"Menschen verbinden sich an Stellen, wo sie kaputt gegangen sind"

Beitrag aus der Redaktion

@in_cogito.de

Durch Abnehm-Kuren in ihrer Kindheit, Verletzungen beim Sport, unzähligen Diäten und einem geringen Selbstwert entwickelte Nicole Jäger eine Binge-Eating-Störung. Heute liegt ihr letzter Essanfall über fünf Jahre zurück und sie ist als Comedienne und Autorin mehr als erfolgreich. Mit InCogito hat sie über ihre Erfahrung mit ihrer Essstörung gesprochen, was ihr Selbstwertgefühl damit zu tun hat und was ihr das Schreiben gibt.

 

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InCogito: Bisherige Interviews mit dir beginnen oft damit, dass Du über dich selbst sagst „Ich bin eine fette Frau“. Wofür findest du es wichtig, deinen Körper so zu beschreiben?

Nicole Jäger: Ich finde das gar nicht wichtig. Meistens startet das Interview aber mit einer Frage zu meinem Körper. Und ich überlasse wirklich nur ungern die Kommunikationshoheit über mich jemand anderem. Deshalb stelle ich das zu Beginn gleich klar. Ich würde aber nie von selbst ein Interview so beginnen. Denn das ich übergewichtig bin, ist nicht das was mich ausmacht.

Was gab dir damals, als du begonnen hast, dich mit dir und deiner Essstörung auseinanderzusetzen die Zuversicht, dass du auch ohne Adipositas-Operation eine reelle Chance hast, gesund zu werden?

Ich bin überzeugt davon, dass Adipositas-Chirurgie nicht die Antwort auf eine Essstörung ist. Denn selbst wenn du operiert bist, bist du trotzdem essgestört. Die OP nimmt dir, dem Suchtdruck nachzukommen und vielleicht auch ein bisschen Druck von außen, weil du dann relativ schnell schlanker bist.

Aber es gibt ja einen Grund, warum Menschen, die solch eine OP hatten, danach in andere Süchte fallen, warum viele nach einer Operation so stark mit Suizidgedanken strugglen. Es ist eben nicht nur eine Operation. Eine Essstörung passiert nicht im Magen. Für mich war immer klar, wenn mein Magen nicht das Problem ist, wird auch eine OP an meinem Magen nicht die Lösung sein.

Ich glaube einfach, dass das Heil nicht im Schlank sein liegt. Denn im Umkehrschluss wären alle schlanken Menschen glücklich und das ist einfach nicht der Fall. 2 Prozent aller Menschen mit Adipositas weltweit schaffen es ohne Magen-OP. Das ist eine riesige Zahl. Und ja, warum sollte ich nicht dazugehören, mit dem nötigen Wissen und Geduld.

Das heißt dein Ziel war nicht abzunehmen, sondern der Essstörung zu begegnen? Denn oft wird in den Medien deine Gewichtsabnahme in den Vordergrund gestellt.

Ich glaube, das liegt daran, dass Essstörung immer noch gern weggelächelt werden. Und es gibt auch ein mir völlig unerklärbares Ranking der verschiedenen Formen von Essstörungen. Magersüchtig zu sein ist nicht so schlimm wie bulimisch zu sein. Bulimisch zu sein, ist aber viel schlimmer als esssüchtig zu sein. Das ist alles so ein Bullshit. Ich glaube, dass Essstörungen überhaupt nicht so wahrgenommen werden, als das was es ist. Nämlich als eine Störung, die für Betroffene ein ernsthaftes Problem ist. Viel mehr als nur ein Gewichtsproblem à la der oder die isst zu wenig oder zu viel. Und gerade dann, wenn wir von Binge-Eating-Disorder sprechen. Denn übergewichtig zu sein ist gesellschaftlich hoch problematisch. Deswegen sprechen wir darüber am allerwenigsten, denn Dicke sollen einfach abnehmen. Punkt. Und wenn Betroffene Gründe angeben, warum eine Abnahme nicht funktioniert, sind die nur vorgeschoben. Das ist die allgemeine gesellschaftliche Meinung. Und Essstörungen bei denen die Betroffenen schlank sind, sind dann gesellschaftlich legitim, weil die Personen eben schlank sind.

Dass der Körper von Menschen mit Essstörungen „nur“ ausdrückt, dass da was nicht in Ordnung ist, der Körper ein sichtbares Symptom ist und dass dahinter eine richtig krasse Geschichte steckt, erfährt gesellschaftlich meist überhaupt keine Würdigung. Am krassesten ist das der Fall, wenn wir über Esssüchte sprechen, bei denen Betroffene übergewichtig sind. Diese Menschen haben gesellschaftlich jede Legitimation verloren.

War es dein Ziel, abzunehmen als du begonnen hast, etwas anders zu machen? Wie bist du gestartet?

Am Anfang ging es bei mir schon auch um Gewichtsverlust. Doch ich musste, mich gleich zu Beginn auch mit der gesamten Thematik Essstörung beschäftigen, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon 20 Jahre Diätkarriere hinter mir hatte – das hätte mich fast umgebracht. So konnte es für mich nicht weitergehen. Ich musste rausfinden, was eigentlich das verdammte Problem ist. Denn ich bin intelligent genug um zu verstehen, dass ein Apfel weniger Kalorien hat als Schokolade. Ich bin ja nicht blöd. Also musste ich mich damit auseinandersetzen, was denn sonst bei mir los ist. Ich musste rausfinden:Wofür steht das Essen bei mir.

War dir klar, dass du eine Essstörung hast?

Für mich war das ein sehr langer Prozess, anzuerkennen, dass das bei mir auch wirklich eine Essstörung ist. Und eben nicht: Ich bin nur zu faul. Andere schaffen es ja auch. Damit habe ich mich auch am Anfang auseinandergesetzt. Und dann musste ich herausfinden, was ich anders machen muss, damit ich überhaupt eine Chance habe. Denn ich wusste, Diäten machen es definitiv nur schlimmer. Das ist wie Öl ins Feuer zu gießen. Ich habe dann festgestellt, dass ich an das Mentale ranmuss. Ich brauchte eine Krankheitseinsicht und konnte dann die Haltung entwickeln: Wie kann ich mit meiner Essstörung gemeinsam einen Weg finden? Wie gehe ich mit dieser Erkrankung um?

Kannst du beschreiben, wie sich deine Essstörung heute im Vergleich zu vor deiner großen Abnahme anfühlt?

Die Essstörung fühlt sich heute nicht mehr so bedrohlich an. Sie fühlt sich meistens nicht mehr größer an als ich. Das habe ich in meinem Buch „Nicht direkt perfekt“ thematisiert. Ich sehe mich heute als Mensch und dieser lebt mit einer Essstörung. Sozusagen in friedlicher Koexistenz.

Ich habe für mich verinnerlicht, dass ich schon jetzt ein vollständiger Mensch bin und nicht nur, wenn die Essstörung komplett passé ist.

Bedeutet das für dich, dass du einen Teil deines Lebens mit der Essstörung teilst?

Ja, und das ist kein Aufgeben. Im Gegenteil. Ich werde sicher kein Mensch werden, der nie über essen nachdenkt. Denn das mache ich schon seit meinem 5. Lebensjahr. Mein Weg raus aus der Sache ist: zu wissen und zu fühlen: Essen tut mir nichts und ich bin okay. Ich bin jetzt an dem Punkt, dass ich mich nicht mehr schäme zu essen. Und eben auch der Punkt zu fühlen, dass es in Ordnung ist, übergewichtig zu sein.

Es wäre natürlich cool, wenn ich morgens aufwachen würde und denken würde: Essstörung? Nee weiß ich nicht, wie sich das anfühlt. Aber das glaube ich nicht. Ich denke, dass ich immer ein bisschen Awareness brauche, um nicht wieder dorthin zurückzufallen, wo es ganz schlimm war. Und dafür ist Essen immer ein bisschen mein Thema, aber es ist nicht mehr das Hauptthema.

Und ich glaube durchaus, dass Menschen da rauskommen können, was die Essstörung Negatives mit ihnen macht. Ich selbst bin auch keine Binge-Eaterin mehr. Mein letzter Anfall ist fünf Jahre her. Und trotzdem: Die Art wie ich esse, ist sehr Ausdruck dafür, wie es mir geht. Und das hilft mir auch, auf mich zu achten.

Derzeit ist Nicole Jäger mit ihrem Programm „Walküre“ in ganz Deutschland auf Tour. Wir können euch ihre Show, Bücher und zahlreichen Interviews nur wärmstens ans Herz legen.

Was hat dein Selbstwertgefühl mit deiner Genesung zu tun?

Die Frage danach ist eine sehr große. Ich weiß, ich war kein gewolltes Kind und ich glaube, ich bin kein sehr erwünschtes Kind gewesen. Und das habe ich gespürt. Ich habe als Kind verinnerlicht, dass mein Wert von meiner Leistung abhängt. Ich als Mensch muss mir meinen Wert und Liebe erarbeiten. Und weil ich auch noch übergewichtig bin, bin ich noch wertloser, weil mein Körper mich weniger liebenswert macht. Und das war dann auch meine feste Überzeugung. Ich musste erstmal herausfinden, dass mein Wert unabhängig ist von der Meinung einer anderen Person und unabhängig von meiner Leistung, und dass diese Überzeugung sehr stark mit meinem Essverhalten verbunden war.

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Und wie hast du das herausgefunden?

Ich habe begonnen, mir Fragen zu stellen: Warum bin ich mir es selbst nicht wert, mich gut um mich zu kümmern? Ich habe mich um andere gut kümmern können, aber nicht um mich. Mir wurde auch erst später klar, dass, wenn man isst, bis es einem nicht mehr gut geht, das ja auch eine Form von selbstverletzendem Verhalten ist. Ich musste mich fragen, weshalb ich Essen gegen mich nutzte, anstatt für mich.

An meinem Wert zu arbeiten und genug Respekt mir selbst gegenüber zu entwickeln, das war meine Aufgabe. Heute habe ich diesen Respekt vor mir selbst und kann auch diesem Schuldgefühl Einhalt gebieten und sagen: es geht um mein Recht auf Essen, auf mein Leben. Und seit ich das nicht nur kognitiv, sondern auch emotional verstanden habe, seitdem wird es besser.

Kannst du beschreiben, wie du an deinem Selbstwert gearbeitet hast?

Ich habe begonnen, mich mitzuteilen, mir Hilfe zu suchen. Ich durfte erfahren, dass ich darüber sprechen kann, ohne dass die Welt untergeht. Ich habe mich geöffnet, gesagt, was mir unangenehm ist, wofür ich mich schäme. Und dann wurde es einfacher, weil mein Gegenüber mich besser verstehen konnte. Das Gefühl in mir, das so ohrenbetäubend laut war, wurde leiser. Ich habe Mitwisser geschaffen. So konnte das Gefühl raus aus mir.

Du sprichst heute über sehr persönliche Themen in der Öffentlichkeit, in deinen Büchern, Shows und Interviews. Fällt dir das leicht?

Das was ich mache, ist für mich immer eine Überwindung, weil es so persönlich ist. Und ich bin sehr emotional und sensibel und man kann mich verletzten. Ich bin nicht kugelsicher. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, genau darum eine Mauer zu bauen. Ich war ein sehr rougher Mensch und habe festgestellt, dass ich damit unglaublich unglücklich bin. Mit dem Gewicht, das ich verlor – heute ungefähr 190 Kilogramm, wurde ich auch angreifbarer und habe festgestellt, dass das gar nicht schlimm ist.

Ich glaube, dass wir auch als Gesellschaft weiterkommen würden, wenn wir uns trauen würden, uns gegenseitig die Sachen zu zeigen, die nicht so schön an uns sind, dich nicht leicht sind. Denn Menschen verbinden sich an den Stellen, wo sie kaputt gegangen sind. Und nicht an den schönen Stellen. Und es ist immer eine Überwindung darüber zu sprechen.

Hier bei InCogito bieten wir Schreibworkshops als Selbsthilfe an. Wie machst du dir das Schreiben zunutze?

Ich brauchte einen Ausdruck, ich wollte darüber sprechen, und ich wollte nicht, dass Menschen die in einer ähnlichen Situation sind, sich einsam fühlen. Wenn wir uns trauen verletzlich zu sein, dann erlauben wir unserem Gegenüber die Schilde runterzufahren.

