hierzu habe ich mir Listen gemacht und versucht, mich wieder neu für diese Themen zu begeistern. Immer mit der Frage im Hinterkopf, was mich früher daran so fasziniert hat, aber ohne diese Empfindung zu werten oder in Frage zu stellen. Dann habe ich angefangen, mich wieder mehr über diese Themen zu informieren und mit anderen Menschen darüber zu sprechen.

„Welche Werte sind mir wichtig?“

Meine eigentlichen Werte, nach denen ich mein Leben ausrichten wollte, hatten sich während der Essstörung zwar nicht geändert, aber sie waren aufgrund der Essstörung in den Hintergrund gerückt.

Zum Beispiel habe ich mich einmal dazu entschieden, joggen zu gehen, anstatt einem Menschen, der mir sehr wichtig ist, zu helfen. Das war auch ein sehr markantes Erlebnis für mich, das mir zeigte, dass ich so nicht sein will. Ich habe mich gefragt, nach welchen Werten ich leben möchte und in welchen konkreten Situationen ich mich gegen die Stimme der Essstörung und für meine eigentlichen Werte entscheiden konnte. Heute nehme ich mir Zeit in mich hineinzuhören und mich möglichst dann für meine wirklichen Werte zu entscheiden. Meistens gelingt mir das auch.

„Was sind meine Stärken und wie kann ich sie ausbauen?“

Wenn ich etwas mache, das ich gut kann, fühle ich mich gut. Was konnte ich also gut außer Kalorienzählen? Wieder schrieb ich mir eine Liste und darauf stand dann: Schreiben, Yoga, Zuhören, neugierig auf Neues sein, verrückt sein und die Menschen in meiner Umgebung zum Lachen bringen.

Der letzte Punkt stammte übrigens von einer Freundin, mit der ich über mein Selbstfindungsproblem gesprochen habe. Und das war auch etwas, das mir sehr weitergeholfen hat: Mit meiner Familie, meinen Freunden zu sprechen, sie zu fragen, was sie von mir in Erinnerung haben, bevor die Essstörung mein ganzes Leben übernommen hatte.

„Worin möchte ich gerne erfolgreich sein?“

Auf welchen Gebieten wollte ich wieder Erfolge haben, die nichts mit dem Thema Essen zu tun haben? Was kann ich dafür tun? Ich habe zum Beispiel wieder mit dem Schreiben von Geschichten begonnen und sie anderen gezeigt. Ihre Anerkennung dafür hat mir sehr gutgetan – und tut es heute noch.

„Wer bin ich also?“

Gewappnet mit diesen ganzen Listen habe ich dann versucht, wieder der Mensch zu werden, der ich eigentlich sein wollte und bin. Bis heute befinde ich mich noch auf dem Weg, aber über Essen denke ich schon lange nicht mehr so viel nach. Ich kann einen Nachmittag mit Lesen statt mit Sport verbringen, ohne dass es mich unerträglich quält, ich schreibe wieder, liege manchmal einfach nur im Bett und höre Musik oder telefoniere mit einer Freundin. Es ist ein langer Weg auf dem ich mich befinde. Und ich gehe ihn weiter. Jeden Tag.

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Essstörung: Bin ich krank genug?

Krank genug? Wenn wir mal ganz ehrlich sind, ist diese Frage eigentlich totaler Quatsch. Wieso muss man „krank genug“ sein, um Hilfe zu bekommen? Wo soll krank genug denn anfangen? Mich hat dieses „nicht krank genug“ sehr lange vom Gesundwerden abgehalten. Erst als ich verstanden habe, dass es „krank genug“ nicht gibt, konnte ich mich wirklich auf die Reise machen. Aber fangen wir vorne an …

Du siehst gar nicht essgestört aus

Ich habe mich immerzu mit anderen verglichen, die auch eine Essstörung haben. Für mich waren alle anderen aus irgendeinem Grund immer kränker als ich selbst. Für mich sahen sie dünner, blasser, bemitleidenswerter aus. Daraus schloss ich, dass ich selbst gar nicht essgestört bin. Gleichzeitig bin ich auch sehr oft mit Vorurteilen in Kontakt gekommen. Besonders der Satz: „Du siehst aber gar nicht essgestört aus“, ist ein ganz typisches Beispiel. Denn das, was Menschen, die überhaupt keine Erfahrung mit Essstörungen denken, ist: Essgestörte sind abgemagert bis auf die Knochen. Dass sie damit bei allen ein Riesendilemma auslösen können, wissen sie meist nicht. Aber das ist etwas anderes… Ich könnte hier vermutlich eine ewig lange Liste aus solchen Vorurteilen machen. Aber viel wichtiger ist das hier: Dein Gewicht ist KEIN Indikator dafür, wie krank du ist!