Schreiben ist meine persönliche Delphin-Therapie. Im Schreiben habe ich die Chance, mich auszudrücken – mit so viel Zeit wie auch immer ich brauche, ich kann mich immer wieder korrigieren. Und vor allem – ich kann hinterher von außen drauf gucken, zurücktreten, Abstand nehmen.

Du möchtest das Schreiben gemeinsam mit anderen ausprobieren? Dann komm in unsere Schreib-Workshops!

Das Interview führte Nora Stankewitz

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Quelle: Pexels - Karolina Grabowska

Retter in der Not: Meine Essstörung, das Antidepressivum und ich

Hannah

Nichts ist für Menschen mit Essstörung so beängstigend, wie Medikamente zu nehmen, die angeblich dick machen. Aber Antidepressiva können Leben retten. Lass dich nicht von Vorurteilen leiten, sondern von Selbstliebe!

 

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Klar, frische Luft, Bewegung, Freizeit mit Freunden, Routinen, meinetwegen auch Therapie. Aber Tabletten? Nein danke! So dachte ich viele Jahre – eigentlich den größten Teil meines Lebens, meines Lebens mit einer Angststörung, mit Depressionen und ganz viel Selbsthass.

Tabletten, nein danke?

Die Geschichte meiner emotionalen Krisen reicht so weit zurück wie die meiner Essstörung. Trotzdem ließ sich der Verzicht auf Psychopharmaka lange gut begründen: Ich funktionierte. Nicht für mich selbst, nicht unbedingt für meine Freunde und Partner, aber, wie sagt man so schön, ich hatte mein Leben trotzdem ziemlich gut, mehr als nur gut im Griff.
Es gibt eine Million Vorurteile gegenüber Antidepressiva und ich glaubte sie alle: Sie machen dumm, sie machen stumpf, sie nehmen dir deine Persönlichkeit, deine Kreativität, deine Träume, deine Sexualität und natürlich machen sie dich dick wie eine selbstzufriedene Wohnungskatze. Oh Boy, lag ich daneben.
Als ich mich endlich – endlich! – entschloss, es doch zu versuchen und die Tabletten in mein Leben zu lassen, erlebte ich ein kleines Wunder. Das erste Mal seit meiner frühesten Kindheit war ich entspannt, zufrieden und nahezu angstfrei. Mein Medikament war mein Retter in der Not, und das, obwohl die eine oder andere Befürchtung sich bewahrheitete.

Du musst das nicht aushalten

Der Tag, an dem ich nicht mehr konnte, war ein Freitag. Ich war seit einer Woche ständigen Panikattacken ausgesetzt, lag im Bett und weinte ins Telefon, an dessen anderem Ende mein bester Freund besorgt zuhörte.
An diesem Tag sprach besagter Freund die magischen Worte: „Du musst das nicht aushalten.“ Natürlich beweist es Stärke, sich selbst aus Krisen befreien zu können, aber es ist erlaubt, sich helfen zu lassen, wenn nötig auch mit Medikamenten. Endlich verstand ich, dass ich der ganzen Misere nicht hilflos ausgesetzt war. Also vereinbarte ich einen Termin bei einem Psychiater.

Wie wirken Antidepressiva?

Antidepressiva werden auch „Stimmungsaufheller“ genannt. Sie wirken gegen eine ganze Reihe von Beschwerden, die mit Depressionen zusammenhängen. Jedes Gehirn besteht aus unzähligen Nervenzellen, die durch sogenannte Botenstoffe, zum Beispiel Serotonin oder Noradrenalin, miteinander kommunizieren. Wenn das Gleichgewicht dieser Botenstoffe gestört ist, können Depressionen entstehen.
Jetzt wird es etwas technisch: Es gibt viele unterschiedliche Wirkstoffgruppen von Antidepressiva, die bei verschiedenen Symptomkombinationen verschrieben werden. Welche die passende ist, muss ein:e Ärzt:in gemeinsam mit den Patient:innen entscheiden. Da die Medikamente erst nach zwei bis sechs Wochen ihre Wirkung entfalten, braucht es ein wenig Geduld und manchmal auch die Bereitschaft, mehrere Wirkstoffe auszuprobieren.
Jedes Antidepressivum hat Nebenwirkungen. Die sind in einer langen Liste in der Packungsbeilage aufgezählt. Weil diese Liste ziemlich gruselig ist, empfehlen Psychiater*innen manchmal, sie nicht selbst zu lesen, sondern das Freund:innen oder Angehörigen zu überlassen. Die können dann auch reagieren, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte.

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Nebenwirkung: Gewichtszunahme

Eine dieser Nebenwirkungen ist bei manchen Präparaten Gewichtszunahme. Um es gleich vorauszuschicken: Antidepressiva, die heute verschrieben werden, sind viel besser verträglich als noch vor 10, 20 oder 30 Jahren. Früher wurden zum Beispiel besonders oft sogenannte Trizyklika verordnet, die für ihre negativen Auswirkungen auf das Körpergewicht bekannt sind*. Diese Wirkstoffgruppe existiert zwar immer noch (überarbeitet und verbessert), Psychiater:innen greifen aber in der Regel auf deutlich verträglichere Medikamente zurück.
Diejenigen Medikamente, die hauptsächlich nach wie vor Gewichtszunahme verursachen können, sind SSRIs, selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer, und SSNRIs, selektive Serotonin-/Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer. Beide erhöhen den Serotoninspiegel.
Serotonin ist ein Botenstoff, der für sehr viele Prozesse im Körper verantwortlich ist. Es steuert Schlaf, Appetit und Verdauung, regelt soziales Verhalten und ist für Glücksgefühle verantwortlich*. Wenn du dich in eine warme Badewanne legst, schüttet dein Gehirn jede Menge Serotonin aus. Du fühlst dich wohlig und geborgen. Zu wenig Serotonin kann depressiv machen.

Mehr Selbstliebe bitte!

Wenige Wochen nachdem ich mein Antidepressivum (ein SSRI) angesetzt hatte, ging es mir deutlich besser. Das erste Mal in meinem Leben konnte ich kampflos ein- und durchschlafen, Probleme fühlten sich weniger existenziell an, ich wurde umgänglicher und weniger neurotisch. Leider nahm ich auch zu.
Das passierte nicht sofort, was unter anderem daran lag, dass ich bestens über diese für mich beängstigendste aller Nebenwirkungen informiert war und fleißig gegensteuerte. Ich praktizierte quasi permanentes Intervallfasten, sparte an Fett, aß so gut wie gar nichts Süßes. Ich hatte gelesen, die Gewichtszunahme sei lediglich ein Ergebnis des gesteigerten Appetits. Ich arbeitete also gegen mich selbst und gegen einen Appetit, der, das denke ich rückblickend, vor allem dadurch gesteigert war, dass ich kaum etwas aß. Hello again, Essstörung! Trotzdem nahm ich nach etwa sechs bis acht Monaten langsam zu.
Achtung! Das passiert bei weitem nicht allen. Es gibt sogar Personen, die unter SSRIs abnehmen. Jeder Körper reagiert anders. Es lohnt sich also eigentlich überhaupt nicht, sich schon vor Beginn der Einnahme darüber Sorgen zu machen.
Eine ganze Weile bildete ich mir ein, ich könne das Problem allein in den Griff bekommen, noch weniger essen, mehr Bewegung, reiß dich zusammen! Es half nicht. Die Zwickmühle war gigantisch. Mir ging es gut, richtig gut, und trotzdem fühlte ich mich hässlich, absolut nicht liebens- und schon gar nicht begehrenswert. Ich konnte die Vorstellung, dass jemand mich in Unterwäsche oder sogar nackt sehen würde, überhaupt nicht ertragen.
Heute denke ich: Mehr Selbstliebe bitte!

Du hast es verdient, nicht depressiv zu sein

Denn jetzt folgen ein paar gute Nachrichten: Erstens: Wie genau Antidepressiva wirken und wie ihre Nebenwirkungen entstehen, ist bisher weitreichend ungeklärt. Sätze wie „Patient:innen, die von Antidepressiva zunehmen, müssen einfach nur auf ihre Ernährung achten“ sind totaler Unsinn. Wir wissen, dass Serotonin die Verdauung und den Stoffwechsel beeinflussen kann. Mehr oder weniger Serotonin im Hirn kann (muss aber nicht!) dazu führen, dass du ein guter oder schlechter Futterverwerter wirst, ohne dass du durch dein Verhalten daran etwas ändern kannst. Serotonin kann auch auf den weiblichen Hormonzyklus wirken und reguliert den Schlaf – beides hat Einfluss auf das Körpergewicht. Solltest du durch Antidepressiva ein paar Kilo zugelegt haben, ist es wichtig, dass du dir immer wieder klarmachst: Du bist nicht schuld!

Zweitens: Niemand, der vorher gertenschlank war, wird unter Antidepressiva adipös. Vielleicht schwankt dein Gewicht ein wenig, vielleicht aber auch nicht. Hier wie sonst auch im Leben gilt: Horrorszenarien sind unrealistisch.

Drittens: Keine Depressionen zu haben, ist wichtiger als Körpergewicht. Solltest du überlegen, ob du Medikamente ausprobierst, stell doch lieber dein Glück in den Vordergrund als die Frage, wie andere Menschen dich sehen könnten. Ich weiß, das ist gar nicht so einfach. Vor allem dann, wenn man an einer Körperschemastörung leidet und schon ein Kilo mehr auf der Wage im Spiegel doppelt und dreifach zählt. Auch Depressionen helfen nicht dabei, sich selbst zu mögen. Trotzdem solltest du dir immer wieder klarmachen, dass du es wert bist, dass es dir gut geht, dass du schlafen und dich freuen kannst. Du hast es verdient, nicht depressiv zu sein.

Viertens: Eine merkliche Gewichtszunahme zählt zu unerwünschten Nebenwirkungen, vor allem dann, wenn sie eine Ess- und/oder Körperschemastörung triggern. Wenn du davon betroffen bist, kannst du mit deiner Ärztin über Alternativen sprechen. Es gibt Wirkstoffe, bei denen diese Nebenwirkung nicht auftritt und sogar solche, die eher Gewichtsabnahme verursachen. Du bist nicht dazu verdammt, entweder mit mehr Gewicht oder mit Depressionen zu leben. Es gibt immer Alternativen.

Fünftens: Die wenigstens Menschen nehmen Antidepressiva ihr ganzes Leben lang. In der Regel klingen die Symptome ab. Die ärztliche Empfehlung lautet dann, noch ungefähr sechs Monate mit dem Absetzen zu warten und die Medikamente dann langsam ausschleichen zu lassen. Ich habe die zusätzlichen Kilos in den ersten Monaten nach dem Absetzen ganz problemlos wieder verloren. Der Stoffwechsel stellt sich ganz von allein wieder um. Keine Nebenwirkung bleibt dauerhaft.

Alles hängt zusammen

Psychische Probleme sind ein komplexes System. Essstörungen, Depressionen, Ängste, alles hängt miteinander zusammen. Wenn du Hilfe brauchst, solltest du sie in Anspruch nehmen. Belaste dich nicht mit dem Anspruch, alles allein schaffen zu wollen. Das müssen nicht immer Medikamente sein. Es gibt sehr wirkungsvolle Therapiemethoden und andere Behandlungsmöglichkeiten. Wenn du nicht gleich einen Termin bei einem Psychiater machen möchtest, sprich doch erst einmal mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Es ist völlig okay, sich für eine Behandlungsmethode zu entscheiden, mit der du gut leben kannst. Keine Entscheidung ist dabei endgültig. Wenn du dich mit einer Therapeutin nicht wohlfühlst, musst du nicht weiter hingehen. Wenn du mit den Nebenwirkungen eines Medikaments unglücklich bist, musst du es nicht mehr nehmen. Du ganz allein entscheidest dich für die Form der Therapie und Behandlung.

Disclaimer: Nur approbierte Ärztinnen und Ärzte dürfen Antidepressiva verschreiben. Du solltest dich niemals allein behandeln. Wenn du ein Medikament nehmen oder absetzen, die Dosierung ändern oder den Wirkstoff wechseln willst, solltest du immer eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen. Die Einnahme von Psychopharmaka muss medizinisch überwacht werden. Nimmst du Medikamente von Freunden oder anderen Personen an, bringst du dich selbst in Gefahr.