Nicht immer hilfreich: Diagnosekriterien für Essstörungen

Anorexie, Bulimie, Binge Eating usw. sind alles Essstörungen, die zu den psychischen Erkrankungen zählen. Nun ist es so, dass allen Essstörungen sogenannte Diagnosekriterien zugeordnet werden. Oft aber erfüllen Betroffene nicht den gesamten Katalog und fühlen sich deshalb nicht „krank genug“. Denn viele Menschen mit Essstörungen setzten sich mit diesen Kriterien sehr genau auseinander und streben dann sogar danach, alle zu erfüllen. Das kann den Zustand dann sogar verschlechtern. Aber Diagnosen sind nicht dazu da, euch einen Stempel auf die Stirn zu drücken, euch in einen inner circle zu holen oder euch „krank genug“ zu attestieren. Sie sollen lediglich die Kommunikation unter Ärzten und Krankenkassen erleichtern, damit ihr die richtige Behandlung bekommt!

Kann eine Essstörung wirklich atypisch sein?

Atypische Essstörungen sind eigentlich nichts anderes als Anorexie, Bulimie oder Binge Eating. Der einzige Unterschied ist der, dass einzelne der eben erwähnten Diagnosekriterien nicht erfüllt werden.

Wenn du also Essanfälle hast und dich danach erbrichst, das aber nicht so häufig tust, wie in den Diagnosekriterien beschrieben, dann würdest du die Diagnose „atypische Bulimie“ erhalten. Bei Magersucht wäre es der beispielsweise der Fall, wenn dein BMI höher wäre, als der Grenzwert.

Ihr seht, es sind Abweichungen von einem standardisierten Katalog, der niemals auf jeden zutreffen kann, denn Essstörungen sind so individuell wie wir Menschen eben. Dennoch hat mir das lange das Gefühl gegeben haben, nicht krank genug zu sein. Und das ist gefährlich. Denn so habe ich selbst den Genesungsprozess verzögert und viele Folgekrankheiten riskiert. Aber dazu später mehr.

Hast du das Gefühl, dringend mit jemandem reden zu müssen? Dann mach das doch gleich hier!

Die Risiken werden oft unterschätzt!

Abgesehen von der Anorexia nervosa ist eigentlich keine Essstörung nach außen sichtbar. Natürlich gibt es den ein oder anderen Aspekt, der auch nach außen auffallen kann, wie Haarausfall oder schlechte Zähne. Aber viele Schäden entstehen unter der Oberfläche – egal wie hoch oder niedrig der BMI ist, wie häufig jemand erbricht oder wie häufig die Essanfälle sind. Kein Mensch kann sehen, wie sehr dein Körper wirklich unter der schlechten Nahrungsversorgung leidet. Jeder von uns ist individuell und genauso sind es unsere Körper. Was ich damit sagen möchte: Nicht jeder Körper hält das Gleiche aus. Manch ein Körper ist belastbarer, andere weniger. Weder du, noch deine Eltern, noch deine Ärzte, geschweige denn irgendwelche Diagnosekriterien können voraussagen, wie dein Körper in zwei, fünf oder zehn Jahren auf eine zurückliegende Krankheit reagiert.

Mir passiert das ja eh nicht!

„Mir passiert das ja eh nicht!“, – das habe ich auch lange gedacht und ich glaube es gibt kaum jemanden, der nicht auch so denkt (oder zumindest schon mal so gedacht hat). Im letzten Jahr wurde ich dann allerdings ein wenig überrascht, als mein Arzt mir mitteilte, dass meine Knochendichte zu niedrig sei. Eine typische Folge von Magersucht. Und das ausgerechnet bei mir. „So krank“ war ich doch nie – oder vielleicht doch?

Ich kenne einige Betroffene, die unter körperlichen Folgen der Essstörung leiden, auch wenn sie nur kurz erkrankt waren und in vielen Fällen nicht die vollständigen Diagnosekriterien erfüllt haben.

Hilfe holen, aber wann, wie und bei wem?

Quelle: Bild von Gerd Altmann auf PixabayQuelle: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Quelle: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Das richtige Hilfsangebot für sich zu finden, ist nicht immer einfach.

Ich kann dir nur raten: Wenn du auch nur im Ansatz das Gefühl hast, dass du kein „normales“ Verhältnis mehr zum Essen hast oder du bei einer Freundin oder einem Freund so etwas bemerkst, dann sprich darüber! Es spielt keine Rolle wie lange du schon darunter leidest. In dem Moment, in dem du das Gefühl hast, dass etwas nicht mehr stimmt, wird dir geholfen. So etwas wie krank genug GIBT ES NICHT! Wir alle haben ein Recht darauf, uns Unterstützung zu holen. Du musst nicht gleich den großen Schritt gehen und mit deinen Eltern oder einem Arzt darüber sprechen. Du kannst auch kleiner anfangen und mit einer Freundin oder einem Vertrauenslehrer an deiner Schule sprechen.

Darüber hinaus gibt es auch online Möglichkeiten, anonym mit Menschen zu schreiben oder zu sprechen. Für mich war es damals eine riesige Unterstützung, dass ich jemanden hatte, mit dem ich ganz unverbindlich schreiben konnte, der für mich da war und vor dem ich nichts verstecken musste.

Frag dich am besten immer, was du deiner besten Freundin oder deinem besten Freund raten würdest, wenn es ihr/ihm nicht gut gehen würde. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass der erste Schritt meistens der schwerste ist, aber auch der, der dich auf den richtigen Weg führt!

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Quelle: analogicus

Depressionen: Wie ich wieder zu mir zurückfand

Isabelle, 25

@isabelle_knz

Bist du sicher, dass du nicht einfach nur traurig bist? Eine Frage, die nicht nur ich, sondern auch viele andere Betroffene hören, wenn sie zum ersten Mal davon erzählen, dass sie glauben unter Depressionen zu leiden. Sind Depressionen also, wie viele in meinem Umfeld dachten, nicht einfach nur Traurigkeit? In diesem Beitrag erzähle ich euch meine Geschichte.

Leider glauben sehr viele, dass depressive Menschen einfach nur faul sind, keinen Ehrgeiz haben, und all diese Vorurteile. Trotz des Unverständnisses vieler Menschen, steigt die Zahl der Betroffenen stetig. So leiden laut des Bundesgesundheitsministeriums weltweit rund 350 Millionen Menschen unter der Krankheit und damit ist sie zur Volkskrankheit aufgestiegen. Doch was bedeutet es depressiv zu sein? Und gibt es eine Chance auf Heilung?

Eben nicht einfach nur traurig!

Klar, traurig ist jeder mal, aber das geht irgendwann vorbei. Traurig und wütend zu sein war für mich allerdings ein normaler Zustand. Jede Nacht wünschte ich mir, nicht wieder aufzuwachen. Zu leben war für mich unerträglich. Nach außen hatte ich keine wirklichen Probleme. Ich hatte gute Noten, ging gerne zur Schule und hatte Freunde. Meine Wutanfälle hob ich mir für die Menschen auf, die mir am nächsten standen und meine Traurigkeit ließ ich nur raus, wenn ich alleine war. Die Traurigkeit und die Wut wurden alleinnehmend. Suizidgedanken und Selbstverletzung waren Teil des Ganzen. Jahrelang ging das so. Über die Jahre veränderte es sich und die Wutanfälle wurden eher zu einem Leeregefühl. Aber die Wut gegenüber mir selbst blieb. Leben fühlte sich für mich eher nur wie überleben an.

Depressionen erkennen: Wann sollte ich mir Hilfe holen?

Depressionen haben viele Gesichter und können durchaus unterschiedlich verlaufen. Es ist auch schwierig zu wissen, wann normale Gefühle wie Traurigkeit oder Wut zu einem kritischen psychischen Zustand werden. Grundsätzlich ist es immer sehr wichtig mit vertrauten Personen über Probleme, Zweifel und Ängste zu sprechen. Wenn du aber merkst, dass deine Gefühle und Verhaltensweisen dir schaden, du nicht mehr alleine damit zurechtkommst und dir auch keine Gespräche mit vertrauten Personen helfen, solltest du dir professionelle Hilfe suchen. Je früher, desto besser. Für mich kam die Einsicht leider erst ziemlich spät. Jahrelang habe ich stets nach dem Motto „Es geht noch“ gelebt, eine Ausflucht in Alkohol, Partys oder Reisen gesucht. Bis es irgendwann nicht mehr ging und auch diese Dinge nichts mehr unterdrücken konnten. Das Leiden wurde so stark, dass ich mich vor fast drei Jahren dazu entschied, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es?

Diese Entscheidung veränderte für mich alles. Zum ersten Mal wollte ich nicht nur überleben, sondern wirklich leben. Ich begann eine Psychotherapie und da war zum ersten Mal eine Person, die mir das Gefühl gab, verstanden und ernst genommen zu werden. Ich lernte, über meine Gefühle, Gedanken und Probleme zu reden. Mit der Zeit fing ich an, auch andere Dinge auszuprobieren. Ich begann zu meditieren, schloss mich einer Online-Coaching-Gruppe eines früheren hinduistischen Mönchs an und probierte alternative Heilmethoden wie Hypnose und Aufstellungsarbeit – eine Art Visualisierung von sozialen Beziehungen – aus. Vor allem letztere haben mir unglaublich geholfen. Prinzipiell denke ich, dass der erste Schritt immer sein sollte, sich anderen Menschen anzuvertrauen und vor allem professionelle Hilfe aufzusuchen. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass für jeden unterschiedliche Dinge funktionieren und es deshalb wichtig ist, Verschiedenes auszuprobieren. Nicht jedem hilft eine konventionelle Psychotherapie und es gibt viele alternative Methoden, die vor allem mir sehr geholfen haben. Falls du also nicht sofort das Richtige für dich findest, gib nicht auf, sondern probiere dich weiter aus. Der Weg zur Besserung ist genauso individuell wie die Krankheit selbst.

Sind Depressionen heilbar?

Quelle: Bild von Jill Wellington auf PixabayQuelle: Bild von Jill Wellington auf Pixabay
Quelle: Bild von Jill Wellington auf Pixabay
Heute ist Isabelle lebensfroh und weiß, worauf sie achten muss.