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Quelle: Pexels - Andrew Neel

Jenseits der Perfektion:

Die Last unrealistischer Schönheitsideale für junge Männer

Daniel

In einer Ära, die maßgeblich von visuellen Medien und gesellschaftlichen Erwartungen geprägt ist, erleben junge Menschen einen zunehmenden Druck in Bezug auf ihre Körperbilder. Auch wenn es Mädchen und Frauen anders und offensichtlicher trifft, so sind auch Jungs und Männer gesellschaftlichen Erwartungen ausgesetzt. In diesem Beitrag untersucht InCogito-Autor Daniel, welche Folgen unrealistische Schönheitsideale für junge heranwachsende Männer haben können und wie es ihm als schwulen Mann mit diesen Schönheitsidealen geht.

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Die unsichtbare Last: Geschlechtsspezifische Erwartungen und persönliche Erfahrungen

In einer Welt, die von visuellen Medien geprägt ist, stehen junge schwule Männer nicht nur unter dem Druck ästhetischer Normen, sondern auch unter geschlechtsspezifischen Erwartungen. Frauen wurden und werden oft aufgrund äußerer Erscheinung bewertet, während Männer vor allem am finanziellen Erfolg gemessen wurden. Dieser Druck manifestiert sich in persönlichen Erfahrungen, wie dem Streben nach einem idealen Körperbild, um gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Auch wenn Körperbilder und -erwartungen konstant im Wandel sind, so zeigen populäre Influencer wie Andrew Tate, dass Unsicherheiten und Anforderungen an und um Männlichkeit profitabel sind.

Bigorexia: Die verzerrte Selbstwahrnehmung

Ständig perfekt bearbeitete Körper in Sozialen Medien zu sehen, kann die Erwartung hervorrufen, selber so aussehen zu müssen. Wenn dann die Erkenntnis eintrifft, dass man nicht so aussieht, dann fragt man sich, warum. Muskelaufbau braucht jedoch ewig. Und das verraten einem Influencer nicht, die einem ein Sechs-Wochen-Sixpack-Programm verkaufen wollen. Sie verraten einem auch nicht, dass die Gefahr besteht, niemals zufrieden zu sein. Denn die Körpererwartungen, denen wir ausgesetzt sind, setzen ein „niemals zufrieden, immer nach mehr streben“ voraus. „Bigorexia“, auch als Muskeldysmorphie bekannt, ist der von Mediziner:innen dafür genutzte Begriff. Es ist eine psychische Störung, bei der Betroffene eine verzerrte Wahrnehmung ihres eigenen Körpers haben. Trotz objektiver Muskulosität fühlen sie sich unzureichend muskulös, was zu extremen Fitness- und Ernährungsverhalten führt. Auf sozialen Netzwerken wird dieser Druck verstärkt, indem Nutzer:innen scheinbar „perfekte“ Körper präsentieren. Dass diese Körper jedoch nicht immer nur das Resultat von jahrelangem Training und Ernährung sind, sondern durch Bildbearbeitungen und auch Dopingmitteln erzielt wurden, bleibt aus. Stattdessen sehen wir auf Social Media das Ideal, 365 Tage in Form und „lean“ zu sein – also einen möglichst geringen Körperfettanteil für sichtbare Bauchmuskeln zu haben. Dies ist nicht nur für die meisten Menschen unrealistisch, sondern auch gefährlich.

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Die Rolle der Vorbilder und der Einfluss der Medien

Vorbilder aus dem Fitnessbereich können inspirierend, aber auch problematisch sein. Der Lebensstil, der stark auf körperliche Ästhetik ausgerichtet ist, vermittelt den Eindruck, dass nur ein muskulöser Körper erstrebenswert ist. Dies kann junge Jugendliche in einen Teufelskreis aus ständigem Training und restriktiver Ernährung führen. Die ständige Präsenz unrealistischer Körperbilder auf Plattformen wie TikTok und Instagram verstärkt diesen Druck weiter. Außerdem reden kaum Menschen darüber, dass ihre Ergebnisse mit Steroiden und anderen leistungssteigernden Mitteln erzielt wurden. Was realistisch erreichbar ist, ist nicht das, was auf Social-Media zu sehen ist. Der Standard ist somit nicht nur das   Bearbeiten von Bildern, sondern im Vorfeld Steroide und Anabolika zu nehmen. Das Aussehen vieler Influencer:innen ist somit schlicht unrealistisch. Dass das jedoch nicht so kommuniziert wird, ist ursächlich dafür, dass dann junge Menschen unrealistische Erwartungen an sich und ihren Körper haben.

Gesundheitliche Risiken und psychologische Auswirkungen

Der obsessiven Sorge um Muskelmasse und dem Idealbild folgend können ernährungsbedingte und physische Gesundheitsprobleme entstehen. Übermäßige Proteinzufuhr und überintensives Training belasten nicht nur die Nieren, sondern können auch Verletzungen und Langzeitschäden verursachen. Psychisch leiden Betroffene besonders unter dem ständigen Gefühl der Unzulänglichkeit, was zu Depressionen, Angststörungen und geringem Selbstwertgefühl führen kann. Fitness und Sport müssen nicht zu negativen Auswirkungen führen, aber es kann, sobald ein Leidensdruck entsteht. Sobald man sich in seinem Essverhalten zwanghaft fühlt. Als würde man sich jetzt zwingen müssen, das gesündeste Essen zu wählen oder gänzlich auf Nährstoffe wie Kohlenhydrate zu verzichten. Oder soziale Verabredungen konstant absagt und sich lieber dem Sport widmet. Es gibt Menschen, für die ist das ein Lifestyle, der sie glücklich macht, aber es gibt auch Menschen, die diesen Lifestyle zwar befolgen, den es aber nicht glücklich macht und die leiden, weil sie nur gesellschaftliche Erwartungen erfüllen, aber nicht sich selbst.

Meine Erfahrungen: Eine persönliche Reise durch das Labyrinth des Körperdrucks

Meine eigene Geschichte als Heranwachsender und jetzt erwachsener Mann spiegelt die Komplexität des Themas wider. Von meinen Eltern und Großeltern hörte ich oft, ich solle mehr essen und sei zu dünn, obwohl ich mich selbst nicht so empfand. Im Gegenteil, es gab Zeiten, in denen ich glaubte, zu dick zu sein.  Sport war für mich lange Zeit kein Thema, was zum Teil durch negative Erfahrungen im Mannschaftssport und im Sportunterricht bedingt war – ein Schicksal, das viele schwule Männer teilen, die Ausgrenzung und Gewalt erlebt haben. Auch wenn ich als Junge das Turnen für mich entdeckte, mied ich mit Beginn der Pubertät Umkleidekabinen – aus der Erfahrung, dort Opfer homophober Angriffe sein zu können. Sport war dann eine sehr lange Zeit kein Thema in meinem Leben.

Erst im Studium, nachdem ich Gewicht zugelegt hatte und andere Männer mich darauf ansprachen, begann ich, mich intensiver mit meinem Körper zu beschäftigen. Die Kritik traf mich tief, und aus der Furcht vor Ablehnung fing ich an, meinen Körper zu verändern. Während der Pandemie verlor ich 10 Kilogramm und begann exzessiv Sport zu treiben. Mein Ziel war es, Körperfett zu verlieren und Muskeln aufzubauen. Dieses neue Selbstbild brachte zwar körperliche Verbesserungen und Anerkennung, doch der psychische Preis war hoch. Ich ließ soziale Kontakte schleifen und verfolgte ein rigides Ernährungs- und Trainingsregime. Es fiel mir schwer, mit Freund:innen gemeinsam spontan was essen zu gehen. Viele Lebensmittel empfand ich als kategorisch ungesund. Anstatt dann diese für mich „unsinnigen“ Lebensmittel zu mir zu nehmen, aß ich lieber nichts. Und das, obwohl ich eigentlich gerne mit meinen Freund:innen gemeinsam esse. Meine Angst, fett zu werden oder aber bereits als fett wahrgenommen zu werden, war jedoch größer.

Die Suche nach Normalität als schwuler Mann

Das Gefühl, alleine zu sein und nicht der Norm zu entsprechen, ist eine zutiefst einsame Erfahrung. Als junger, heranwachsender schwuler Mann fühlte ich mich oft als „nicht normal“, ein Eindruck, den mir meine Umgebung widergespiegelt hatte. In einer Gesellschaft, die von Normen und Erwartungen geprägt ist, ist dieses Empfinden für queere Menschen leider allzu oft Realität. Das Bewusstsein, neben meiner Sexualität weitere „Makel“ zu besitzen, die mein Leben erschweren, erfüllte mich mit großer Sorge. Ich strebte danach, bloß nicht aufzufallen. Erfahrungen mit Mobbing und Hasskriminalität aufgrund meiner Sexualität verstärkten meinen Wunsch, wie ein „normaler“ Mann aussehen und wirken zu wollen.

Die Herausforderungen des schwulen Datings

Auch heute noch leben viele queere Menschen, selbst in Ländern wie Deutschland, im Verborgenen. Dies beeinflusst das Miteinander unter schwulen Männern. Als begehrenswert gelten oft jene, die dem Idealbild von Männlichkeit entsprechen. Feminine, übergewichtige oder auf andere Weise aus dem üblichen Raster fallende Personen haben es beispielsweise schwerer, Dates oder gar Beziehungen zu finden. Im Gegensatz zu heterosexuellen Konstellationen findet das schwule Daten fast ausschließlich abseits der Öffentlichkeit statt. Ein Flirtversuch mit einer attraktiven und sympathischen Person in einem Café könnte im schlimmsten Fall zu einer gewalttätigen Konfrontation führen. Denn viele Männer, die selbst auf unterschiedlichste und teilweise übergriffige Weise Frauen ansprechen, fühlen sich unwohl, wenn sie von einem anderen Mann begehrt werden. Daher hat sich das schwule Dating heutzutage stark ins Internet verlagert. Dort entscheiden letztlich Profilbilder über Sympathie oder Ablehnung. Wer sich in Großstädten wie Berlin auf einer schwulen Dating-App wie Grindr einloggt, sieht oft vor allem durchtrainierte Körper, häufig ohne ein erkennbares Gesicht im Profil. Die Darstellung ist somit stark auf Körperlichkeit reduziert. Und jene, die den Anforderungen eines gesunden, jungen und attraktiven Körpers nicht entsprechen, fallen raus.

Lange sehnte ich mich nach Stabilität und Halt in einer Beziehung, um mit einem Partner gemeinsam eine Art von Normalität zu erleben. Doch diese Sehnsucht blieb mir bis in meine Zwanziger verwehrt. Lange Zeit machte ich mein Aussehen dafür verantwortlich, bis ich erkannte, dass nicht ich das Problem bin, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben.

Der Anstieg von Schönheitseingriffen und der Weg zu einem gesunden Umgang

Die steigende Zahl von Schönheitseingriffen bei Männern verdeutlicht, dass der Druck, einem Idealbild zu entsprechen, real ist. Ob Haartransplantation in der Türkei oder eine Nasenkorrektur – auch Männer versuchen, sich nicht erst seit gestern chirurgisch aufzubessern. Dabei sind Operationen an sich nichts Schlechtes. Aber wir sollten uns fragen, warum diese unternommen werden. Wenn die Gesellschaft uns nicht Unsicherheiten einreden würde, wären Filler und Botox dann so beliebt? Und am Ende des Tages sind es auch Unternehmen und Personen, die viel Geld daran verdienen, uns diese Unsicherheiten einzureden und daran zu profitieren.  Es ist entscheidend, einen gesunden Umgang mit diesen Herausforderungen zu finden. Und das ist möglich. Der erste Schritt ist, sich mit Menschen zu umgeben, die Selbstakzeptanz fördern und praktizieren. Communities sollten Vielfalt feiern und toxischen Einflüssen entgegenwirken.

Fazit: Bewusstsein schaffen und Lösungen suchen

Die Auseinandersetzung mit dem Körperbild bei jungen Männern verdeutlicht, dass der Druck, bestimmten Erwartungen zu entsprechen, tiefgreifende psychische und physische Auswirkungen haben kann. Es ist an der Zeit, sich dieser Herausforderungen bewusst zu werden und aktiv nach Lösungen zu suchen. Aber auch die Verantwortlichen und Profiteure der Schönheits- und Gesundheitsindustrie müssen in Verantwortung genommen werden. Es ist an der Zeit, dass die Andrew Tates dieser Welt nicht länger ihren Lebensunterhalt damit verdienen, jungen Männern Unsicherheiten einzureden. Eine gesellschaftliche Veränderung hin zu einem gesünderen und vielfältigeren Körperbild ist unabdingbar. Nur so können junge Menschen ein erfülltes Leben führen – frei von den Fesseln unrealistischer Perfektionsbilder.