Die Entscheidung für das Leben hat für mich alles verändert. Trotzdem war es ab da kein steiler Weg nach oben. In den letzten drei Jahren gab es auch Phasen, in denen es mir wieder schlechter ging. Allerdings hatte ich gelernt, mir Hilfe zu holen und nicht mehr so lange zu warten. Jede schlechte Phase half mir noch eine Stufe tiefer in meinem Heilungsprozess zu kommen. Jede Phase war wichtig, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Natürlich bin ich mittlerweile auch mal traurig oder wütend, aber ich erlebe diese Gefühle jetzt ganz anders. Es ist kein Dauerzustand mehr, der meine komplette Realität einnimmt, sondern es sind Gefühle, die genau wie alle anderen Gefühle nach einer Zeit vorbei gehen. Ich bin aber auch sehr vorsichtig geworden. Ich achte sehr auf meine Gefühle und Gedanken, rede darüber und schütze mich in Zeiten, die eventuell schwierig sein könnten. Auch bin ich besonders vorsichtig bei der Auswahl der Menschen geworden, mit denen ich mich umgebe.
Ich glaube fest daran, dass Heilung möglich ist. Wie genau der Weg verläuft, ist meiner Meinung nach aber sehr individuell. Wichtig ist, die Hoffnung nicht zu verlieren, immer wieder neue Dinge auszuprobieren, wenn man merkt, dass man nicht weiterkommt und vor allem, mit vertrauten Personen darüber zu reden. Ich sehe Heilung auch nicht als etwas an, was plötzlich vorbei ist, mit dem man irgendwann fertig ist. Für mich ist es eher ein lebenslanger Prozess, in dem man sich stets weiterentwickelt.

Warum ich heute für die schwierigste Zeit in meinem Leben dankbar bin

Auch heute weine ich oft, wenn ich an die Zeit denke, in der ich mir täglich gewünscht habe, nicht mehr zu existieren. Meistens sind es aber Freudentränen, weil ich so dankbar bin für das Leben, das ich jetzt habe. So sehr zu leiden, hat mich gezwungen mich mit mir selbst einschließlich aller Gedanken und Gefühle auseinanderzusetzen – genauso wie an den Beziehungen zu meiner Familie und meinen Freunden zu arbeiten. Ich kann heute sagen, dass ich immer mehr und mehr lerne, mich selbst zu lieben und dass ich unglaublich starke und tiefgründige Beziehungen zu den Menschen in meinem Umfeld habe. Ständig meine Gedanken und Gefühle zu reflektieren, zu verstehen und letztlich umzuwandeln, hilft mir auch, andere Menschen besser zu verstehen und ihnen in schwierigen Situationen zu helfen.

Wenn man unter einer psychischen Krankheit leidet, denkt man oft, man sei ganz allein und niemand würde einen verstehen. Dabei gibt es so viele Menschen, die Ähnliches durchmachen und sich genauso wenig trauen, darüber zu reden. Seitdem ich offen damit umgehe, gibt es so viele Menschen in meinem Umfeld, die mir erzählen, dass sie ähnliche Probleme hatten oder haben. Generell denke ich, dass wir alle Probleme haben und viel offener damit umgehen sollten – unabhängig davon, ob man einen Namen für das Leiden hat oder nicht. Um an sich und seinen Beziehungen zu arbeiten, muss man nicht an einer psychischen Krankheit leiden, aber leider ist es oft so, dass wir Menschen erst anfangen, uns zu ändern, wenn das Leiden zu stark ist. Auch wenn die meisten Jahre meiner Jugend und des jungen Erwachsenenalters von Suizidgedanken, Wut und Trauer geprägt waren, bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich dadurch gezwungen wurde, mein Leben und mich selbst ständig zu reflektieren. Für mich begann vor drei Jahren eine Reise, auf der ich vermutlich mein Leben lang sein werde. Die Reise zurück zu mir zu mir.

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Quelle: Bild von Lars_Nissen_Photoart auf Pixabay

Selbstverletzung - Wenn körperlicher Schmerz den seelischen erträglich macht

Lisa, 25

Kennst du das, wenn du so wütend oder traurig bist, dass du nicht mehr weißt was du tun sollst? Du willst schreien, aber es kommt kein Ton. Du willst weinen, aber es kommt keine Träne?
Und irgendwann haben sich so viele Gefühle in dir angestaut, dass du die Welt um dich herum wie durch einen Nebel wahrnimmst. Um dies alles irgendwie auszuhalten, verletzt du dich dann selbst und merkst, wie der Druck in dir abnimmt. Damit bist du nicht allein.
Zwischen 25 und 35 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland haben sich mindestens einmal in ihrem Leben absichtlich selbst verletzt – manche sogar regelmäßig.
Ich war eine von ihnen und das ist meine Geschichte.

Heute habe ich das Wort *Hass* in meinen Oberschenkel geritzt. Ich wollte, dass mein Körper genauso leidet wie ich es tue. (Tagebucheintrag, 2008)

Das erste Mal kam ich mit zwölf Jahren mit dem Thema Selbstverletzung in Berührung. Ich war mit zwei Mädchen in der Klasse, die damit prahlten, dass sie sich selbst Schnitte zugefügt hätten. Sie präsentierten in der Klasse ihre Wunden und gaben damit an, wie cool das sei. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir: „Wie blöd sind die beiden denn? Das tut doch weh!“ Ich dachte, die beiden taten das nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen und um im Mittelpunkt zu stehen.
Nur ein paar Monate später fügte auch ich mir selbst Schmerzen zu, weil ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste .