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Interview mit Cindy Fuchs von cndrll_design

Beitrag aus der Redaktion

@in_cogito.de

Cindy ist OP Schwester und Illustratorin. Ihre Zeichnungen sind Motive, die Körper in allen Formen, ohne Filter und ohne Idealisierungen zeigen. Es sind echte Körper, von echten Menschen- warum Cindy diese Figuren (so) malt und wie Zeichnen die Sicht auf Körper verändern kann, was Disney damit zu tun hat und wie du im Alltag vor dem Spiegel und mit Papier und Stift für mehr Selbstwertschätzung & Achtsamkeit sorgen kannst, liest du hier.

Mit meinem Gekritzel, wie ich es nennen würde, versuche ich wiederzugeben, was mir im Alltag begegnet und das ungefiltert.  Die Figuren haben auch immer etwas mit mir zu tun, mit den Menschen, die mich umgeben. Und sie zeigen oft die Themen, die die Menschen bewegen. Ich versuche dem Raum zu geben. Egal wie klein die Figur ist, hat sie doch seine Daseinsberechtigung. Es sind ganz normale Charaktere und geben mir aber ganz wichtigen Input für mein eigenes Wachstum.

Weil ich das Idealbild, dass es gibt aufbrechen möchte und weil ich zeigen möchte, dass jede:r super ist. Mein Anliegen ist, dass das Vergleichen aufhört. Keiner geht den Weg, den du gehst und keiner trägt das Päckchen, das du trägst. Und dafür musst du dich nicht schämen.

Ich war schon immer übergewichtig und habe sehr gestruggelt mit mir und meinem Körper. Das kam vor allem durch die Gesellschaft. Alle in meiner Familie waren sehr schlank und sportlich. Die Akzeptanz aller Anderen ist mir erst dadurch bewusst geworden, als ich gelernt habe, mich selbst zu akzeptieren.

Ich habe meinem Gegenüber oft die Vorurteile unterstellt, die so über Mehrgewichtige kursieren und bin davon ausgegangen, dass Andere mich automatisch aufgrund meines Gewichts ablehnen und abwerten. Heute weiß ich, dass das meine eigenen Unsicherheiten waren, die ich auf andere projiziert habe: Wenn ich schon kritisch mit mir bin, vermute ich auch im Äußeren nur Kritik an mir. Es kam immer zuerst mein Übergewicht und dann alles andere. Das hat sich jetzt gewandelt und all meine andere Aspekte stehen vorne: Ich bin eine Tochter, Schwester, Freundin, Partnerin, OP-Schwester, ich zeichne gerne, ich gehe gerne wandern und so weiter. Früher habe ich immer gesagt: „Ich bin dick, aber…“. Heute sage ich: „Ich bin dick.“

Außerdem war ich früher eine People Pleaserin und habe immer zu allem ja gesagt. Ich dachte, wenn ich nein sage, werde ich abgelehnt. Heute weiß ich, dass ein Nein ein Ja zu mir ist. Ich habe für mich erkannt, dass die Leute meinen Wert nicht an dem messen, was ich für sie mache, sondern was ich für mich mache. Denn alles, was ich für mich mache und mir gebe, dass strahle ich nach Außen aus.

Der Wendepunkt war mein Ehemann, den ich mit 18 kennengelernt habe. Der hat mir das Gefühl gegeben, ganz andere Dinge in mir zu sehen und strahlen und wirken zu lassen. Z.B. mein Humor und meine liebevolle Art und er wird nie müde, mir das täglich zu sagen, oder mir zu zeigen, wie wichtig ich bin und das ungeachtet dessen, wie sehr ich mich (körperlich) verändert habe. Ohne ihn wäre ich vielleicht immer noch in einem Schneckenhaus und nicht präsent. Ich hätte mich verurteilt und hätte weder mir, noch anderen Akzeptanz schenken können. So einen Menschen wünsche ich jedem Menschen und wenn es gerade niemanden gibt, muss man das vielleicht mal für sich selbst sein.

Ich lerne durch das Zeichnen mich besser zu akzeptieren.

Ich hatte, wie gesagt, schon immer einen größeren Körper. Beim Zeichnen gibt man Dingen einen Raum und das meine ich wörtlich. Als ich jung war, war mir dieser Raum mit meinem Körper nicht gegeben. Ich habe versucht in Sachen zu passen, die nicht zu mir passten.

Früher habe ich Disney Prinzessinnen gemalt, das waren meine Heldinnen. Heute male ich ganz normale Frauen, die es wert sind gesehen zu werden und Raum zu bekommen. Am Anfang fiel mir das gar nicht so leicht, denn viele Modelle und Vorlagen, an denen man das Zeichnen von Körpern lernt, entsprechen einer Norm und sind nicht individuell. Ich musste erst einmal lernen, andere Körper zu zeichnen. Dafür muss man Körper genau und wertfrei betrachten, um sie natürlich und echt darstellen zu können.

Definitiv. Anstatt dass ich Körper einem Bild anpasse, passe ich heute ein Bild den Figuren an und gebe ihnen den Platz, den sie brauchen. Früher saß ich vor meinen Bildern und wollte so sein wie die Disney Prinzessinnen, die ich gemalt habe. Heute denke ich, wenn ich zeichne: Das bin ich. Ich gebe anderen nicht mehr die Macht mich zu definieren.

Ich habe das Wohlfühlen mit mir und meinem Körper gelernt. Ich weiß, wo ich meine Speckrollen und meinen dicken Bauch habe und es ist auch in Ordnung, wenn sich das nochmal ändert.

Vieles, was wir unterbewusst über uns denken und wie wir mit und sprechen, wirkt sich auf unser Selbst- und Körperbewusstsein aus. Das gilt vor allem für negative Gedanken: Durch Vergleiche mit Anderen, findet unsere innere Kritikerin immer wieder etwas an uns, was schlecht(er) abschneidet und wir fühlen uns schlecht.

Beim Positiven ist es anders herum: Man muss sich ganz bewusst sagen, dass man sich gut findet und dann kommt es irgendwann im Unterbewusstsein an und man kann dem vertrauen und fühlt es.

Wenn man es sich zum Beispiel zur Aufgabe macht, jeden Tag etwas Schönes an sich finden und anzuerkennen, dann summiert sich das mit der Zeit und man erkennt, was für eine tolle Person man ist. Das ist harte Arbeit, jeden Tag und da gehört auch Scheitern dazu. Da ist es gut, nachsichtig mit sich sein und sagen: „Den Tag hake ich ab, und probiere es morgen noch einmal.“

In der Kunst und Mathematik gibt es Formeln, um Schönheit auszurechnen und darzustellen zu können, z.B. den goldenen Schnitt. Aber ich finde das nicht passend für Dinge, die eine Seele haben und lebendig sind. Schön ist keine Tatsache, sondern ein Gefühl.

Schönheitsideale gibt es ja schon sehr lange, das zieht sich auch durch die Kunstgeschichte: Ein Künstler hat eine Frau, die er schön fand, auf eine Leinwand gemalt und irgendwo aufgehängt und plötzlich dachten alle, dass das der Schönheitsstandart ist und haben sich schlecht gefühlt, wenn sie dem nicht entsprochen haben. Das findet sich heute in den Schönheitstrends wieder. In den letzten 100 Jahren war alle zehn Jahre etwas anderes modern, bzw. galt als neues Schönheitsideal. Da kommt keine:r mit und kein Körper kann sich diesen Idealen (so schnell) anpassen bzw. ist überhaupt gemacht dafür. Schönheit in der Öffentlichkeit wird oft einfach hergestellt. Man könnte ja auch selbst diejenige sein, die sagt: „So, das ist jetzt schön!“ Und dann wäre das auch eine unumstößliche Tatsache, an der niemand etwas machen kann.

Immer wenn ich etwas für mich machen kann. Wenn ich Dinge ganz bewusst machen kann und zwar nur für mich.

Hab keine Angst. Hab Geduld und vertrau dir selber. Du bist definitiv stark genug, um die Dinge zu tragen, die auf dich warten. Egal, welche Veränderung man durch macht, ist es gut, wenn man sich die Zeit gibt, diese Veränderung zu spüren.

Zeichne, ohne, dass du etwas schön finden möchtest. Mein Gekritzel zum Beispiel soll nicht schön aussehen, sondern ein Wohlfühlgefühl vermitteln.

Man kann sich ja auch mal selbst zeichnen, ohne den Anspruch, dass es realistisch sein soll. Zeichne dich einmal und fange mit dem an, was du an dir am liebsten magst und male das groß und dann malst du dich Stück für Stück. Und dann fängt es vielleicht an, dass sich die Proportionen angleichen, oder du Dinge an dir anders wahrnimmst.

Man muss ausprobieren und mutig sein und wenn man ganz unzufrieden ist, dann muss man eben von vorne beginnen. Und seine eigenen Blickwinkel hinterfragen.

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Quelle: Nicole Michalou

Weihnachten mit Essstörung:

20 + 6 Tipps für die komplette Adventszeit

Quelle: Krivec Ales

Elenor

Wenn du Weihnachten mit Essstörung googelst, ist es wahrscheinlich schon wieder Dezember und der erste Advent hat längst die besinnlichste Zeit des Jahres eingeläutet. Vielleicht wurdest du bei der Arbeit schon zum Kekse-Naschen eingeladen oder deine besten Freundinnen versuchen schon seit Tagen, dich auf eine Glühwein-Sause mitzunehmen. Doch du KANNST nicht. Du hast ANGST. Denn jetzt beginnen für dich gefühlt die schwierigsten Tage des Jahres: Weihnachten. Denn du hast eine Essstörung.

Falls du eine Freundin mit Essstörung hast, die Mama, der Bruder bist oder sonst irgendwie einen Menschen mit Essstörung in der Weihnachtszeit um dich hast, begleitest, einlädst, würde ich mich freuen, wenn du dir diesen Beitrag als Vorbereitung und Unterstützung anschaust: Ein Survival-Guide für Menschen mit Essstörungen. 

Ich schreibe diesen Text Mitte November, denn ich kann mich nur allzu gut an Weihnachtsfeste in den letzten Jahren erinnern, an denen es mir wirklich dreckig ging. Vor allem zu Zeiten der atypischen Magersucht mit einem extrem restriktiven Essverhalten und einem gerade begonnenen Klinkaufenthalt waren meine Gefühle so stark und für mich total außer Kontrolle, dass ich dachte, es nicht aushalten zu können. Ich hätte mir jemanden gewünscht, der mich einfach nur versteht. Komplett versteht. Und glaub mir, diese Menschen gibt es. Du kennst sie vielleicht nur nicht persönlich.

Die Weihnachtszeit ist für Menschen mit Essstörungen eine extreme Belastung

Ich habe dir 20 + 6 Tipps zusammengetragen, die ich selbst als hilfreich empfunden habe, um ein Weihnachtsfest mit Familie und Verwandten emotional gut auszuhalten. Eine Sache noch vorweg. Die Weihnachtszeit ist für Menschen mit Essstörungen eine extreme Belastung. Weil sie den Umgang mit Gefühlen unterdrücken oder nicht richtig gelernt haben. Weil sie extreme Gefühle durch ihr Essverhalten kompensieren. Weil Weihnachten eine mindestens fünfwöchige Extreme der Gefühle bedeutet. Es geht in dieser Zeit nicht darum, dass du irgendetwas besonders Tolles erreichst, Meilensteine setzt oder sonst wie erfolgreich sein sollst. An Weihnachten geht es für Menschen mit Essstörung, die noch tief in ihrer psychischen Erkrankung verhaftet sind, darum, durchzukommen. Es geht darum, dass du es dir so leicht wie möglich machst.

1. Adventswoche: Wie geht es dir im Moment mit deiner Essstörung?

  • Schreibe dir auf, wo du aktuell stehst. Wie geht es dir mit deiner Essstörung? Ist sie im Moment sehr akut? Oder hast du zurzeit einen akzeptablen Umgang mit ihr gefunden?
  • Was wünscht du dir aktuell im Umgang mit deiner Essstörung? Brauchst du etwas oder jemanden?
  • Was hast du im Jahr, das nun zu Ende geht, über deine Essstörung gelernt?
  • Worauf bist du stolz? Was war vielleicht möglich, was im Jahr davor noch undenkbar war?
  • Wie hast du das Weihnachtsfest im Jahr zuvor verbracht?

2. Adventswoche: Was wünscht du dir für dieses Weihnachten?

  • Kannst du die Erkenntnisse aus Woche 1 zusammenfassen? Findest du eine Grundaussage? Sowas wie: Heute bin ich schon viel stabiler als letztes Jahr? Oder auch: Dieses Jahr fühle ich mich viel essgestörter als letztes Jahr?
  • Beginne nun, dein diesjähriges Weihnachtsfest vorzubereiten: Wo bist du eingeladen? Und möchtest du dort hingehen? Warum ja? Warum nicht?
  • Wer oder was würde dir dieses Jahr guttun?
  • Wer oder was würde dich dieses Jahr froh machen?
  • Entscheide dich, wo du dieses Weihnachten verbringen wirst. Vergiss nicht, auch eine Absage mitzuteilen. Auch wenn du Weihnachten wirklich lieber alleine sein willst, ist das völlig in Ordnung. Dein Wunsch sollte nur echt sein. Drei Feiertage alleine zu verbringen, kann mental auch sehr belastend sein.

 

3. Adventswoche: konkrete Vorbereitung auf Weihnachten mit Essstörung

Du weißt jetzt, wo du Weihnachten verbringen wirst. Jetzt geht es darum, dich darauf mental einzustimmen:

  • Gibt es jemanden, den du vorab einweihen möchtest oder den du dir als Buddy wünschst?
  • Ist diese Person auch beim Weihnachtsfest dabei? Wenn nein, wäre ein Kontakt per Smartphone möglich? Zum Beispiel über Threema oder WhatsApp?
  • Kontaktiere deinen Wunschbuddy und erzähle ihm von deiner Situation. Ich bin mir sicher, dass er oder sie sehr gerne für dich da ist. Sei dir dabei aber auch bewusst, dein Buddy ist eine seelische Unterstützung, kein*e Therapeut*in.
  • Möchtest du deine Gedanken mit niemanden teilen? Auch das ist okay!
  • Vielleicht möchtest du dir für diesen Fall kleine Zettel zur Unterstützung schreiben, die dich in Extremsituationen zurück in die Realität holen?

4. Adventswoche: Du bist deinen Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert

In der Woche vor dem 24. Dezember geht es darum, dir einige mögliche Situationen bewusst zu machen und Handlungsmöglichkeiten abzuwägen.

  • Rechne damit, dass deine Verwandten über dein Aussehen reden. Egal, ob sie von deiner Essstörung wissen oder nicht. Wie jemand aussieht, ob er dick oder dünn ist, groß oder klein, beschäftig die Menschen. Und sie reden auch darüber. Immer. Auch an Weihnachten.
  • Überlege dir wie du darauf reagieren möchtest. Ich habe oft direkt sowas gesagt wie: „Na, ich bin ja auch topfit. Ich mache gerne Sport.“ Ich sah aber auch so aus. Suche dir etwas, womit du dich wohl fühlst und was zu deinem Aussehen passt. Du darfst alles sagen. Achte nur darauf, dass du niemanden verletzt. Auch dich selbst nicht. Und nimm es den Leuten nicht übel, dass sie ständig über anderer Leute Gewicht und Figur sprechen.
  • Was wird es zu essen geben? Kannst du das schon abschätzen? Magst du das Essen? Kannst du vorher vielleicht noch Wünsche an deine Mama durchgeben? Oder dir die Karte des Restaurants vorab online ansehen? Such dir schon einmal etwas aus, womit du gut zurechtkommst.
  • Wird es Platzkarten geben? Wenn ja, bitte den Organisator darum, dich neben Personen zu setzten, die du magst. Vielleicht kannst du sogar am Rand sitzen. So kannst du ungestört auch einmal frische Luft schnappen gehen ohne jemanden bitten zu müssen, dich rauszulassen.
  • Such dir deine Notizen aus der ersten Adventswoche heraus. Gestalte dir auch den positiven Erkenntnissen einen Notfall-Reminder-Zettel, den du dir in schwierigen, akuten Situationen anschauen kannst. Einen Zettel der dir zeigt: Du bist stark. Du bist nicht alleine. Du bist deinen Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert.

Weihnachten mit Essstörung:

6 Tipps für Heiligabend

Es ist so weit. Heiligabend ist da. Und vor dir liegen drei Festtage. Vielleicht mit der Familie. Vielleicht mit Freunden. Vielleicht sogar alleine.

  1. Wenn du mit mehreren Menschen zusammen bist, suche dir einen Platz am Tisch mit ausreichend Freiraum. So fühlst du dich physisch und psychisch nicht so eingeengt. Du hast Luft zum Atmen. Du kannst auch mal ungestört aufstehen, auf die Toilette gehen, frische Luft schnappen.
  2. Nimm dir vom Essen oder bestelle dein Wunschgericht, dass du dir vorab auf der Online-Karte ausgesucht hast. Die Karte hat sich geändert? Schau, ob es etwas ähnliches gibt. Nein? Dann schau in derselben Kategorie. Sowas wie: Gerichte mit oder ohne Fleisch, Fisch. Oder Suppen. Oder Salate.

 

  1. Iss langsam: Das verschafft dir Zeit und gibt dir hinterher nicht das Gefühl, wahllos in dich hineingeschaufelt zu haben. Orientiere dich gerne an den anderen. So kannst du einfach so viel essen, wie du möchtest ohne aufzufallen. Es geht nicht darum, jetzt normal zu sein. Es geht darum, dass du Weihnachten schaffst.

 

  1. Versuche, dich zu unterhalten, das lindert den Schmerz. Sollte dir das Essen sehr schwerfallen oder unmöglich sein, dann höre den anderen bei ihrer Unterhaltung zu. Vielleicht kannst du ja auch etwas sagen? Dich in ein Gespräch verwickeln?

 

  1. Nimm dir Auszeiten: So ein gemeinsames Essen kann ganz schön lange dauern. Zögere nicht, auch mal aufzustehen, kurz an die frische Luft zu gehen. Das hilft. Was die anderen dann denken sollen? Scheiß drauf, ehrlich! Es geht jetzt um dich! Vielleicht gibt es ja auch noch jemanden, der dich gerne auf ein paar Schritte begleitet?

 

Erwarte nicht zu viel von dir. Ich bin mir sicher, du hast dein Bestes gegeben. Sei geduldig mit dir und nicht so hart. Weihnachten ist auch für Menschen, die keine Essstörung haben, emotional sehr herausfordernd. Wenn’s dir nach dem Essen reicht, dann verabschiede dich. Wenn du dich ganz okay fühlst, dann nimm die Einladung zur Bescherung gerne an. Vielleicht ist es ja ganz schön, noch etwas zusammenzusitzen. Dort gibt es aber noch mehr essen? Ja, und? Jetzt kannst du wirklich ganz entspannt ablehnen. Die Hauptmahlzeit war sicher üppig und reicht den ganzen Tag vor.

Ich hoffe so sehr, dass dir diese Anregungen und Tipps helfen, deine Adventszeit zu gestalten und ein Weihnachtsfest zu verbringen, dass vielleicht gar nicht so furchtbar war. Ich wünsche es dir sehr. Und wer weiß, vielleicht wirst du diese Tipps nächstes Jahr wieder beherzigen und ganz zu Beginn feststellen, dass es dir schon viel besser geht?

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Worüber machst du dir in der Weihnachtszeit am meisten Sorgen?

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Quelle: Lisa Fotios

Und plötzlich war da die Erkenntnis, dass mein Körper nicht meinen Wert bestimmt

Quelle: Kathi Wallau

Kathi, 29

@kathi.wallau

Als ich meine Recovery ernsthaft begonnen habe, war zwar der Wunsch nach einem Leben ohne die Essstörung riesengroß, doch das alleine hat nicht gereicht: Da war eine Angst, die mich zurückgehalten hat. Da war eine Angst, die mich blockiert hat. Da war eine Angst, die wie eine große, dunkle Wolke über mir schwebte: Da war die Angst vor der Gewichtszunahme.

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Warum ich solche Angst hatte zuzunehmen

Ich war mir sicher, wenn ich beginne, vollkommen loszulassen und meinem unbändigen Hunger nachzugehen, dann würde ich immer weiter zunehmen, dick und hässlich werden, mich selbst nicht mehr mögen und auch von anderen abgelehnt werden. Die Zunahme kam mir zu diesem Zeitpunkt ungesund vor, ich hielt sie für ein Zeichen von mangelnder Disziplin und Schwäche.

Ich war der festen Überzeugung, dass ich besser und schöner bin, wenn ich schlanker (fair enough abgemagert) bin. Damit habe ich nicht nur meine Schönheit, sondern auch meinen Wert von meinem Aussehen und Gewicht abhängig gemacht.

Da war der Glaubenssatz in mir, dass ich so und so aussehen muss, dass ich die und die Kleidergröße tragen muss und so und so viel wiegen muss, um anerkannt zu werden, um geliebt zu werden, um etwas wert zu sein.

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Stimmt das überhaupt, was mein Kopf mir da erzählt?

Aber war es wirklich erstrebenswert so dünn zu sein? Und was nahm ich dafür in Kauf? Ein Leben in Restriktion. Ein Leben voller Verbote, Regeln und Zwänge. Ein Leben voller Stress, Druck. Irgendwie eine blöde Gleichung.

Wäre es wirklich so schlimm, wenn ich zunehme? Wäre es wirklich so schlimm, wenn mein Körper sich verändert? Gab es nicht jede Menge zauberhafte Dinge, die mir durch die Zunahme geschenkt wurden? Jede Menge schöne Möglichkeiten, die sich mir eröffnen würden?

Und so habe ich begonnen, meinen Fokus zu verlagern und mir bewusst zu machen, was mir durch die Zunahme und Heilung alles geschenkt wurde. Ich habe all das auf eine Liste geschrieben, die immer länger und länger wurde. Was warteten da bloß alles für wundervolle Geschenke auf mich, wenn ich endlich losgehen und loslassen würde! Ich würde endlich wieder Kraft und Energie haben. Ich würde weder weiter ständig frieren, noch würden meine Haare weiter ausdünnen und ausfallen. Wie cool wäre es, wenn ich nicht mehr ständig krank wäre, meine Verdauung sich normalisieren und ich endlich meine Periode wiederbekommen würde? Das Vertrauen in mich würde wachsen, ich würde wieder Emotionen spüren können, Lebensfreude empfinden, lachen können, ich würde endlich wieder am sozialen Leben teilnehmen, reisen, Erinnerungen sammeln können. Da wartete ein Leben voller Freiheit, Genuss, Leichtigkeit und Flexibilität auf mich.

Ich würde mein Leben zurückbekommen!

 

Was mir geholfen hat, die Zunahme zu akzeptieren

Einmal zu all diesen Erkenntnissen gekommen, fiel es mir deutlich leichter loszugehen und die Zunahme zu akzeptieren. Und wenn dann doch am ein oder anderen Tag wieder die Zweifel hochkamen, die Angst wieder präsenter war, dann fand ich Möglichkeiten, mich diesen zu stellen. Diese möchte ich heute auch mit dir teilen. Wenn du dich gerade auf dem Heilungsweg befindest, wenn du gerade mit der Zunahme haderst, dann:

  • Halte dir dein Warum vor Augen: Warum lohnt es sich, diesen Weg zu gehen? Warum lohnt es sich, zuzunehmen?
  • Mache dir immer wieder bewusst, dass dein Wert unabhängig von deinem Gewicht ist
  • Stoppe Vergleiche, distanziere dich von den Menschen, die dir nicht gut tun, dazu gehört auch, deinen Social-Media-Account mal gründlich auszusortieren
  • Entsorge die Waage
  • Unterbinde Body-Checking
  • Schenke all den Körperstellen, die du aktuell eher ablehnst, besonders viel Fürsorge und Dankbarkeit (z.B. durch sanftes Eincremen)
  • Sortiere all die Kleidung aus, die dir nicht mehr passt oder in der du dich nicht mehr wohl fühlst und kaufe dir neue, bequeme Kleidung

Ich verstand, was da in meinem Körper passierte

Was mir auch enorm geholfen hat, die Zunahme zu akzeptieren, war zu verstehen, was da gerade in meinem Körper passiert.