SCHMERZEN ALS SELBSTBESTRAFUNG

Die Selbstverletzung diente mir zuerst als Selbstbestrafung für jegliche Nahrungsaufnahme, denn ich war zu Beginn der Pubertät magersüchtig geworden. Mir wurde mit Klinikaufenthalten und Zwangsernährung gedroht, wenn ich denn nicht endlich essen würde. Aus Angst, dass meine Eltern ihre Drohung wahr machen würden, aß ich wieder. Aber nicht einfach so: Ich hasste mich für meine „Undiszipliniertheit“ und „Schwäche“ und begann, mich für jeden Bissen zu bestrafen. Ich verletzte mich selbst, um den Druck, Essen zu müssen und „dick zu werden“, aushalten zu können.

Gründe für selbstverletzendes Verhalten

Selbstverletzung tritt häufig als Begleitsymptom einer psychischen Erkrankung auf. Hierzu zählen: Depressionen; Ess-, Zwangs- oder Angststörungen; Borderline-Persönlichkeitsstörung, Posttraumatische Belastungsstörung.

Es kann aber auch sein, dass du dich selbst oder ein Freund/eine Freundin sich aufgrund mangelnden Selbstwertgefühls selbst verletzt.

Ohne es zu bemerken, weitete ich meine Bestrafungen aus. Immer wenn ich wütend auf mich selbst war, weil etwas nicht so funktionierte wie ich es mir vorgestellt hatte, musste ich mir Schmerzen zufügen, um den inneren Druck, aushalten zu können. In diesen Momenten fühlte ich mich wie berauscht. Ich konnte nicht mehr klar denken und war abwesend. Nur der Schmerz holte mich zurück ins Hier und Jetzt und ließ mich fühlen, dass ich noch am Leben war. Die Selbstverletzung war zu einem Ventil für sehr starke Emotionen geworden, die ich nicht ausdrücken, aber auch nicht für mich behalten konnte. Ich hatte das Gefühl, sie schnüren mir sonst die Luft ab.

Viel zu hohe Ansprüche setzten mich unter enormen Druck

Beispielsweise war ich wütend auf mich selbst, da ich in der Schule bei einer Stegreifaufgabe nur eine Zwei bekommen hatte, obwohl mein Anspruch an mich selbst war, eine Eins zu schreiben. Ich kam von der Schule nach Hause und schloss mich ins Badezimmer ein… Danach fühlte ich mich erleichtert. Die Wut auf mich selbst, war dem Schmerz gewichen und somit erträglich geworden. Irgendwann kompensierte ich alle möglichen Gefühle, mit denen ich nicht umzugehen wusste. Ich begann, mich in der Schule zu verletzen, weil ich Angst hatte den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Im Sportunterricht wurde zum Beispiel Seilspringen benotet. Aus lauter Angst keine Eins zu bekommen, schlich ich mich aus der Turnhalle in die Umkleide und reduzierte diese Angst, indem ich mir Schmerzen zufügte.

Ohne bewusst wahrzunehmen, war ich in einem Teufelskreis gefangen: Immer häufiger benötigte ich den Schmerz, um meine Gefühle auszuhalten. Und irgendwann wurden meine Verletzungen trotz Armstulpen, langer Kleidung beim Sport oder im Sommer doch entdeckt. Meine Eltern brachten mich daraufhin zu einer ambulanten Psychotherapie. Mein langer Genesungsweg begann.

Ich die Verrückte

Meine Eltern setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um mir zu helfen. Nur leider wusste es dann bald das komplette Dorf. Und natürlich wurde über mich – „ die Verrückte, die sich selbst verletzt, die ständig traurig ist und hungert“ – geredet. Beim Einkaufen wurde ich von der Kassiererin angestarrt wie eine Verbrecherin. Die Eltern einer Freundin verboten ihr den Kontakt zu mir, da ich ein schlechter Umgang für ihre Tochter sei. Es war sehr schlimm für mich, wie eine Aussätzige behandelt zu werden, was meine Genesung nicht gerade positiv beeinflusste.

DER WEG AUS DER SELBSTVERLETZUNG

Entscheide dich: selbstverletzungQuelle: Bild von Johannes Plenio auf PixabayQuelle: Bild von Johannes Plenio auf Pixabay
Quelle: Bild von Johannes Plenio auf Pixabay
Langsam kam wieder Licht in mein Leben.

Durch die langen Klinikaufenthalte erreichte ich damals das Klassenziel nicht und musste die neunte Klasse wiederholen. Zuerst war ich wütend: ein Jahr später Abschluss machen, meine Klassenkameraden verlieren und in meinen Augen das Ziel, eine gute Schülerin zu sein, nicht geschafft zu haben. Aber hinterher kann ich sagen, dass mich dies auf meinem Heilungsweg unterstützt hat.