Am Anfang der Recovery war eine schnellere Zunahme normal. Mein Körper musste ja erstmal all die Wunden reparieren, die in den letzten Jahren entstanden waren, einmal seine ganzen Reserven auffüllen, die ich ihm über die letzten Jahre geraubt hatte. Wenn ich länger darüber nachdachte, war es ja sogar ziemlich schlau von meinem Körper, dass er gerade am Bauch als erstes zunahm. Schließlich wollte er meine Organe beschützen.

Mir wurde plötzlich auch klar, dass meine Wahrnehmung meines Körpers vermutlich gar nicht der Realität entsprach, dass sie verzerrt war und ich mich ständig mit meinem früheren kranken Ich verglich. Ich hatte mich an meinen dünnen, abgemagerten Körper gewöhnt. Er war zu meiner Realität und Normalität geworden. Das hieß aber nicht, dass das gut so war oder so bleiben musste.

Ich durfte mich an all diese Veränderungen gewöhnen, mir die Zeit nehmen, die ich brauchte, um sie vollständig anzunehmen. Ich brauchte meinen Körper auch nicht von heute auf morgen über alles lieben. Viel mehr ging es erstmal darum, ihn überhaupt zu akzeptieren und anzunehmen.

 

Ich verstand, was mich wirklich ausmacht

Je weiter ich auf meinem Weg voranschritt, desto bewusster wurde mir, wie absurd der Gedanke war, dass mein Körper meinen Wert bestimmte. Ich meine, was schätzte ich denn an meinen Freunden? Ihren Körper? Interessierte mich ihre Kleidergröße? War mir ihr Gewicht wichtig? Nein, das war mir alles so was von gleichgültig.

War es da nicht unlogisch, dass ich meinen Wert von genau diesen Faktoren abhängig machte? Ja, war es.

Mein Gewicht sagte nämlich absolut nichts über mich aus.

Was mich wirklich ausmachte, sind mein Charakter, meine Persönlichkeit, meine Werte, meine Ausstrahlung, meine innere Schönheit, die Liebe, die ich schenkte.

 

Was ich Dir damit sagen möchte

Mache dich frei von all diesen Zahlen. Es sind nur Konstrukte in deinem Kopf.

Die Zahl auf der Waage sagt nichts über dich aus. Du bist so viel mehr als dein Gewicht. Dein Aussehen und Gewicht bestimmen nicht deinen Wert und deine Schönheit.

Vertraue deinem Körper, dass er das Richtige tut. Er wird das Gewicht finden, in dem er sich wohl fühlt. Das Gewicht in dem er endlich wieder leben kann, statt nur zu überleben.

Es lohnt sich, sich der Angst vor der Zunahme zu stellen.

Es lohnt sich, zuzunehmen.

Es lohnt sich, loszulassen.

Denn da wartet die Heilung auf dich. Da wartet dein Leben auf dich.

Schreib uns

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Schön, dass du da bist. Dieser Text könnte dich sehr berühren. Wenn du eine Essstörung, eine Depression oder Suizidgedanken hast, könnte dieser Text dir gerade nicht guttun. Bitte überlege dir, ob du ihn wirklich lesen möchtest. Hast du Redebedarf? Dann hilft dir vielleicht unser Angebot hier weiter.

Alles Liebe, Deine Incogito-Redaktion.

Quelle: Anna Tarazevich

„Aber ich war doch immer eine gute Freundin!“ - Ein Gespräch mit der Magersucht

Quelle: privat

Melli

Was geht einem Menschen eigentlich durch den Kopf, wenn die Stimme der Essstörung laut wird?  Zum Heilungsprozess gehört es für InCogito-Autorin Melli dazu, sich mit diesen Denkmustern auseinanderzusetzen und zu unterscheiden, was der Magersucht zuzuschreiben ist und was ihrem gesunden Anteil. Daraus entstanden ist eine Seite voller Widersprüche, welche folgenden Dialog ergeben könnten:

 

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Ich: „Das war ein anstrengender Arbeitstag. Am liebsten würde ich jetzt eine kurze Pause machen und einen kleinen Snack essen, bevor ich weiter fahre zu meinem Freizeithobby. Das ist ja auch nicht gerade erholsam, sondern körperlich anstrengend.“

Magersucht: „Ähm… Entschuldige mal, aber du möchtest etwas essen?! Nachdem du den ganzen Tag im Büro gesessen hast und mittags auch noch in der Kantine warst??? Hast du dein Schritteziel denn überhaupt schon erreicht?“

„Was willst du denn hier? Ich hätte im Moment eigentlich gerne meine Ruhe. Kannst du heute vielleicht…“

„BITTE? Ich helfe dir gerade, deine Laune zu bessern und dich vor einem Schock zu bewahren, wenn du heute Abend auf die Waage schaust, und du maulst mich an? Jetzt schau auf deine Smartwatch und beantworte meine Frage!“

„Ich möchte heute einfach nur mal deine nervige Stimme nicht hören müssen. Aber mit der Waage hast du schon recht, das stört mich immer sehr… Ah, aber schau, das Schritteziel habe ich heute schon erreicht!“

„Tsss… Du weißt haargenau, dass das Erreichen des Schritteziels alleine nicht ausreicht, bei der Menge, die du täglich in dich reinstopfst. Also, hopp, hopp, umziehen und weiter geht´s! Und es wird vorher nichts mehr gegessen!“

„Aber ich habe Hunger… Du weißt doch, dass wir im Büro immer schon früher zum Mittagessen gehen… Und besonders groß war meine Portion nun auch wieder nicht.“

„Dafür hast du im Nachgang noch einen Müsliriegel verdrückt, ich meine, einen MÜSLIRIEGEL! Am Nachmittag! Wo kommen wir denn da hin?“

„Ach, LASS MICH DOCH EINFACH IN RUHE UND ERINNERE MICH NICHT NOCH DARAN!“

„Was soll denn das? Warum gehst du mich so an? Ich war immer eine gute Freundin, stets an deiner Seite, immer für dich da, in guten wie in schlechten Zeiten. Gemeinsam hatten wir viele tolle Erlebnisse. Und das ist nun der Dank dafür? Komm, stell dich auf die Waage, wenn du sowieso schon im Bad bist.“

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„Hrrmpff… Du hast ja recht. Tut mir leid. Aber da, schau. Ich wiege schon ziemlich wenig, meinst du nicht?“

„Naja, ein bisschen weniger könnte es schon noch sein. Nur noch ein kleines bisschen, dann passt es.“

„Meinst du wirklich? Mir geht es im Moment echt nicht gut, und ich glaube, da gibt es einen Zusammenhang…“

„Weißt du, was ich glaube? Dass du dir das alles nur wieder schlimmer redest, als es eigentlich ist. Ein bisschen Kopfschmerzen wegen des Wetters – schon bildest du dir wieder ein, es sei weil du zu wenig getrunken oder gegessen hast. Dein Herz klopft ein wenig – ach, was weiß ich, was mit dem los ist, aber beschweren kann es sich jedenfalls nicht, bei der Menge an Sport, die du treibst. Also, alles mindere Sorgen!“

„Ich bin mir nicht sicher, ob man das wirklich so abhandeln kann. Schließlich hat mich das bisschen Herzklopfen beinahe in die Knie gezwungen und die Kopfschmerzen arten in einem solchen Schwindel aus, dass ich fast umkippe! Aber vielleicht hast du recht… vielleicht bilde ich mir das nur ein…“

„Meine ich nämlich auch. Und jetzt kommt. Wir halten uns hier schon wieder viel zu lange auf.“

„Andererseits… was, wenn ich mir dich auch nur einbilde? Deine Forderungen? Wo soll das hier denn noch hinführen? Haben wir überhaupt noch ein Ziel? Ich denke, das Leben hätte noch mehr für mich übrig als dieses Hamsterrad, in dem wir beide uns nun schon so lange bewegen!“

„Pass auf, was du da sagst! Willst du etwa zunehmen??? Willst du dick und fett werden? Dein einziges Lebensziel verlieren, alles wofür du solange gekämpft hast? Wird man dich überhaupt noch ernstnehmen, dich beachten, wenn du auf einmal dastehst und nicht mehr die Person bist, die du heute bist?

„Heute fühle ich mich wie ein Versager. Morgen könnte ich glücklich sein. Ich könnte die Person sein, die ich immer gerne sein wollte und die Dinge tun, die ich aus Herzen gerne tun will und nicht weil du mir sagst, dass ich sie tun muss! Ich könnte frei sein.“

„Und warum bist du es dann nicht? Warum hängst du nach wie vor so sehr an mir, wenn es wirklich dein Wunsch ist, frei zu sein?“

„Es gab einmal eine Zeit, in der ich dich wirklich gebraucht habe. Was der Grund dafür war, kann ich mir bis heute selbst nicht erklären, aber vielleicht finde ich es eines Tages heraus. Jedenfalls warst du in dieser Zeit für mich da, und ich konnte mich ablenken. Aber jetzt hat sich das Ganze als Fehler herausgestellt. Ich bin ja regelrecht abhängig von dir geworden, und auf Dauer tut mir das nicht gut. Ja, um es offen und ehrlich zu sagen: Du schadest mir.“

„So einfach werde ich aber dennoch nicht aufgeben, das ist dir klar, oder? Denn ich brauche deine Lebenskraft, um selbst zu leben.“

„Ich weiß. Und ich bin auch noch gar nicht bereit, dich von heute auf morgen gehen zu lassen. So einfach ist das nicht. Dafür haben wir zu viel gemeinsam durchgemacht. Aber ich kann dich Stück für Stück ziehen lassen. An manchen Tagen wird es mir leichter fallen als an anderen, aber es zählt, dass ich den Willen dazu habe.“

„Aber ich werde kämpfen, um bei dir bleiben zu können.“

„Das kannst du gerne versuchen. Und ich weiß, dass ich mich in manchen Momenten nicht dagegen werde wehren können. Trotzdem musst du dich damit abfinden, dass ich dir irgendwann Lebewohl sagen werde.“

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Quelle: Hannah Busing

Wie läuft eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen bei InCogito ab?

Beitrag aus der Redaktion

@in_cogito.de

Der Weg in eine Essstörung verläuft oft von außen lange unbemerkt und auch für die Betroffenen selbst ist meist nicht klar erkennbar, wo oder wann ihre Erkrankung begonnen hat. In unseren Selbsthilfetreffen geht es deshalb weder um Diagnosen noch strikte Kriterien, die ein:e Teilnehmer:in erfüllen muss, um Teil von einer Gruppe zu werden. Vielmehr geht es darum, Menschen zusammenzubringen, die sich von den Themen Körperunzufriedenheit, schwieriges Verhältnis zu Essen und Selbstwertprobleme angesprochen fühlen. Hier liest du, was die InCogito-Gruppen ausmacht, wie sie ablaufen und wie du daran teilnehmen kannst.

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Was ist eine InCogito-Selbsthilfegrupppe?

Wir bei InCogito haben uns seit 2018 der digitalen Selbsthilfe verschrieben. Das bedeutet, dass alle unsere Selbsthilfegruppen online über ein Videokonferenztool mit hohem Datenschutzstandard stattfinden. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir wissen, dass gerade Essprobleme bei den Betroffenen mit viel Scham verbunden sind. Digitale Treffen bieten euch einen einfachen, vertrauensvollen Zugang, ohne gleich „alles“ von euch zeigen zu müssen.

Übrigens sind ein Teil der Gründer:innen und heutigen Mitarbeiter:innen selbst von Essstörungen betroffen gewesen – so kommen wir zu unserem einzigartigen Selbsthilfe- und Präventionsanspruch.

 

Wer kommt in die InCogito Selbsthilfegruppen?