Ich wurde sofort in die neue Klassengemeinschaft integriert und fand wunderbare neue Freundinnen, mit denen ich über alles reden konnte und mich verstanden fühlte. Es war wie ein Neustart. Ich verkroch mich nicht mehr länger in meinem Zimmer, sondern traf mich fast täglich mit meinen neuen Freundinnen. Wir veranstalteten Pyjama-Partys, machten gemeinsam Sport, kochten zusammen und konnten einander alles anvertrauen. Auch das Verstecken der Narben, konnte ich damit ablegen, da ich gemerkt habe, dass mich die Menschen um mich herum so akzeptierten und liebten wie ich war. Ich zog also im Sommer T-Shirts an und stand zu meinen Narben und meiner Geschichte. Die Momente, in denen es mir schlecht ging, wurden immer weniger und somit auch das Selbstverletzen.

Im Alter von 18 Jahren verletzte ich mich das letzte Mal. Ich hatte erst kurz meinen Führerschein und konnte das Berganfahren noch nicht so gut. Die Folge war, dass ich zurückrollte und dabei das hinter mir wartende Auto beschädigte. Ich fühlte mich dumm, unfähig ein Auto zu fahren, schlecht weil meine Eltern meinetwegen mehr Versicherung bezahlen mussten. Es waren so viele Gefühle in mir und die innere Anspannung war so groß, dass ich keinen anderen Ausweg mehr wusste, als mir weh zu tun.
Seitdem habe ich natürlich immer wieder Situationen erlebt, die mich gefühlt innerlich fast zerrissen haben, doch ich hatte Alternativen gefunden, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, ohne mir Schmerzen zuzufügen.

MEINE PERSÖNLICHEN ALTERNATIVEN ZUR SELBSTVERLETZUNG

In Akutsituationen half es mir, einen Igelball über die Unterarme zu rollen, ein Gummiband am Handgelenk schnalzen zu lassen oder einen Eisbeutel auf die nackten Unterarme zu legen. Langfristig gesehen haben mir in dieser schweren Zeit die Gespräche mit Jugendlichen, denen es genauso ging wie mir, geholfen. Ich fühlte mich verstanden und nicht mehr allein mit dem Chaos in meinem Kopf und den Gefühlen. Auch entdeckte ich das Schreiben für mich. Ich schrieb Tagebuch, düstere Geschichten und Gedichte um meinen Gefühlen Raum zu geben. Die Musikrichtung Heavy Metal drückte mit dem Screaming und Shouting das aus, was ich eigentlich gerne rausschreien wollte, aber nicht konnte. Und beim Sport brachte ich mich an meine körperlichen Grenzen, um meinen Körper zu spüren.

WAS IM NOTFALL HELFEN KANN

In den Kliniken bekam ich sogenannte Skills an die Hand, um meine Emotionen zu regulieren. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass Skills bei jedem Menschen unterschiedlich wirken und auch je nach Situation ist die Wirkung der Methoden eine andere, da auch die innere Anspannung eine andere ist.

Wenn es dir auch so geht, kannst du einfach einmal ein paar der nun folgenden Methoden in einer neutralen Situation ausprobieren. Du kannst dir anschließend auch eine sogenannte Skill-Kette erstellen. Das heißt, du unterteilst deine Skills in ihrer Wirkungsweise. Bei leichter Anspannung wählst du einen leichten Reiz und wenn dieser nicht ausreicht, probierst du eine neue Methode.

Handlungsbezogene Skills: Was kann ich tun?
• laut schreien
• singen
• Gummiband am Handgelenk schnalzen
• Musik hören
• jemanden besuchen, anrufen
• Hausarbeit (Putzen, Bügeln etc.)
• Igelball auf den Unterarmen rollen
• Eiswürfel lutschen
• Kühlbeutel auf die Unterarme legen
• wenn du kannst – weinen

Gedankenbezogene Skills: Wie kann ich meine Gedanken ändern?
• Kreuzworträtsel / Sudoku
• Zauberwürfel lösen
• Film anschauen
• Buch lesen
Sinnesbezogene Skills: Welcher Sinnesreiz hilft?

• Zitronensaft pur trinken
• Chili kauen
• Brausetablette im Mund zergehen lassen

HEUTE - BIN ICH GEHEILT?

Heute brauche ich das Selbstverletzen nicht mehr, um mit starken Emotionen umzugehen. Es war ein fünf Jahre langer Weg, um herauszufinden, wie ich meine Gefühle ausdrücken kann, ohne mir dabei selbst zu schaden. Auch heute höre ich gerne noch Heavy Metal oder powere mich beim High Intensity Intervall Training aus. Ich habe ein Ventil für starke Gefühle gefunden.
Es gibt kein Patentrezept gegen selbstverletzendes Verhalten. Mir haben ein Zusammenspiel aus vielen Gesprächen mit Betroffenen und Freunden, Psychotherapie, Lesen, Schreiben, Musik, Sport und Zeit geholfen.

Ich hoffe du konntest dir für dich selbst oder jemanden den du kennst aus meiner Geschichte etwas mitnehmen. Und denke daran, du bist mit deinen Gefühlen nicht alleine und dir kann geholfen werden. Sich Hilfe zu suchen ist auch kein Zeichen von Schwäche. Denn du bringst den Mut und die Kraft auf, an der jetzigen Situation etwas zu ändern – das ist wahre Stärke!

WO FINDE ICH HILFE - ANLAUFSTELLEN FÜR BETROFFENE

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Meine Buchempfehlungen
• Rote Linien. Ritzen bis aufs Blut, Brigitte Blobel
• Schmerzverliebt, Kristina Dunker
• Dann bin ich seelenruhig: Mein Leben als Ritzerin, Angela S. und Kerstin Dombrowski
• Cut: Bericht einer Selbstverletzung, Patricia McCormick
• Schnittstellen: Warum ich mich immer wieder selbst verletzen musste, Anja Abens, Meike Abens

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Alles Liebe, Deine Incogito-Redaktion.

Quelle: Bild von Kranich 17 auf Pixabay

Essstörung: Wie du dir in der Klinik die richtigen Vorbilder suchst

Jenny, 22

Als ich zum ersten Mal stationär im Krankenhaus aufgenommen wurde, fiel ich aus allen Wolken. Am Tag davor bin ich noch normal zur Schule gegangen. In meiner Vorstellung war ich gesund. Rückblickend hatte meine Mutter die Anzeichen korrekt gedeutet und alle Hebel in Bewegung gesetzt. Denn ich hatte eine Essstörung, die ich selbst nicht erkennen wollte.
Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob die stationäre Behandlung für mich damals das Richtige war. Denn ich „lernte“ dort Dinge, auf die ich zuhause niemals von selbst gekommen wäre. Aber lest selbst.

Abteilung für Essstörungen

Angekommen auf der psychiatrischen Abteilung für Essstörungen hatte ich dein Eindruck: „Ich bin hier absolut fehl am Platz!“ Überall sah ich dünne – nein abgemagerte – Mädchen. Ich fühlte mich wie ein Außerirdischer auf dieser Station. Der Fakt, dass ich per Definition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) im Normalgewicht war, war für mich ein Beweis, dass ich keine Essstörung haben konnte.

Ich brauche keine Hilfe!

Jenny glaubte, nicht „richtig essgestört“ zu sein.

Das Personal redete mir gut zu, dass ich nun endlich Hilfe bekäme. Aber das Einzige, was ich dachte, war: „Schaut mich an, ich bin nicht wie die anderen hier, ich brauche keine Hilfe!“ Wie konnte man nur auf die absurde Idee kommen mich mit diesen Essgestörten zu vergleichen. Ich stand völlig neben mir. Ich fühlte mich wie im falschen Film. Beim ersten Mittagessen verstand ich dann gar nichts mehr. Wir hatten 30 Minuten Zeit zu Essen und wurden vom Pflegepersonal überwacht. Ich saß am Tisch mit fünf weiteren Mädchen und ich dachte nur „Wow, die haben ja wirklich ein Problem!“. Es wurden mir Verhaltensweisen und Ängste offenbart, die mir in meinen verrücktesten Träumen nicht eingefallen wären. Hast du zum Beispiel schon mal daran gedacht, ein einzelnes Reiskorn zu halbieren, um es zu essen? Ich bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch nie.

 

Keine Tabus

Aber nicht nur bei Tisch habe ich Dinge beobachtet, die ich im „echten“ Leben nie gesehen hätte. Bereits nach wenigen Stunden war ich mit meinen drei Zimmergenossinnen gut vertraut. Es gab keine Tabus. Es wurde offen über alles geredet. Infos aller Art von jeder Person, die mit uns zu tun hat, aber auch Tricks wie man das Personal am besten hintergehen kann. Zum Beispiel war es nahezu normal, Essen bei einer unachtsamen Betreuung unter dem Teller oder in der Serviette zu verstecken. Zu Beginn konnte ich mit diesen Tricks nichts anfangen, aber innerhalb weniger Tage konnte ich sie alle und habe sie perfektioniert.

Ich war ein Teil der Gruppe

Kurz vor den täglichen Wiegekontrollen trank ich still und heimlich einen Liter Wasser – genau wie meine Zimmergenossen. Ich begann ebenfalls meine Reiskörner zu teilen und schaffte, wie alle anderen auch, meine Portionen nicht in den vorgegebenen Zeiten. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl dazuzugehören. Mir war es egal, dass ich in Wirklichkeit kein Problem mit dem Zeitlimit bei den Mahlzeiten hatte. Ich war ein Teil der Gruppe und das war das Einzige, das für mich zählte. Heute kann ich sagen, dass das die falsche Einstellung war!
Wenn ich so an die Zeit auf der Station zurückblicke, stelle ich mir schon die Frage: „Was wäre, wenn ich das getan hätte was ich wollte… wenn ich in den Therapien das angesprochen hätte, was für mir persönlich schwierig war … wenn ich mich meinen Ängsten gestellt hätte?“ Während meines gesamten stationären Aufenthaltes war ich so froh ein Teil von etwas Größeren zu sein, dass ich den eigentlichen Grund für meine Aufnahme vergaß. Die Konsequenz: Ich kam wieder…. und wieder, und immer wieder!