Unsere Gruppentreffen, so nennen wir die einzelnen Termine gerne, sind offen für alle Menschen, die Symptome einer Essstörung haben und dazu ins Gespräch kommen wollen. Dazu können unter anderem gehören:

  • häufiges Wiegen
  • sich selbst permanent (und stark) kritisieren
  • Mahlzeiten absichtlich auslassen
  • Essanfälle haben
  • sich ständig Gedanken ums eigene Aussehen machen
  • über die eigene Lust (und Kraft) hinaus Sport machen
  • ständig über Essen nachdenken

Viele unsere Teilnehmer:innen kommen aber auch, weil sie bereits Therapieerfahrung haben und das, was sie seit ihrer Recovery erleben, gemeinsam reflektieren möchten. Oder aber jemand kommt, weil er*sie sich einfach nur von einem Post bei Instagram, einen Blogartikel angesprochen gefühlt hat und die Idee bekommen hat, bei InCogito richtig zu sein.

Aktuell sind unsere Selbsthilfetreffen für eher junge Erwachsene bis ca. 30 Jahre ausgelegt. Wir machen aber keinen harten Cut und schließen Menschen ab 31 Jahren aus. Solltest du dich hier wieder erkennen, kannst du uns auch gerne eine E-Mail vorab schreiben.

 

Warum sind eure Selbsthilfetreffen für Menschen mit Essstörungen angeleitet?

Im Gegensatz zu vielen anderen Selbsthilfeangeboten haben wir uns dazu entschieden, die Gruppentreffen mit geschulten Gruppenleiter:innen durchzuführen. Diese Leiter:innen sind trotz ihrer Funktion Teil der Gruppe, haben aber gleichzeitig die Aufgabe das Treffen inhaltlich und zeitlich zu strukturieren. Unsere eigene Erfahrung hat gezeigt, wie fragil Essstörungs-Selbsthilfegruppen sein können, mitunter auch eine destruktive Dynamik annehmen können. Das ist im Selbsthilfekontext auch völlig in Ordnung und normal. Gleichzeitig haben wir uns aber bei InCogito das Ziel gesetzt, Menschen vor allem unkompliziert Unterstützung anzubieten, was mit geschulten Augen meist schneller und zielgerichteter möglich ist. Alle unsere Leiter:innen waren selbst betroffen, sind in ihrem beruflichen Kontext mit der Arbeit mit psychisch belasteten Menschen vertraut und wurden bei InCogito auf ihre Aufgabe in einer Schulung vorbereitet und werden außerdem regelmäßig durch unsere Fachpersonal supervidiert.

Wer genau unsere Leiter:innen sind und was ihnen wichtig ist, kannst du dir hier! anschauen.

 

Wie genau läuft ein Selbsthilfegruppentreffen ab?

Unsere Gruppentreffen für Menschen mit Essstörungen und Essproblemen finden regelmäßig statt und dauern jeweils rund eine Stunde. Alle angebotenen Termine haben wir für euch in einem Kalender eingetragen. Du kannst ihn hier! anschauen. Dort suchst du dir die Termine aus, die für dich gut passen. Entweder du möchtest immer zu einem bestimmten Termin mit eine:m bestimmten Leiter:in dabei sein oder aber du wechselt zwischen den Zeiten und Leiter:innen hin und her. Alles ist okay.

Die Treffen beinhalten Vorstellungs- bzw. Begrüßungsrunden, manchmal kleine Spiele oder Aufgaben, offene Gesprächsteile, in denen ein Thema gemeinsam genauer angeschaut wird, sowie regelmäßige Resilienzrituale. Die*Der jeweilig:e Leiter:in stimmt den Ablauf mit den Teilnehmenden dann individuell ab. Was uns wichtig ist: Alle Teilnehmenden sollen gemeinsam das Treffen gestalten, jede:r darf und soll zu Wort kommen, sowie Zeit und Raum für ihre*seine Anliegen bekommen. Die Leiter:innen sind „nur“ die Hüter:innen der guten Treffen.

 

Das Besondere an InCogito-Selbsthilfetreffen

Wie oben schon beschrieben, finden alle Selbsthilfetreffen bei InCogito digital statt. Du kannst dich jederzeit selbstständig über unseren Kalender für deine Wunschtermine anmelden. Außerdem sind alle Treffen durch unsere geschulten Leiter:innen angeleitet. Sollte ein:e Leiter:in mal nicht können, weil sie*er krank ist, dann muss ein Treffen auch mal ausfallen oder eine ein:e andere*r Leiter:in übernimmt. Zusätzlich bieten ein Teil unserer Leiter:innen geschützte Chatgruppen über die App Threema an, um zwischen den Treffen in Kontakt bleiben zu können.

Wer in den Gruppentreffen merkt, dass sie*er ein Thema gerne mal im 1:1-Setting mit einer Fachperson besprechen würde, kann unsere systemischen Einzelberatungen in Anspruch nehmen.

Zudem bieten wir auch unsere Messenger-Peer-Beratung an. Dort beraten dich echte Menschen via WhatsApp und E-Mail – so lange du möchtest.

Eine Mischung aus Selbsthilfe und Kreativ-Workshop erlebst du in unseren InCogito-Redaktionsworkshops. Dort triffst du dich mit anderen InCogito-Blogger:innen und gestaltest mit deinen eigenen Beiträgen den Blog rund um die Themen Selbstwert, Körperzufriedenheit und persönliches Wachstum.

 

Was kostet die Teilnahme an euren Selbsthilfegruppen?

Die Teilnahme an all unseren Angeboten ist kostenlos. InCogito ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins Jungagiert e. V. in Dresden und erhält aktuell finanzielle Unterstützung durch die Stiftung Schön Helfen GmbH. Danke auch an dieser Stelle. Das heißt du brauchst für deine Teilnehme weder einen Schein deiner Krankenkasse noch sonst irgendwelche Bestätigungen. Das Einzige, was du tun musst, ist dich über diese Seite anzumelden.

 

Was bringt die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe?

Zunächst einmal ist wichtig zu sagen, dass die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe nicht ausreichend ist, um einer (sich entwickelnden) Essstörung zu begegnen. Gleichwohl gibt es mittlerweile verschiedene Erhebungen dazu, dass Selbsthilfe – auch im Kontext von Essstörungen – hilfreich sein kann.

Zum Beispiel wurden in der Übersichtsarbeit „Self-help and guided self-help for eating disorders“, für die verschiedene Studien ausgewertet wurden, folgende positive Effekte bei Selbsthilfe und angeleiteter Selbsthilfe bei Essstörungen zusammengefasst:

  1. Reduktion von Essstörungssymptomen: Die analysierten Studien zeigten, dass Selbsthilfeinterventionen und angeleitete Selbsthilfeinterventionen dazu beitragen können, die Symptome von Essstörungen wie Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating-Störung zu reduzieren. Dies umfasste eine Verringerung von unkontrollierten Essanfällen, Erbrechen, übermäßigem Hungern und anderen Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Essstörungen.
  2. Verbesserte Einstellung gegenüber Essen und Körper: Einige Studien berichteten über positive Veränderungen in der Einstellung der Teilnehmer:innen gegenüber Essen und ihrem Körperbild. Dies schloss eine Abnahme von negativen Gedanken und Bewertungen bezüglich des eigenen Körpers und Essverhaltens ein.
  3. Steigerung des Selbstbewusstseins: Selbsthilfe-Interventionen zeigten in einigen Studien positive Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein der Teilnehmer:innen. Sie fühlten sich stärker und besser in der Lage, mit ihren Essstörungen umzugehen.
  4. Verringerung von Depression und Angst: Essstörungen gehen oft mit Begleiterscheinungen wie Depression und Angst einher. Einige der analysierten Studien zeigten, dass Selbsthilfeinterventionen auch positive Effekte auf die Reduzierung von Depressionen und Angstsymptomen hatten.

 

Ganz wichtig: Das sind zusammengefasste Ergebnisse verschiedener Studien, die Mut machen, Selbsthilfe für sich auszuprobieren. Gleichzeitig ist jede Erkrankung höchst individuell. Falls du also zu dem Schluss kommst, dass dir unsere Gruppen oder Selbsthilfe generell nichts bringt, ist das total in Ordnung und mit dir ist NICHTS falsch. Versuche, da gut auf dich zu achten. Manchmal hilft es auch die Erfahrungen, die du in einer Gruppe gemacht hast mit Freunden, Ärzt:innen oder Therapeut:innen zu besprechen.

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Quelle: Cottonbro Studio by pexels
ein Brief wird von Hand geschrieben

Gute Gründe für das Leben: Brief an mein jüngeres Ich

Autorin Annabell

Annabell, 23

Vor einem Jahr hat Annabell einen Brief an sich selbst geschrieben. Zu diesem Zeitpunkt befand sie sich noch tiefer in der Essstörung und war sich noch nicht Hundertprozent sicher, ob sie sich von dem befreien kann und will, was sie jahrelang vom Leben abgehalten hat. Diesen Brief hat sie nun zu Ende geschrieben, um sich und anderen Mut und Hoffnung zu schenken.

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Liebes jüngeres Ich,

ich möchte dir eine Frage stellen: Was ist dir wirklich wichtig im Leben? Und zwar so wichtig, dass es auch in fünf Wochen, fünf Monaten oder sogar fünf Jahren noch eine Rolle spielt.

Wer möchtest du einmal sein? Auf welchen Werten wurzelt dein Sein? Und wessen Leben möchtest du leben? Bist du dir sicher, dass dich Dünn sein wirklich glücklich macht?

Hat sich jemals ein echtes Gefühl von Zufriedenheit eingestellt, wenn du – wie ein sich immer wiederkehrendes Ritual – als Klassenbeste – etwas anderes wäre ja schlicht enttäuschend – die Arbeit zurückbekommst, aber eigentlich gar nicht möchtest, dass die Lehrerin das an die große Glocke hängt? Wird es irgendwann mal gut genug sein in diesem Höher-Schneller-Weiter? Oder geht es nicht eigentlich um ganz andere Dinge im Leben, wie den tiefen Wunsch nach Freiheit, Seelenfrieden, glücklich und Ich-Selbst zu sein? Dinge für die es sich lohnt zu leben und nicht nur zu über-leben? Ganz abseits von Normen, (Schönheits-)idealen und Leistungszwängen?

Zum Beispiel etwas, was dich wirklich erfüllt, deine Kreativität ausleben, auf ganz vielen verschiedenen Ebenen, Neues zu lernen über Entwicklungspsychologie, über positive Psychologie, Meditation, Affirmationen, die Liebe für Musik oder Fotografie.

Vielleicht entdeckst du dann, wie viel du durch Farben und Worte ausdrücken kannst. Plötzlich sind da so viele Facetten, die du früher gar nicht erahnen konntest, weil du so in deiner Bubble eingeschlossen warst in der die Erkrankung den größten Raum eingenommen hat. Und du merkst, wie viel dir ein warmes geborgenes Zuhause bedeutet.

Und wie wundervoll es ist, Freunde zu haben, die du über alles liebst, mit denen du lachen und weinen kannst, die mit dir über Stock und Stein gehen. Dann merkst du irgendwann wie wichtig dir Freiheit und Selbstbestimmtheit ist! Und du dich loslösen willst, von allem, was dich einengt und zurückhält.

Liebes jüngeres Ich, wenn du mir eines glauben kannst, dann, dass es so viele gute Gründe gibt für dieses Leben! Ein Leben, das du gerne lebst, indem du von Herzen lachst und ein wahrhaftig inneres Gleichgewicht und Frieden mit dir findest.

Vielleicht siehst du es noch nicht jeden Tag klar vor dir, aber ich kann dir versprechen, dass du darauf zugehst, jeden Tag ein kleines Stück weiter.

Also trau dich, ich weiß es braucht Mut, aber auch der wächst mit jedem Schritt.

Es lohnt sich.

In Liebe,

dein Zukunfts-Ich

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Mir persönlich hilft es in schwierigen Momenten an meinen eigenen Ankern festzuhalten, mich an meine Ziele wieder zu erinnern, zu sehen, dass jeder Zustand, jedes Gefühl nur temporär ist und vorbei geht. Daher habe ich mir vor einigen Jahren eine Box mit Dingen erstellt, mit denen ich das Leben verbinde. Worauf ich immer wieder zurückgreifen kann, falls es mir mal schwer greifbar erscheint, wofür es wert ist, den Weg weiterzugehen, auch wenn er manchmal noch so hart und steinig ist. Meine Box besteht aus einer bunten Mischung aus Skills, Lebenskärtchen, Fotos und liebevolle Nachrichten meiner Lieblingsmenschen, eine Playlist meiner Lieblingslieder, mit denen ich schöne Momente verbinde, zu denen ich tanzen kann, Collagen mit meinen Zielen, Träumen, Inspirationen und Marmeladengläser mit meinen Gute-Gründe-fürs-Leben-Zetteln.