Verleugnung des Offensichtlichen

Ich war sehr oft stationär im Krankenhaus und in speziellen Kliniken für Essstörungen. Ich hatte viele Ärzte und Therapeuten mit verschiedensten Behandlungskonzepten und alles war umsonst. Ich habe jahrelang nicht begriffen, dass ich krank war. In dieser Einstellung, der Verleugnung des Offensichtlichen – das kann ich heute mit Sicherheit sagen – war der Hund begraben! Heute weiß ich, daran hätte ich zu aller erst mit professioneller Hilfe arbeiten müssen.

Geht es dir vielleicht ähnlich? Und du möchtest mit jemandem reden? Dann komm hier entlang.

Will ich wirklich so weiter machen?

Erst nach mehreren Jahren und einer Vielzahl an stationären Aufenthalten begann ich mein Leben zu hinterfragen. Will ich wirklich so weiter machen? Jedes Jahr Klink-Aufenthalte, zugedröhnt mit Medikamenten das Leben an mir vorbeiziehen lassen und zu 100 Prozent abhängig von meinen Eltern sein? Als Antwort gab ich mir eine klares „NEIN“.
Ich wollte selbst bestimmen und meinen eigenen Weg gehen. Ich setzte mir klare Ziele und plante meine eigene Zukunft. Schon beim ersten Ziel, die Matura zu schaffen (Abitur in Deutschland), wurde mir klar, dass das mit der Essstörung nicht möglich war. Daher begann ich an mir zu arbeiten. Ich setzte mich mit meinen Ängsten auseinander und erkannte das Offensichtliche: meine Essstörung. So viel verschwendete Zeit und das alles nur, weil ich mir nicht eher eingestehen wollte, dass ich ein Problem hatte. Diese Erkenntnis tat weh, aber nun wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich musste etwas ändern.

Was bedeutet Genesung?

Meine Entwicklung zu einem selbstständig überlebensfähigen Menschen ging nur langsam voran. Besonders der Umgang mit Gleichaltrigen ist heute noch eine besondere Herausforderung für mich. Meine gesamte Jugend verbrachte ich zum großen Teil mit Ärzten, Therapeuten und der engsten Familie. Ich ging nie auf Partys und machte keinerlei Unternehmungen mit Freunden.
Heute kann ich sagen: Ich bin ein Mitglied der Gesellschaft. Absolut gesund bin ich noch nicht, aber ich bewältige meinen Alltag ohne Hilfe. Ich brauche weder Medikamente, noch wöchentliche Therapiegespräche. Ich studiere, arbeite nebenbei und habe am Ende des Tages noch genug Energie um Freunde zu treffen. Es gibt gute Tage, an denen ich keinerlei Einschränkung im Alltag verspüre und es gibt schlechte Tage, an denen ich wieder in meinen Ängsten gefangen bin. Aber ich weiß, dass die schlechten Tage vergehen und weniger werden. Es liegt noch ein langer Weg vor mir, aber ich genese mit jedem Tag mehr. Mit jedem weiteren Tag lerne ich dazu und genieße das Leben als Studentin mit allem was dazugehört!

Hier ist mein kleiner persönlicher Guide:

Wie du dir die richtigen Vorbilder suchst

1.Befasse dich mit dir selbst
Was sind deine Ziele, deine Träume und was willst du für dich persönlich? Richte dich nach dir selbst und hör auf, dich ausschließlich nach den anderen zu richten. Verliere den Kontakt nicht zu dir und deinen Bedürfnissen.

2. Warte nicht auf die eine Person, die dich rettet
Oftmals gibt es in Geschichten von ehemals Betroffenen eine spezielle Person oder ein prägendes Schlüsselerlebnis, was der Wendepunkt war, der sie aus den Fängen der Essstörung befreit hat. Warte nicht darauf! Sei selbst dein Held in schillernder Rüstung.

3. Achte darauf, ob dir die Gespräche mit deinen Mitpatienten guttun oder nicht
Es ist gut, wenn dich Gespräche auch außerhalb der Therapie zum Nachdenken anregen, aber sobald du dich anschließend schuldig fühlst, solltest du vorsichtig werden.

4. Es gibt mehr Gesprächsthemen als Essen
Neben den Themen wie Essen, Gewicht, Kalorien gibt es eine Vielzahl an anderen Themen, worüber man sich unterhalten kann. Wenn du merkst, dass in deinem Umfeld immer nur das Gewicht oder die nächste Mahlzeit Thema ist, distanziere dich davon. Das Leben hat viel mehr zu bieten als das!

Bonus-Tipp: Wenn du in einer Klinik bist, wo verschiedenste Krankheitsbilder behandelt werden, dann tausche dich mit denen aus. Oftmals gibt es ähnliche Probleme, aber unterschiedliche Bewältigungsmechanismen. Lernt gegenseitig voneinander.

5.Keine Macht dem Gruppenzwang
Ein Mitglied in einer Gruppe zu sein, ist etwas Schönes, doch nicht um jeden Preis. Sobald du beginnst dein Essverhalten nur wegen deinen Mitpatientinnen zu ändern – damit meine ich Reiskörner halbieren oder Mahlzeiten verweigern – ist der Preis zu hoch. Gefährde nicht deine Genesung, nur um weiterhin gemocht zu werden. Es ist ein Zeichen von Stärke, sich über die Erwartungen der anderen hinweg setzten zu können.

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