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Quelle: Pexels - Jonathan Borba
Junge Frau, die Sonnenstrahlen auf sich scheinen lässt.

Hochsensibilität – warum ich so viel mehr wahrnehme

Autorin Annabell

Annabell, 23

Feinfühlig, schnell reizüberflutet, hohes Empathievermögen – findest du dich in einem der drei Eigenschaften wieder? Dann könnte dieser Artikel für dich interessant sein, denn es geht um Hochsensibilität. Vor einem Jahr fiel Annabell über genau dieses Thema ein Buch in die Hände und führte dazu, dass sie ihre Reaktionen, ihr Handeln und ihre Gedankengänge heute ein bisschen besser verstehen kann. Vielleicht bringt dir dieser Beitrag auch deinen AHA-Moment!

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Was ist Hochsensibilität überhaupt?

Hochsensibilität ist eine vererbte Veranlagung, ein Lebensgefühl, das mit einer intensiven Verarbeitung von Sinneseindrücken einhergeht, zumindest so Elaine N. Aron, eine amerikanische Psychologin, die den Begriff „Highly Sensitive Person (HSP)“ stark prägte. Im Jahr 1996 veröffentlichte Aron dazu ihr erstes Buch unter Einbezug ihrer Forschungsergebnisse und ist damit eine der Pionierinnen zum Thema Hochsensibilität. Etwa jeder Fünfte ist ihren Forschungen zur Folge „ziemlich“ oder „extrem sensibel“. Umso erstaunlicher, dass das Phänomen Hochsensibilität als solches weltweit erst seit rund 30 Jahren diskutiert wird und die Forschung dazu noch in den Kinderschuhen steckt. Elaine N. Aron führt dies darauf zurück, dass es lange mit Introversion, Schüchternheit oder gar Neurotizismus verwechselt wurde. Alles Eigenschaften, die in Folge von Hochsensibilität entstehen können, je nachdem wie hochsensible Menschen aufwachsen und welche Prägungen sie erleben.

Mir ist dabei besonders wichtig zu erwähnen, dass es sich nicht um eine Diagnose handelt, sondern viel mehr um eine Art Charakterzug. Eine besondere Anlage und Begabung für die Wahrnehmung von Feinheiten und eine deutlich gründlichere Verarbeitung von Informationen und Reizen.

Einige Merkmale für Hochsensibilität:

  • Intensive Reizaufnahme, egal ob innerer oder äußerer Reize: Gerüche, Geräusche, Temperaturen, Berührungen, Schmerzempfinden oder Einfluss von bereits geringen Mengen Koffein oder Medikamenten; ein Ausflug in die Stadt an einem Samstagnachmittag empfinde ich zum Beispiel als ziemlich anstrengend oder Gesprächspartner, die in einer für sie normalen Lautstärke mit mir sprechen, ist mir zu laut, andererseits kann ich in der Natur, beim „Waldbaden“ super entspannen
  • Meister:innen der Wahrnehmung und Anpassung: einerseits kann das sehr hilfreich sein, andererseits aber auch belastend, wenn man dabei seine eigenen Bedürfnisse, Grenzen und womöglich den Zugang zu sich selbst verliert, weil man so sehr versucht einer Version, die sich das Gegenüber vermeintlich wünscht, zu entsprechen.
  • Intensives emotionales Erleben, hohes Einfühlungsvermögen, guter Zuhörer, „soziale Hochbegabung“: mir ist es zum Beispiel ein sehr wichtiges Anliegen, dass es meinen Mitmenschen gut geht, ich halte es kaum aus, wenn eine Freundin leidet und versuche ihr meine Hilfe anzubieten, ihr Rückhalt und Liebe zu schenken, für sie da zu sein.
  • oft gewissenhaft, neigen zu Perfektionismus und möchten Fehler vermeiden
  • Kunst oder Musik kann Hochsensible tief bewegen

Warum wird eine sehr sensible Wahrnehmung in der Gesellschaft oft negativ bewertet und stigmatisiert?

Hochsensibilität wird leider oft missverstanden und Hochsensible erleben von ihrer Umwelt häufig, dass Menschen, die besonders viel spüren und an Reizen wahrnehmen, zart besaitet seien, Kritik nur schlecht annehmen könnten unter Freunden oder in der Familie nicht so viel aushalten würden. Hochsensible kennen oft auch lapidare und unüberlegte Kommentare ihres Umfeldes wie: „…dass du immer alles gleich so ernst nimmst“, „Spielverderber“ „stell dich nicht so an“, „du bist immer gleich so sensibel“, „sie muss mit Samthandschuhen angefasst werden, ihr darf nicht zu viel zugemutet werden!“ „Musst du immer gleich emotional werden?“. Merkmale wie, dass ein Streit oder eine Stimmung einen noch deutlich länger darüber hinaus beschäftigt, man sich schnell mal zurückzieht, wenn einem alles etwas zu viel wird, die Sorge in der Arbeit in Folge dessen als „schwach“ oder weniger belastbar wahrgenommen zu werden, ist oft Alltag für hochsensible Menschen.

Woher kommen allerdings tatsächlich all diese negativen Assoziierungen? Hier kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen sind wir heutzutage eine stark auf Leistung und Erfolg getrimmte Ellenbogengesellschaft, in der der Druck sich anzupassen, zu funktionieren groß ist und diese „feinen Nuancen“ schnell mal platt getrampelt werden. Andererseits werden Gefühle leider immer noch oft als Schwäche abgewertet, welche es zu unterdrücken gilt. Hochsensibilität kann nämlich auch ein großes Potential sein, wenn man es als Schatz auffasst und zulässt, dass die sehr feinen Antennen die Lebensqualität potenziell steigern können.

Einige positive Eigenschaften an Hochsensibilität sind:

  • Wertschätzender rücksichtsvoller Umgang mit dem sozialen Umfeld
  • Vorrausschauendes Denken und Handeln
  • Voller Ideenreichtum, können für ein Thema richtig brennen, sich und andere begeistern
  • Hinterfragen und beschäftigen sich gerne auf tiefgreifender Ebene mit Menschen und Themen
  • Intensives Erleben von Mitgefühl, wenn sie es zulassen auch sich selbst gegenüber

Oft fällt Hochsensibilität schon in der Kindheit auf

Mir wurde oft erzählt, dass ich ein relativ ruhiges Kind war, dass sich alles erstmal genau ansah, damit beschäftigt war, alle Wahrnehmungen in sich aufzunehmen und einzuschätzen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich immer ein sehr gutes Verhältnis zu meinem, einige Jahre älteren Bruder wahren wollte, den ich nicht so oft gesehen habe. Also gab ich mir große Mühe, wenn er allerdings genervt war und sich dementsprechend seine Stimme oder sein Blick veränderte oder ein seltsamer Kommentar kam, war ich sofort verunsichert, führte sein Verhalten als Konsequenz auf mich zurück und konnte meine Tränen kaum zurückhalten. Zum Teil ist das noch heute so.

Eine weitere Situation, die mir im Kopf geblieben ist, waren Kindergeburtstage. Vor allem bei meinen eigenen versuchte ich immer, dass sich alle wohlfühlten, jeder miteinbezogen war, jeder Spaß hatte. Für mich bedeutete das, dass ich am Ende des Tages sehr erschöpft war, weil ich so viel bei dem Wohlbefinden der anderen war, wodurch ich mich selbst zurückstellte.

Wenn ich Erwachsene über Themen sprechen hörte, nahm ich nicht nur das gesprochene Wort wahr, sondern hörte auch in welche Stimmung sie waren, ob eine Erwartung mitschwang oder eine Doppelbotschaft. Als Kind war das für mich teilweise verwirrend, da ich etwas anderes spürte als ausgesprochen wurde. Auch das ist typisch für Hochsensibilität.

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Bedeutet Hochsensibilität gleich Introvertiertheit?

Hochsensible Menschen benötigen vielleicht öfter mal einen Rückzugsort für sich, um Eindrücke zu verarbeiten oder sich zu sortieren. Das heißt aber nicht, dass Hochsensible ungern Zeit in Gesellschaft verbringen: feste Bindungen zu Menschen aufzubauen, ist oft bedeutsam. Einige Hochsensible sind sogar extravertiert, genauso wie es ein Mythos ist, dass kaum Männer hochsensibel seien.

Fazit: Hochsensibilität als Segen

Ich nehme es heute sehr positiv wahr, über meine Hochsensibilität Bescheid zu wissen. Denn ich habe mich immer wieder gefragt, was an mir „falsch“ sei, aber eigentlich war das nie der Fall, ich habe nur eine bestimmte Anlage vererbt bekommen, wie manche Menschen mit unterschiedlich langen Beinen oder einer bestimmten Augenfarbe zur Welt kommen. Es ist nichts, was ich verändern kann und es geht absolut nicht darum, es loszuwerden! Stattdessen versuche ich, für mich einen guten Weg zu finden und sie als Ressource zu nutzen: zum Beispiel beruflich, wo ich wie viele Hochsensible im sozialen Bereich meinen Weg gefunden habe. Zudem kann ich mir inzwischen Pausen viel besser zugestehen, da ich verstanden habe, dass mein Nervensystem viel mehr verarbeitet und ich mir gegenüber mit Selbstfürsorge begegnen darf. Mit der Erkenntnis, hochsensibel zur Welt gekommen zu sein, habe ich viele Dinge in meinem Leben plötzlich in einem anderen Licht gesehen, mir gegenüber mehr Verständnis aufbringen können und letztlich ist die Achtung vor mir selbst gewachsen.

In der Natur habe ich meine Kraftorte und schätze auch die Ruhe und Zeit, die ich alleine verbringe. Andererseits kann ich mich stundenlang in Themen vertiefen, die mich interessieren und liebe es, mich in meiner Kreativität in neuen Projekten auszuleben! Mit der Zeit lerne ich mich immer besser kennen und bekomme ein Gefühl dafür, Grenzen zu setzen und in mich reinzuspüren.

Ob du vielleicht auch zu den hochsensiblen Menschen gehörst? Diese Fragen können für dich ein erster Anhaltspunkt sein:

  • Du nimmst intuitiv wahr, wie es anderen geht und das beeinflusst oft auch deine eigene Stimmung?
  • Dir sind Gerechtigkeit und ein wohlwollendes friedliches Miteinander besonders wichtig?
  • Nach einem Stadtbummel spürst du die Erschöpfung deutlich, da dich die vielen Leute und Reize in den Geschäften quasi überfluten. Hast du anschließend erstmal das Bedürfnis nach Ruhe und würdest eine Einladung zu einer Geburtstagsparty am liebsten ausschlagen?
  • Bestimmte Aussagen vom Menschen in deinem sozialen Umfeld können dich noch lange beschäftigen und die Situation spielt sich vor deinem inneren Auge immer und immer wieder ab, vor allem wenn sie Kritik beinhaltet hat?
  • Aktuelle Nachrichten beispielsweise im Fernsehen, insbesondere negative oder brutale gehen nie spurlos an dir vorbei und der Weltschmerz kann dich stark einnehmen. Versuchst du daher, diese nur dosiert zu konsumieren?

Hier kannst du den Selbsttest dazu machen.

  • Rolf Sellin (2011): Wenn die Haut zu dünn ist – Hochsensibiliät vom Manko zum Plus. Kösel-Verlag.
  • Elaine N. Aron (2014): Sind Sie hochsensibel? Das Arbeitsbuch. mvg Verlag.
  • Corinna Hartmann (2022): Hochsensibilität. Psychologie Heute. Zuletzt aufgerufen am 21.06.2023 unter: https://www.psychologie-heute.de/gesundheit/artikel-detailansicht/42259-hochsensibilitaet.html
  • Healthy Habits: Hochsensibilität – Ressourcen von HSPs für HSPs. Zuletzt aufgerufen am 21.06.2023 unter: https://www.healthyhabits.de/hochsensibel-leben/
  • emotion.de: Hochsensibilität erkennen. Aufgerufen unter: https://www.emotion.de/psychologie-partnerschaft/persoenlichkeit/hochsensibilitaet-erkennen

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